Film

Charly Hübner zeigt klare Kante gegen Rechts

Der populäre Schauspieler Charly Hübner gibt sein Regiedebüt. Aber mit einem Dokumentarfilm. Und einem sehr politischen obendrein.

„Wer viel sät, wird auch ein bisschen ernten“: der Schauspieler und Regie-Novize Charly Hübner

„Wer viel sät, wird auch ein bisschen ernten“: der Schauspieler und Regie-Novize Charly Hübner

Foto: Reto Klar

Das ist die Woche von Charly Hübner. Denn nun läuft nicht nur der Romy-Schneider-Film „3 Tage in Quiberon“ in den Kinos, in dem er den Fotografen Robert Lebeck spielt und für den er eine Nominierung beim Deutschen Filmpreis erhielt. Noch wichtiger für ihn dürfte sein, dass jetzt auch sein Regiedebüt „Wildes Herz“ läuft. Ein Dokumentarfilm, in dem er sich seiner Heimat Mecklenburg-Vorpommern widmet, aber auch dem Problem dieses Landes mit Rechtsradikalen. Wir haben den Schauspieler gesprochen.

Der Lubitsch-Preis im Januar, „3 Tage in Quiberon“ im Februar auf der Berlinale, im März „Fühlen Sie sich manchmal ausgebrannt und leer?“ und jetzt im April starten „Quiberon“ und Ihr Regiedebüt am selben Tag. Sind gerade Charly-Hübner-Festspiele?

Charly Hübner: Das mag so scheinen. Man selber hat das ja nicht so im Griff. Dass „Quiberon“ und „Wildes Herz“ am selben Tag startet, darüber bin ich gar nicht so glücklich. Aber sagen wir so: Es ist gerade viel los. Theater kommt ja auch noch dazu. Mein Großvater hat immer gesagt: Wenn man viel sät, gibt’s auch n bisschen Ernte.

Viele Schauspieler machen irgendwann Regie, weil Ihnen zu wenig Rollen angeboten wurden. Sie haben keinen Spielfilm gedreht, sondern einen Dokumentarfilm. Da müssen die Gründe andere sein?

Sich selbst inszenieren: Ich glaube, das ist nicht gut. Weil man, wie bei Fotos, immer nur das aussucht, was einem am besten gefällt. Das war ein Grund für meine Entscheidung. Für den anderen müsste ich etwas länger ausholen.

Bitte sehr.

Ich hab ja schon mal einen Dokumentarfilm gemacht, einen kurzen zumindest. Als die ARD die Reihe „16 x Deutschland“ produziert hat, schlug mich der Produzent Lars Jessen für den Film über Mecklenburg-Vorpommern vor. Ich wollte eigentlich nicht, weil ich erst mal keine Idee hatte. Dann habe ich aber einen Artikel gelesen über eine Band namens Feine Sahne Fischfilet, die vom Verfassungsschutz beobachtet wird, weil sie gegen rechts ist. Da war ich irritiert: Warum ist eine Behörde, die die Verfassung zu schützen hat, gegen die, die+ sich gegen rechts engagieren? Ich habe das meiner angeheirateten Familie in Bochum erzählt, die sagten alle, nach Mecklenburg würden sie nie fahren, wegen der Nazis. Das hat mich total getroffen. Genau diese Zerrissenheit, diese paradiesische Landschaft, aber dieses Rechts-Problem, wollte ich aufzeigen.

Und wann war klar, daraus wird auch mal ein Langfilm?

Ich habe durch die Dreharbeiten Jan „Monchi“ Gorkow kennen gelernt, den Sänger von Feine Sahne Fischfilet. Eine solche Figur fehlt mir bei uns im Kino, sowohl im fiktiven als auch im dokumentarischen Bereich. Jemand, dessen Ambivalenz so sichtbar war, wie Jan es lebt. Das ist eine klare Linie, die mich sehr fasziniert hat.

Man muss seine Musik nicht mögen. Monchi wird einem im Lauf Ihres Films trotzdem immer sympathischer.

Er hat zum letzten Wahlkampf eine regelrechte Wahlkampftour bestritten und die „Noch nicht komplett im Arsch“ genannt. Das war schon ein Statement. Auf dieser Tour haben wir ihn begleitet. Wir haben nicht nur Monchi und die Band interviewt, sondern auch Monchis Eltern. Den Innenminister von Mecklenburg-Vorpommern, der uns seine Einschätzung über den Neofaschismus gab. Es gab auch ein aufschlussreiches Interview mit dem Leiter des Verfassungsschutzes. Da kam viel zusammen. Manches hat es nicht in den fertigen Film geschafft. Monchi gibt so viel mit als Persönlichkeit. Und er steht dazu. Deshalb haben wir vor allem seine Spur verfolgt.

Der Film zeigt auch, dass dieser Einsatz nicht ungefährlich ist. Für Monchi, in dessen Wagen plötzlich eine Axt steckt. Aber auch Ihr Kameramann wurde bei einer Rechts-Demo abgedrängt. Wie gefährlich war der Dreh für die Crew? Wie gefährlich ist das noch im Nachhinein, einen Film gegen Rechts gedreht zu haben?

Letzten Sommer hat die AfD von Mecklenburg-Vorpommern versucht, die Fördergelder zurückzufordern, die wir von der dortigen Filmkommission bekommen haben. Für die war das tendenziös, dass ein bekannter Schauspieler öffentliche Gelder kriegt, um einen Film über einen als „kriminell“ eingestuften Deutschlandhasser zu machen. Kurze Zeit später musste der stellvertretende AfD-Vorsitzende dort alle Ämter niederlegen, weil er zu dem Netzwerk Terror Nord gehört, die Waffen hortet und eine Todesliste aufgestellt hat. In diesem Stimmungsfeld bewegen wir uns. Von rechts wird man sich sicherlich positionieren. Aber das ist nicht überraschend. Und wissen Sie, ich bin schon 1987 das erste Mal in Neustrelitz von kurzgeschorenen Typen in Springerstiefeln verprügelt worden, weil ich nicht rechts war. Das war noch zwei Jahre vor Mauerfall. Das ideologische Geflecht ist also schon viel älter. Das ist vom letzten Krieg übrig geblieben und hat sogar die antifaschistische DDR überdauert.

Monchi sagt, es ist seine Heimat, die will er verteidigen. Gilt das auch für Sie?

Ich bin eher der Nomade. Aber ich brauche den Bezug zur Heimat schon sehr. Diese Seenlandschaft, da muss ich immer wieder hin. Das ist ein ganz anderes Gemeinschaftsgefühl als in der Welt des Films. Ich hätte wohl auch nie zugestimmt, „Polizeiruf“ zu machen, wenn das nicht dort spielen würde.

„Bleiben oder gehen“ heißt eins der Alben von Feine Sahne Fischfilet. War das auch für Sie die Frage? Sie sind 1993 nach Berlin gezogen, kurz nach den Ausschreitungen von Rostock.

Ich wollte eigentlich auf die Schauspielschule von Rostock, die hatte ei­nen guten Ruf. Die sollte aber geschlossen werden und war 1992 ausgesetzt. Ich hatte das Riesenglück, nach Berlin zu müssen. Im Nachhinein das Beste, was einem jungen Menschen passieren konnte in den 90er-Jahren. Aber ich bin schon auch weg, weil es mir auf den Sack ging, ständig in Trouble zu geraten. Ich hatte keine Band wie Monchi. Oder so eine Hood, wo man sich eindeutig positioniert. Damals war es auch viel radikaler. Es gab kein Schulfest, ohne dass wir überfallen worden wären. Manchmal habe ich im Theater geschlafen, weil die mir aufgelauert haben. Ich war so müde von dieser blöden Gewalt. Aber ich bewundere Leute wie Monchi, die geblieben sind, die ihre Heimat nicht aufgeben wollen und verteidigen. Den Film gemacht zu haben, ist meine Art, für die Region einzustehen.

Sie hatten einen Koregisseur zur Seite, Sebastian Schulz. Weil Sie sich das doch nicht allein zugetraut haben?

Naja. Ich habe einfach einen großen Respekt vor Regie. Das habe ich ja beim Film mit Andreas Dresen oder Eoin Moore erlebt oder am Theater mit Frank Castorf oder Jürgen Gosch. Das ist eine Fähigkeit, das muss man können. Deshalb brauchte ich Leute um mich herum, wie ein Sicherheitsnetz. Nicht nur Sebastian Schulz, auch Martin Farkas, unseren Kameramann, oder Moritz Springer, unseren Tonmann, die beide selbst Dokumentarfilme machen. Die hatten alle schon Erfahrung auf dem Metier, das war mir wichtig als Frischling.

Und haben Sie jetzt Blut geleckt. Weden Sie wieder mal Regie machen? Oder muss man Sie jedes Mal aufs Neue überreden?

Ich halte mich erst mal zurück. Wenn, dann geht das bei mir nur über den Inhalt. Ich würde das nicht machen, nur um wieder Regie zu führen. Und sollte ich mich doch mal an einen Spielfilm wagen, dann sicher nicht mit mir als Schauspieler. Ich würde mich auch unbedingt wieder absichern mit guten Leuten, die da zu Hause sind. Vielleicht ist es ja gut, wenn man so eine Quatschbacke wie mich hat, die was anschieben kann. Aber ob ich mal wie Castorf, Buck oder Dresen ganz zuhause sein werde im Denken von Inszenierung, das weiß die Zukunft. Ich mach bald Urlaub und da lass ich das mal in mir arbeiten.

Wir haben seit kurzem einen Heimatminister. Was ist Heimat für Sie?

Ganz persönlich natürlich Mecklenburg-Vorpommern. Einfach diese Landschaft und die bodenständigen Menschen. Mehr aber nicht. Das Heimatgefühl, das Nest, wo das unruhige Wesen in mir zur Ruhe kommt, das ist meine Familie, und die ist nicht ortsgebunden. Ruhe, das verbinde ich mit Heimat. Und Stille. Auch wenn ich so viel laute Musik höre.