Film

Ein Klassiker, völlig neu gesehen: „Der Himmel über Berlin“

Im Zoo Palast präsentiert Wim Wenders noch einmal „Der Himmel über Berlin“ – in einer Bildqualität, wie man sie noch nie gesehen hat.

Foto: Studiocanal

Er ist einer der schönsten Filme über die Stadt. Vielleicht sogar der Berlin-Film schlechthin. Und noch immer ist „Der Himmel über Berlin“ für Überraschungen gut. Über 30 Jahre nach seiner Uraufführung kommt der Klassiker von Wim Wenders noch einmal in die Kinos, vollständig restauriert und in einer Bildqualität, wie sie noch nie zu sehen war. Seit der Zoo Palast und die Berliner Morgenpost ihre gemeinsame Filmreihe „Hauptrolle Berlin“ gestartet haben, wollte man diesen Film zeigen. Lange hat es nicht geklappt. Dafür feiert die neue Version, die so bisher nur auf der Berlinale zu sehen war, nun seine Publikumspremiere innerhalb dieser Reihe.

Für dieses Special wird erstmals der übliche Turnus der Filmreihe, der erste Dienstag des Monats, ausgesetzt. Gezeigt wird der Film am 12. April, zum neuen Kinostart. Bei der „Hauptrolle Berlin“ wird Wim Wenders aber auch persönlich anwesend sein und noch einmal über sein Werk und dessen Generalüberholung sprechen. Und das im Großen Saal des Zoo Palastes.

Ein Film, der zur Chiffre für das alte West-Berlin wurde

Was für eine tröstliche, was für eine poetische Idee liegt diesem Werk zugrunde: Es gibt Engel in unserer Stadt. Und sie wachen über uns, stehen uns bei, teilen unsere Sorgen. Und sie sind überall. Wir haben nur verlernt, an sie zu glauben. Wie tröstlich aber auch dies: Sie beneiden uns, diese überirdischen Wesen, um unseren ganz banalen Alltag. Um die kleinen Dinge des Lebens, das Riechen, das Schmecken, das Fühlen. Und dann verliebt sich einer dieser Unsterblichen unsterblich in eine Irdische. Eine Trapezkünstlerin, auch sie eine Luftgestalt. Für sie will er Mensch werden und seine Ewigkeit aufgeben.

„Der Himmel über Berlin“ ist eine Heimkehr. Acht Jahre lang hatte Wim Wenders zuvor in den USA gelebt, hatte sich seinen amerikanischen Traum verwirklicht und dort Filme realisiert. Doch er kehrte höchst ernüchtert zurück. Und zog nach Berlin. Für ihn der Inbegriff von Europa, in all seiner Zerrissenheit. Wenders kannte die Stadt schon, entdeckte sie sich aber neu, auf langen Spaziergängen und Radtouren. Überall fiel ihm auf, wie viele Engel es im Stadtbild gab. So kristallisierte sich die Idee zu einem Film über die Metropole, mit Engeln als Schlüsselfiguren. Es war 1987 der cineastische Beitrag zur 750-Jahr-Feier Berlins.

Ein Film fast ohne Handlung, aber voller Poesie. Über eine Stunde lang schwebt die Kamera rast- und schwerelos durch die Stadt, gleitet über Häuser, Straßen, an Passanten vorbei. Heute gehören solche Flugaufnahmen zum Standard, damals waren sie eine Sensation. Und eine Meisterleistung des Helikopter-Piloten, der stets Gefahr lief, die Lufthoheit der DDR zu verletzen.

Über die Hälfte des Films über sehen wir lauter kleine, angerissene Szenen, in denen die Engel den Menschen und ihren Gedanken lauschen. Aufgenommen in schönem, strengem Schwarzweiß. Denn die Engel, sie sind farbenblind. Und zu ewiger Passivität verdammt. Bis einer von ihnen, Damiel (Bruno Ganz) es leid ist, bis er selbst aktiv werden und Farbe bekennen will.

Wenders war damals selbst so ein Damiel. Einer, der nach seinem Amerika-Trip seltsam in der Luft hing, der wieder Bodenhaftung gewinnen wollte. Er konnte nicht ahnen, dass ihm damit ein Klassiker gelingen sollte. Aber eine Liebeserklärung, das war schon seine Intention. Und zwar eine doppelte. An seine damalige Lebensgefährtin Solveig Dommartin, die die Artistin spielt. Und an seine neue Stadt, der er bis heute verbunden ist.

Er drehte mit Stars der Schaubühne wie Bruno Ganz und Otto Sander, mit Stars des Berliner Underground, mit einer lebenden Legende wie Curt Bois, der zur Nazi-Zeit aus Berlin fliehen musste. Er drehte auch mit einem US-Star, Peter Falk, eine letzte Reminiszenz an seinen geplatzten Amerika-Traum. Und mit Weggefährten wie Peter Handke und Nick Cave.

Längst ist „Der Himmel über Berlin“ auch ein Zeitdokument. Weil er, nur zwei Jahre, vor Mauerfall, die Agonie der „Frontstadt“, der Insel nachzeichnete, mit all ihren Wunden und Narben, sozialen und historischen, die diese Stadt so offen auslegte wie keine andere. Ein Zeitdokument aber auch, weil es viele Schauplätze längst nicht mehr gibt. Gedreht wurde an Orten, die bis dahin im Kino eher nicht vorkamen, die Staatsbibliothek, die Gedächtniskirche, die Siegessäule. Aber vor allem an öden, leeren Brachen, die längst verschwunden, verbaut sind. Allen voran der Potsdamer Platz, der damals noch eine weite Steppe, ein von Unkraut überwuchertes Niemandsland war. Allein diese Bilder des alten West-Berlin lohnen, den Film noch einmal zu sehen.

Der Himmel über Berlin blieb ein geteilter Himmel

Wenders wollte unbedingt auch im Osten der Stadt drehen. Aber für Engel, die durch Mauern gehen können auch durch die Mauer, dafür gab es keine Drehgenehmigung von der DDR. So blieben nur ein paar heimlich im Osten aufgenommene Stimmungsbilder. Und wenn der Engel Damiel auf der Schulter der Goldelse steht, der größten Berliner Engel-Skulptur, schaut er sehnsüchtig Richtung Osten. Auch der Himmel über Berlin war damals noch ein geteilter Himmel. Dafür vollzieht sich die Menschwerdung des Engels direkt im Mauerstreifen, dem Niemandsland zwischen Ost und West (für den eigens ein Stück Mauer nachgebaut werden musste). Der Film wurde auch deshalb zur Chiffre, weil er nicht nur die Teilung der Stadt nachzeichnete, sondern auch die Sehnsucht, sie zu überwinden.

Einen Makel aber hatte der Film. Die Szenen mit den Engeln waren alle schwarzweiß, die Sicht der Menschen, aber in Farbe gedreht. 1987, tief im analogen Bild-Zeitalter, war es unmöglich, Farb- und Schwarzweiß-Aufnahmen auf ein Negativ zu ziehen. In einem aufwändigen Verfahren mussten alle Aufnahmen auf ein endgültiges Farbnegativ ­gezogen werden (siehe Interview). Die fertige Kopie war aufgrund vieler Zwischenschritte schließlich sechs Generationen vom ursprünglichen Kamera­Negativ entfernt. Ein hoher Preis für die poetische Grundidee. Und ein herber Verlust an Kontrast, Schärfe, Details.

Wim Wenders hat all seine Filme der Wenders Foundation vermacht, die sich auch der Restaurierung dieser Werke verschrieben hat. Und so wurde nun endlich, drei Dekaden später, das Farb- wie das Schwarzweißmaterial ohne Verluste neu zusammengeführt. Und so sieht man den Film nun endlich in der Version, die dem Filmemacher immer vorgeschwebt hat. Selbst für Kenner, die den Film schon oft gesehen haben sollten, eine cineastische Offenbarung.

Zoo Palast am Donnerstag, 12. April, 20 Uhr, in Anwesenheit von Wim Wenders.

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