Friedrich-Luft-Preis

So sehen Sieger aus - Deutsches Theater ausgezeichnet

Der Friedrich-Luft-Preis 2017 geht an Bastian Krafts Inszenierung „Tod eines Handlungsreisenden“ am Deutschen Theater.

Der Gewinner: „Tod eines Handlungsreisenden“ in der Regie von Bastian Kraft mit Ulrich Matthes, Benjamin Lillie und Camill Jammal (v.l.) am Deutschen Theater

Der Gewinner: „Tod eines Handlungsreisenden“ in der Regie von Bastian Kraft mit Ulrich Matthes, Benjamin Lillie und Camill Jammal (v.l.) am Deutschen Theater

Foto: Eventpress Hoensch / picture alliance / Eventpress Ho

Berlin.  Es wird getrauert im Hause Loman. Die kleine Gemeinde versammelt sich um einen Tisch: Familienoberhaupt Willy Loman ist tot. Er hat sich das Leben genommen. Zurück bleiben seine Frau Linda und die beiden Söhne Biff und Happy.

Das Ende kommt nicht überraschend, es ist sowohl im englischen Originaltitel als auch in der deutschen Übersetzung („Death of a salesman“/„Tod eines Handlungsreisenden“) enthalten. In der literarischen Vorlage findet sich die Szene mit der Totenmesse und Lindas Monolog, in dem sich die Witwe über Willys finalen Entschluss wundert, allerdings erst am Schluss.

Regisseur Bastian Kraft aber stellt dieses Bild an den Anfang seiner Inszenierung im Deutschen Theater. Das mutet wie ein radikaler Umgang mit einem modernen Klassiker an. Aber man kann es aus der Vorlage ableiten, denn Autor Arthur Miller verwendete in seinem 1949 geschriebenen, am Broadway uraufgeführten und mehrfach verfilmten Stück Rückblenden als dramaturgisches Mittel. Kraft treibt dieses Stilprinzip gewissermaßen auf die Spitze, wenn er jetzt das Ende an den Anfang stellt.

Die siebenköpfige Jury des Theaterpreises der Berliner Morgenpost hat Bastian Krafts Interpretation überzeugt: Seine Inszenierung des Klassikers „Tod eines Handlungsreisenden“ erhält den mit 7500 Euro dotierten Friedrich-Luft-Preis als „beste Berliner und Potsdamer Aufführung des Jahres 2017“. Die Berliner Morgenpost verleiht die Auszeichnung seit 1992 im Andenken an ihren 1990 gestorbenen Theaterkritiker Friedrich Luft.

Die Rolle ist Ulrich Matthes auf den Leib geschneidert

„Diese Inszenierung ist wie eine Kerze, die von zwei Seiten brennt: Sie verbindet historische mit gegenwärtiger Relevanz“, begründete die Jury ihr Votum für „Tod eines Handlungsreisenden“. Die Auszeichnung sei auch „ein Verdienst von Ulrich Matthes, der die Titelrolle spielt. Matthes verkörpert einen hilflosen Realitätsverweigerer, der seinen stillen Abgang mit anrührender Unausweichlichkeit vorbereitet“. Die radikal reduzierte und klug auf 95 Minuten Spieldauer gekürzte Inszenierung ist ihm auf den Leib geschneidert. Willy Loman kämpft sich bei seinem ersten Auftritt langsam ins Zentrum der Bühne, sein übergroßer Schatten, ein Stilprinzip des Abends, verfolgt ihn auf der weitgehend leergeräumten Bühne von Ben Baur.

Die Erwartungen, sie sind übermächtig. Aber die Lebenslüge, die funktioniert irgendwann nicht mehr. Während Willy Loman noch immer von seinem großen Coup träumt und mit Personen spricht, die nur für ihn real existieren, plant sein Chef schon längst ohne ihn. Seine Zeit ist abgelaufen, sein Traum ausgeträumt.

Kraft, der 1980 in Göppingen geboren wurde und in Gießen Angewandte Theaterwissenschaft studiert hat, arbeitete mit Ulrich Matthes am Deutschen Theater bereits 2014 bei Friedrich Dürrenmatts „Der Besuch der alten Dame“ zusammen. Auch so ein moderner Klassiker, Schullektüre und Teil des Bildungskanons. Und ein Beispiel für modernes Erzähltheater à la Kraft. Auch diese Arbeit war für den Friedrich-Luft-Preis nominiert, sie steht auch immer noch auf dem Spielplan des Deutschen Theaters. In „Der Besuch der alten Dame“ hatte der Regisseur 2014 die Titelfigur vervielfacht, der Alfred Ill von Ulrich Matthes bewegte sich durch die Pappkulissen wie die Figuren des expressionistischen Filmklassikers „Das Cabinet des Dr. Caligari“.

Deutsches Theater mit vier Produktionen dabei

Für die aktuelle Auszeichnung waren insgesamt zehn Inszenierungen im Rennen, vier Kandidaten steuerte allein das Deutsche Theater bei. Und drei davon schafften es schließlich auch in die finale Runde der Jurydiskussion. Neben dem Preisträger waren das „Der Hauptmann von Köpenick“ in der Regie von Jan Bosse mit Milan Peschel in der Titelrolle und „Gespenster“, eine Inszenierung von Sebastian Hartmann, die das gleichnamige Ibsen-Stück mit Motiven aus Strindbergs „Der Vater“ und Versen aus Heinrich Heines „Deutschland. Ein Wintermärchen“ verschneidet.

Und mit dem Heimathafen Neukölln hatte es auch ein Off-Theater in die Endauswahl geschafft. Regisseurin Nicole Oder wirft in „Human Traffic“ ein helles Schlaglicht auf den teuflischen Zusammenhang zwischen Armut und dem Schleppergeschäft. Das Stück basiert auf dem Roman „Flucht“ von Hakan Günday, in dem der neunjährige türkische Schlepperjunge Gazâ eine sehr gegenwärtige Geschichte erzählt. Im Heimathafen Neukölln wird das im Stil einer Live-Graphic-Novel inszeniert. Das Bühnenbild zeichnet Bente Theuvsen an einem Overhead-Projektor, es wird live auf die Rückwand der Bühne projiziert. „Die Existenz der Hölle ist noch lange kein Beweis für die Existenz des Paradieses“, heißt es an einer Stelle dieses bedrückenden und berührenden Abends.

Zur Jury des Friedrich-Luft-Preises gehören aktuell die Schauspielerinnen Martina Gedeck und Claudia Wiedemer, der Intendant der Berliner Staatsoper, Jürgen Flimm, die Autorin Lucy Fricke, die Theaterkritikerin Katrin Pauly, der Gründungsintendant des „Deutschlandradios“, Ernst Elitz, sowie Felix Müller, der Kulturchef der Berliner Morgenpost. Die Preisverleihung findet am 14. Mai im Anschluss an eine Vorstellung von „Tod eines Handlungsreisenden“ im Deutschen Theater statt.

Mehr zum Thema:

Für Peter Lohmeyer gibt es „Wichtigeres als die Bühne“

Salome „ist eine anstrengende Oper“

Heiner Müller in Zeiten der Zuwanderung

Sasha Waltz will Neuausrichtung für Staatsballett Berlin

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.