Film

Wenn ein Stern verglüht: „3 Tage in Quiberon“

Marie Bäumer spielt die große Romy Schneider in einer tiefen Lebenskrise: „3 Tage in Quiberon“.

Foto: © 2018 PROKINO Filmverleih GmbH

Quiberon ist eine kleine Hafenstadt in der Bretagne. Als sich Romy Schneiders Leben in einer schweren Krise befindet, als sie sich im Jahr 1981 für einige Tage dort aufhält. Ihr Ex-Mann, der depressive Harry Meyen, hat sich im Vorjahr in Hamburg erhängt; die Schauspielerin macht sich deshalb Vorwürfe.

Zudem gestaltet sich das Verhältnis zu ihrem neuen Mann Daniel Biasini immer schwieriger. Auch ihr Sohn geht auf Distanz. Und die Deutschen hegen immer noch ihren Groll auf die nach Frankreich abgewanderte, einst stürmisch gefeierte und abgöttisch geliebte Sisi, die Romy Schneider in den Fünfzigern verkörpert hat und die sie nun einfach nicht mehr sein will.

All diese Zumutungen ihrer Mitwelt hat Romy Schneider lange Zeit mit Alkoholexzessen und Medikamentenmissbrauch zu bekämpfen versucht, nun sucht sie Entgiftung und vor allem: Ruhe. Weil sie aber Romy Schneider ist und die Ruhe zugleich fürchtet, hat sie schon Vorkehrungen gegen sie getroffen und einem Interview mit der Illustrierten „Stern“ zugestimmt. Das ist der Ausgangspunkt im Film „3 Tage in Quiberon“, der auf der Berlinale gefeiert wurde und nun endlich ins Kino kommt.

Zwei Journalisten, der Reporter Michael Jürgs und der Fotograf Robert Lebeck, sind auf dem Weg nach Quiberon. Kurz vor ihrem Eintreffen kommt auch Schneiders langjährige Freundin Hilde dorthin. Regisseurin Emily Atef hat diese drei Tage im Leben einer großen Schauspielerin in einen zutiefst anrührenden, ebenso diskreten wie präzisen Film übersetzt. Ihn in Schwarzweiß zu drehen, ist angesichts der von damals stammenden Bilddokumente fast zwangsläufig.

Und das Gleiche kann man auch über die Auswahl der Schauspieler sagen. Marie Bäumer beweist, dass sie weit mehr zu bieten hat als nur ihre äußerlichen Ähnlichkeit mit Romy Schneider: den sprunghafte Wechsel der Stimmungen, das mitreißende, charismatische Lachen, die einzigartige Offenheit dieser Frau und ihre tiefe, schwarze Verlorenheit.

Birgit Minichmayr, die wir oft genug in kraftvollen, widerborstigen Rollen gesehen haben, gelingt es hier mit kluger Zurückhaltung, den verglühenden Stern Romy noch sichtbarer zu machen. Ihre Hilde ist liebevoll besorgt um die gebrochene Freundin – umso mehr, als sie deutlich sieht, was der angereiste Reporter mit ihr vorhat, wie sehr er sie zur Selbstentblößung anstiften will.

Diesem Reporter verleiht Robert Gwisdek in den ersten zwei Dritteln des Films genau jene zynische Skrupellosigkeit, die man von ihm erwartet: unfreundlich, zudringlich, frei von Empathie und einzig interessiert am Seelenstriptease seiner Gesprächspartnerin. Man möchte kaum glauben, dass Michael Jürgs damals wirklich so forsch und selbstgewiss aufgetreten ist, aber dem Film verhilft dieser Reporter zunächst dramaturgisch zu den Kontrasten, die er nun einmal braucht.

Denn Charly Hübner als Robert Lebeck ist ein Gebirge der Liebenswürdigkeit, seiner alten Freundin Romy zugetan auf eine Weise, wie sie nur über die Dauer vieler Jahre entstehen kann. Dabei verfolgt auch er dasselbe Ziel wie der mitgereiste Schreiber, er weiß es nur humaner zu maskieren.

Mehr als diese vier Personen braucht es nicht, um „3 Tage in Quiberon“ zu einer sensiblen Meditation über Lebenskrisen und Sinnfragen zu machen. Wir sehen Romy Schneider als Häufchen Asche auf ihrem Bett, beim Flirten und Tanzen in einer Hafenkneipe, beim Posieren vor der Kamera, im Exzess und im Stillstand. Wir leiden mit ihr, wenn sie ihre guten Vorsätze über den Haufen wirft und wieder zur Flasche greift. Wir sind peinlich berührt von den Fragen des Reporters und hören die Antworten doch mit höchstem Interesse. Emily Atef gelingt das Kunststück, nicht nur eine Charakterstudie zu zeichnen, sondern auch das Problem der medialen Verwertung eines Menschen aufzuwerfen. Das macht diesen Film so ungewöhnlich und sehenswert.

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