Film

Wie Wim Wenders seinen Film mit einem Strumpf gedreht hat

Wie ein 30 Jahre alter Film wieder ganz neu wurde: Regisseur Wim Wenders über die aufwendige Restaurierung – und einen Nylonstrumpf.

„Es war schon sehr berührend, das Originalnegativ vor Augen zu haben“: Regisseur Wim Wenders

„Es war schon sehr berührend, das Originalnegativ vor Augen zu haben“: Regisseur Wim Wenders

Foto: Reto Klar

30 Jahre nach der Uraufführung seines Films hat Wim Wenders „Der Himmel über Berlin“ noch einmal völlig neu restauriert. Das Ergebnis ist ein Film, wie man ihn noch nie gesehen hat. Wir haben mit dem Regisseur über diese aufwändige Arbeit gesprochen.

Berliner Morgenpost: Wieso ist „Der Himmel über Berlin“ jetzt in einer Bildqualität zu sehen, wie man sie selbst bei der Premiere vor 31 Jahren nicht sehen konnte?

Wim Wenders: Gute Frage. Hat in diesem Fall mit der Grundidee zu tun, dass ein Großteil des Films aus der Sicht der Schutzengel gesehen wird, und dass die die Welt in Schwarzweiß sehen, während wir Sterblichen sie in Farbe erblicken. Auf jeden Fall wurde der Film damals zu drei Vierteln auf Schwarzweiß gedreht und zu einem Viertel auf Farbe. Weil man aber nun Kopien, in denen sowohl Schwarzweiß als auch Farbe vorkommt, nur von Farbnegativen machen konnte, hieß das, dass damals sämtliche Schwarzweiß-Teile, also der größere Teil des Films, mehrfach umkopiert werden mussten.

Ich will sie jetzt nicht mit technischen Details langweilen, auf jeden Fall waren damals alle Filmkopien vom „Himmel über Berlin“ sechs Generationen vom Originalnegativ entfernt. Stellen Sie sich vor: Sie nehmen ein schönes Foto, stecken das in den Kopierer, machen eine Kopie davon, und dann von dieser Kopie wieder eine und so weiter, das Ganze sechsmal. Was Sie am Ende in der Hand halten, hat längst nicht mehr die Auflösung, die Schärfe und den Kontrast des ursprünglichen Bildes. Anders ging das damals nicht.

Aber heute kann ich das ursprüngliche Kameranegativ in einer maximalen Qualität einscannen, also digitalisieren, völlig verlustfrei, und eben davon, in der ersten Generation, den Film wieder zusammenbauen. Ist eine lange fitzelige Arbeit, erfordert viel Geduld, aber hat als Ergebnis, dass der Film jetzt schöner aussieht als je zuvor. Vor allem sein Schwarz-weiß ist jetzt ein richtig knackiges Schwarz-weiß, so wie mein legendärer Kameramann Henri Alekan sich das damals gewünscht hatte. Der war untröstlich, dass man letzten Endes damals von einem Farbnegativ kein ordentliches Schwarzweiß herstellen konnte. Aber daran war, wie gesagt, die Grundidee des Films schuld, und die Engel...

Stimmt es, dass Ihr Film mit einem Nylontrumpf über der Kamera gedreht worden ist?

Der Strumpf war nicht über die Kamera gespannt, sondern lediglich vor die Linse, und zwar ganz dicht davor, so dass er wie eine Art Filter funktionierte, der eine ganz feine Diffusion bewirkte. Gucken Sie mal durch einen Nylonstrumpf, den Sie ganz dicht vors Auge halten. Genau diesen Strumpf seiner Großmutter, die ihn in den 20er-Jahren getragen hatte, hatte unser Chefkameramann schon 1946 für seinen wunderbaren Film „Die Schöne und das Biest“ verwendet. Die Wirkung des Strumpfes war ein zauberhafter feiner „Schmelz“, der sich über das ganze Bild legte, vor allem über Spitzenlichter, denen er sogar hie und da ein Sternchen entlockte. Kein neuzeitlicher Filter hatte diesen Effekt. Und in der Tat wurde jede Einstellung vom „Himmel über Berlin“ durch Großmutters Strumpf gedreht. Erst am vorletzten Drehtag hat er seinen Geist aufgegeben.

Was empfanden Sie, als Sie die alten Bilder noch mal so genau einer Revision unterzogen haben? Kamen da auch Erinnerungen hoch?

Es war schon sehr berührend, das Originalnegativ vor Augen zu haben, das damals durch die Kamera gelaufen ist. Es gab so viel mehr Details zu sehen! Plötzlich war jedes Straßenschild zu lesen, und selbst die Graffitis waren wieder alle zu entziffern, auf der Mauer, die damals noch quer über das Niemandsland lief, wo heute der Potsdamer Platz steht.

Viele Mitwirkende am Film, Curt Bois, Henri Alekan, Peter Falk, Solveig Dommartin, Otto Sander, sind längst nicht mehr. Überkam Sie da auch Wehmut?

Oh ja! Aber auch deren Andenken hat die Restaurierung des Films gut getan.

Ging es Ihnen damals wie Ihrem Engel: Waren Sie ein Überflieger, der durch Berlin geerdet wurde?

Die Stadt Berlin hat den Film in der Tat „geerdet“, das haben Sie schön gesagt. Sogar mehr noch: Die Stadt hat den Film mit ins Leben gerufen, hat ihn mit ausgelöst, hat ihn im wahrsten Sinne des Wortes „mitgetragen“, auch als heimliche Hauptdarstellerin. Schließlich spielte sie die Titelrolle...

„Der Himmel über Berlin“ wirkt noch heute wie eine einzige Liebeserklärung.

War es damals, und ich freue mich, dass man das auch heute noch sieht, auch wenn von der Stadt, in der wir damals gedreht haben, nicht mehr viel übrig ist. Heute ist unser Film geradezu ein historisches Dokument einer verschwundenen (oder neu auferstandenen) Stadt.

Wurmte es Sie eigentlich, dass Sie damals nicht in Ost-Berlin drehen konnten? Oder Ist Ihr Film erst dadurch erst zur Chiffre geworden?

Das hat mich damals sehr gegrämt, aber war einfach nicht drin. Ich bin ja selbst bis zum Filmminister der DDR vorgedrungen mit meinem Anliegen, den Film unter dem ganzen Himmel der Stadt drehen zu können. Aber als der dann gehört hat, dass die Hauptdarsteller unsichtbare Engel waren, die sicher nicht bloß durch Mauern gehen konnten, sondern auch durch DIE Mauer, hat er nur abgewunken. Trotzdem haben wir mit Hilfe eines Ostberliner Kameramanns zumindest ein paar subjektive Fahrten durch den Prenzlauer Berg im Film drin. Das Material musste damals unter dem Rücksitz eines VW Käfers in den Westen geschmuggelt werden...

Ihr Film handelt von der Vereinigung zweier grundlegend fremder Wesensformen, Mensch und Engel. Und am Ende ist von dem Wunsch die Rede, es müsse etwas passieren. Haben Sie da auch die deutsche Wiedervereinigung herbeigesehnt, vorausgeahnt?

Haben wir uns sicher ALLE herbeigesehnt, aber ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass irgendeiner von uns das hätte ahnen können, dass zwei Jahre später nicht nur Engel sondern alle Berliner durch die Mauer hindurchkamen.

Mit „In weiter Ferne, so nah!“ haben Sie eine Fortsetzung gedreht. Könnten Sie sich irgendwann noch einen dritten Teil vorstellen oder ist das vorbei?.

Ich habe mein Glück schon mit dem zweiten Teil sehr strapaziert. Und wie Sie ja schon gesagt haben, sind ja nicht mehr viele übrig von unserer Besetzung. Auch von denen, die zusätzlich bei „In weiter Ferne, so nah!“ mitgespielt haben, als da sind Heinz Rühmann, Horst Buchholz oder Lou Reed.

Ist Berlin heutzutage möglicherweise zu „überdreht“, zu ausgefilmt?

Nö, finde ich nicht. In Berlin gibt es nach wie vor viele Ecken, an denen es sich lohnt, zu drehen.

Ihr Film gilt als Klassiker des Berlin-Films, für einige ist er der Berlin-Film schlechthin. Gibt es das überhaupt, den „Berlin-Film“?

Wenn es ihn nicht gäbe, hätten wir ihn mit dem „Himmel über Berlin“ erfunden. Aber das gilt auch für „Lola rennt“, oder für „Good Bye Lenin!“ und nun gerade im Besonderen auch für die Serie „Babylon Berlin“.