Romy Schneider

„Ein Kraftakt“: Marie Bäumer über die Rolle ihres Lebens

| Lesedauer: 8 Minuten
Sie arbeitet gern in Deutschland, lebt aber lieber in Frankreich: Schauspielerin Marie Bäumer

Sie arbeitet gern in Deutschland, lebt aber lieber in Frankreich: Schauspielerin Marie Bäumer

Foto: jörg Krauthöfer

Nie wollte Marie Bäumer Romy Schneider spielen. Nun hat sie es doch getan. Und triumphiert mit „3 Tage in Quiberon“. Ein Gespräch.

Romy Schneider hat einmal gesagt, die Sissi klebe an ihr wie Grießbrei. Marie Bäumer könnte dasselbe von Romy Schneider sagen. Immerzu ist sie mit ihr verglichen und auf ihre Ähnlichkeit angesprochen worden. Und immer, wenn ein Filmprojekt über Romy Schneider anstand, wurde die Bäumer gefragt, ob sie das nicht spielen würde. Aber immer hat sie abgelehnt. Nun, mit 48 Jahren, in einem Alter, als Romy Schneider längst tot war, hat sie es doch getan. Und spielt in „3 Tage in Quiberon“, der am 12. April ins Kino kommt, die ältere, verbitterte Romy Schneider, die für ein großes Interview die Bilanz ihres Lebens zieht. Der Film geht mit zehn Nominierungen als Favorit ins Rennen um den Deutschen Filmpreis. Und Marie Bäumer spielt nichts weniger als die Rolle ihres Lebens. Wir haben die Schauspielerin nach der Berlinale-Premiere getroffen.

Nie wollten Sie Romy Schneider spielen. Warum haben Sie es nun doch getan? Zu einem Zeitpunkt, als schon keiner mehr damit gerechnet hat?

Marie Bäumer: Dieses „ewige Romy-Schneider-Thema“, das war immer ein Thema der Presse, nicht meins. Mich hat das nie wirklich beschäftigt. Ich habe auch immer gesagt, dass ich es nicht schlimm finde, mit Romy Schneider verglichen zu werden. Etwas Besseres kann man sich ja gar nicht wünschen. Ich hatte auch nie das Gefühl, dass es irgendwann mal „dran“ ist, Romy Schneider spielen zu müssen. Gar nicht! Ich habe aber immer gesagt, dass ich jede Form von Biopic ablehne. Filmbiographien schau ich mir grundsätzlich nicht gerne an, weil häufig eine solche Atemlosigkeit darin ist, weil ein so großer Anspruch besteht, in so kurzer Zeit viel zu erzählen. Und alle Romy-Schneider-Projekte, die an mich herangetragen wurden, das waren im Lauf meines Lebens vielleicht vier oder fünf, waren alle Biopics.

Dann hat Sie das Konzept überzeugt, drei Tage im Leben von Romy Schneider zu zeigen, in denen sie ihr Leben rekapituliert?

Was mich prinzipiell interessiert als Filmschauspielerin wie als Filmschauerin, ist eine Verdichtung. So tief in die Zelle zu dringen wie möglich. Aber dafür braucht man eben Zeit. Ich saß eines Tages mit meinem Freund Denis Poncet beim Austernessen, und bei Auster Nummer 13 fragte er mich, ob das Thema Romy Schneider für mich erledigt wäre. Ich sagte: Ja, machte aber eine lange Pause. Da schaute er ganz erwartungsfroh, ich musste den Satz irgendwie beenden. Also sagte ich: Außer du schafft es, am Ende ihres Lebens einen Zoom zu schaffen, einen Stellvertretermoment, um auch ein wenig auf den Mensch hinter der Ikone blicken zu können. Ich habe immer gesagt, dazu stehe ich auch heute noch, wenn man eine Schauspiel-Ikone interpretieren will, kann man nur gegen die Wand fahren. Es gibt da einige Versuche, aber ich finde, am Ende bleibt nur immer die Sehnsucht, das Original zu sehen.

Wofür steht Romy Schneider für Sie?

Ich kann sie immer wieder angucken, und immer wieder neu. Ich sage immer, wir sind als Schauspieler Sehnsuchtsträger. Und in dem Sinn konnte sie wirklich jede Facette anstoßen, sie hatte keine Angst vor Abgründen, sie hat sich da reingeworfen. Sie war physisch sehr frei, was sie sehr sinnlich gemacht hat. Beneidenswert frei. Das ist etwas, woran ich seit Jahren arbeite – als Schauspielerin, aber auch als Schauspieldozentin. Dass ich Romy Schneider spiele, habe ich dann bis kurz vor Drehbeginn verdrängt. Bis dieses Damoklesschwert wieder über mir hing.

Wie haben Sie die Dreharbeiten erlebt?

Nebel. Weil ich so viel weinen musste im Film. Das war ein wahnsinniger Kraftakt, wir haben zwölf Stunden gedreht. Dann musste ich den Text für den nächsten Tag lernen, habe schlecht geschlafen, musste aufstehen und wieder weinen. In der Zeit ist unser Filmproduzent gestorben und meine Kinderfrau, das war schrecklich. Aber die Regisseurin hat mich mit unnachahmlicher Kraft da durch navigiert und all meine Befindlichkeiten ertragen. Ich hatte einfach immer Angst, dass das nichts werden kann. Ich bin so froh, dass das vorbei ist.

Romy Schneider ist einst nach Frankreich gezogen, um dem Sissi-Rummel in Deutschland zu entkommen. Sie sind auch nach Frankreich gezogen. Um dem Romy-Rummel zu entkommen?

(lacht) Nein, das hat andere Gründe. Ich bin schon mit 17 durch die Bretagne und die Normandie geradelt. Dabei habe ich mich in dieses Land verliebt. Weitere 17 Jahre später, so lange hat es dann doch gedauert, bin ich dann mit einem Wohnmobil, meinem Sohn und meinem Mann in die Provence gezogen. Das ist eine Liebesverbindung, die ständig wächst. Das hat nichts damit zu tun, dass ich Deutschland schrecklich fände. Ich finde es wunderbar, hier zu arbeiten. Aber in Frankreich kann man einfach besser leben. Das hören die Deutschen nicht so gern, aber das muss man vielleicht mal akzeptieren. Jeder, der mich besuchen kommt, will nicht wieder weg.

Sie sind viel zu selten im Film zu sehen. Woran liegt das? Sind Sie so wählerisch? Oder gibt es einfach nicht mehr Angebote?

Der Vater meines Sohnes hat neulich ganz reizend gesagt, er kenne niemanden, der so konsequent auf seine Inhalte achtet. Ich bin vielleicht wirklich sehr wählerisch. Aber da ist dann auch die ganz nüchterne Tatsache, dass es für eine Frau ab 40 einfach nicht mehr viele Rollen gibt.

Das ist immer noch so?

Das ist grotesk. Für die Franzosen sind Frauen die wahren Helden des Kinos, weil sie genau die Emotionalität vermitteln, die das Kino braucht. Aber hier gilt das nicht. Wenn es jetzt mehr Stoffe gäbe, die mich wirklich interessierten, würde ich dafür kämpfen. Aber Filme wie „3 Tage in Quiberon“ sind selten. So einer braucht dann auch eine ganze Weile, bis man ihn wieder aus den Zellen raus hat. Das ist wie Hochleistungssport. Man macht ja auch nicht eine WM nach der nächsten.

In „3 Tage in Quiberon“ spielen Sie so gut wie nie. Hat man Sie womöglich unterschätzt? Hat man Ihnen so etwas nicht zugetraut?

Unterschätzt? Nein, wir haben einfach nicht genug Stoffe. Wir haben so viele herausragende Schauspielerinnen, die können aber alle nicht beweisen, was in ihnen steckt. In Frankreich werden im Jahr 200 Filme gedreht, bei uns nicht mal die Hälfte. Monika Grütters macht sich stark für die Frauenquote, sie hat auch die Filmförderung kräftig angeschoben. Das ist ein Anfang. Es muss aber auch darum gehen, dass wir nicht nur Kassenerfolge haben, so wichtig die für die Branche sind, sondern auch Filme, die als Kultursäule nach draußen gehen. Hierzulande wird der Arthousefilm behandelt wie eine Randgruppe, die mit 3,50 Euro auskommt. Was für ein Blödsinn! Das ist unsere Aussage in der Kunstform Film. Wenn man mit sechs Bällen jonglieren kann, will man nicht immer nur auf knapp gelegten Schienen vor sich hindaddeln.

In Frankreich wird Romy Schneider vielleicht noch mehr verehrt als in Deutschland. Fürchten Sie, mit Ihrem ruhigen Leben in Frankreich könnte es vorbei sein, da der Film auch dort in die Kinos kommt?

Das ist wie mit der Geburt eines Kindes, man kann das erst erfassen, wenn es passiert ist. Im Moment fühle ich mich noch sehr behütet in meiner kleinen Schutzblase. Aber ein paar Menschen aus meinem Dorf haben schon gesagt: Marie, das riecht nach Veränderung.