Hans Neuenfels gehört zu den Opernregisseuren, die ihr Publikum immer wieder in treue Anhänger und erboste Widersacher spalten. Eine seiner Inszenierungen musste sogar unter Polizeischutz gestellt werden. In Mozarts „Idomeneo“ an der Deutschen Oper stellte die Titelfigur am Ende die abgeschlagenen Köpfe von Poseidon, Christus, Buddha und Mohammed auf vier Stühle. Das Landeskriminalamt warnte vor Islamisten, es folgten Proteste gegen die Absetzung der Oper und 2006 die bewachte Wiederaufnahme. Auch in der „Salome“, die Neuenfels gerade an der Staatsoper Unter den Linden inszeniert, sollen wieder Köpfe rollen. In der Richard-Strauss-Oper fordert die zurückgewiesene Salome den Kopf des Jochanaan und bekommt ihn auf dem Silbertablett. Es werden am Ende einige Köpfe mehr sein. „Ich habe schon vor zwei Wochen zu meinem Bühnenbildner gesagt, das wird das Publikum an ,Idomeneo‘ erinnern“, meint Neuenfels.
Dichterdandy Oscar Wilde beschuldigte das Christentum
Der Regisseur beschreibt die Oper als eine Parabel, in der Vertreter verschiedener Systeme gegeneinander antreten. Bei der Premiere am Sonntag wird Polizeischutz unnötig sein. Neuenfels will dicht an der Textvorlage von Oscar Wilde bleiben. Der Dichter erscheine sogar auf der Bühne – „mit Kopf und ohne Text“, wie der Regisseur sagt. „Es ist die große Behauptung von Oscar Wilde, dass das Christentum schuldig ist an unserer unterdrückten Lebenskultur. Man kommt nicht umhin, das Schicksal Wildes in der Oper zu betrachten.“ Der exzentrische Dandy war im prüden viktorianischen Großbritannien wegen homosexueller „Unzucht“ ins Gefängnis gekommen. Bald nach seiner Entlassung starb Wilde als gebrochener Mann.
Neuenfels erinnert beiläufig an Regisseur Kirill Serebrennikov, der seine „Salome“ in Stuttgart in die Auseinandersetzungen mit dem heutigen Islam verlegt hat. „Das würde ich nicht tun. Mir reicht das Christentum. Jochanaan ist ein christlicher Kopf.“
Neuenfels erste Produktion im Stammhaus Unter den Linden
An der Staatsoper hat Neuenfels bereits Mozarts „La finta giardiniera“ und Strauss’ „Ariadne auf Naxos“ inszeniert. Die beiden Premieren fanden in der Ausweichspielstätte Schiller-Theater statt. „Salome“ ist seine erste Produktion im sanierten Stammhaus Unter den Linden. Neuenfels stöhnt zufrieden. „Wir hatten glückliche Proben. Es hat sich keiner geschont“, sagt er: „Für die Sänger ist entscheidend, dass sie sich im Ausdruck radikal den Figuren hingeben. Die Figuren sollen schnörkellos sein, ohne jede Eitelkeit.“
Für ihn dreht sich alles um die drei Hauptfiguren Salome, den Propheten Jochanaan und Herodes. „Herodes wird immer unterschätzt. Er ist ein Amokläufer vor sich selbst, Angst und Schrecken wuchern in ihm. Er ist planlos und steht immer unter 100 Volt“, sagt Neuenfels: „Salome ist dagegen mit einem Plan radikalisiert. Jochanaan bebt vor Verboten und Anschuldigen der anderen, eigentlich nur, um seine eigene Gefährdung durch die Leibeswünsche zu überdecken.“ Das Heuchlerische sei sein Schicksal.
Letzte große Opernpremiere von Neuenfels in Berlin
Nach einem Skandal, für den Neuenfels einst berühmt-berüchtigt war, klingt das alles nicht. „Ich hatte meistens keine Ahnung, wie die Leute meine Sachen finden“, sagt er. „Natürlich wusste man zu gewissen Zeiten, wie die Sehgewohnheiten oder die Figurenkonstellationen auf pikante Stellen in den Interpretationen treffen. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass das Publikum bei ,Salome‘ eine verinnerlichte, beschauliche Sicht erwartet. Es ist eine anstrengende Oper.“
Anstrengend sei auch der Beruf des Regisseurs, sagt Neuenfels. Die „Salome“ wird seine letzte große Opernpremiere in Berlin sein. Im Sommer will er noch Tschaikowskys „Pique Dame“ in Salzburg inszenieren. Dann ist Schluss? „Es sieht so aus“, sagt er leise. „Wenn ich arbeite, möchte ich das mit der Intensität wie vor 30, 40 Jahren tun. Ich rege mich halt leichter auf als andere. Probenzeiten laufen immer ein bisschen über die Kraft.“ Beiläufig rechnet er die Mühe vor, um von seiner Wohnung in Charlottenburg zum Opernhaus nach Mitte zu kommen. Bei zwei Proben täglich brauche er viermal 17 Minuten im Taxi.
Die verpasste Chance eines eigenen Spielfilms
Er sei zu redlich, um etwas zu unterschreiben, was andere zu Ende führen müssten, sagt Neuenfels. „Ich kann doch nicht bis 2022 planen, das wäre idiotisch. Ich werde 77.“ Aber es sei wie alles, von dem man Abschied nimmt, ein schmerzhafter Prozess. Ob es in seinem Künstlerleben verpasste Chancen gebe? „Aber ja“, sagt Neuenfels. „Mein Sohn ist ein sehr guter und erfolgreicher Kameramann. Vor 20, 30 Jahren hatte ich mit Filmen angefangen. Bei den Theaterfilmen war ich schon ziemlich perfekt. Ich hätte gerne einen richtig freien Spielfilm gedreht. Aber mir war die Beschaffung der Gelder zuwider.“ Mit Reuegedanken schlage er sich aber nicht herum.
Um die Zukunft der Gattung Oper macht er sich wenig Sorgen. „Es ist eine hochvitale, emotionale Kunstform. Musik hat viel mit dem Unterbewussten zu tun. Da die Gesellschaft immer zur emotionalen Kühle neigt, bietet die Oper die Möglichkeit, sich zu öffnen und auf eine Fantasiewelt einzulassen.“ Über seine eigenen Pläne sagt Neuenfels nur wenig: „Ich schreibe ab und zu was. Ich habe da keinen Plan. Das ergibt sich.“


