Maxim Gorki Theater

Heiner Müller in Zeiten der Zuwanderung

„Die Hamletmaschine“ des Dramatikers ist die dritte Produktion, die geflüchtete Schauspieler beschäftigt.

Szene aus der „Hamletmaschine“ im Maxim Gorki Theater

Szene aus der „Hamletmaschine“ im Maxim Gorki Theater

Foto: Ute Langkafel MAIFOTO

Die Horrorclowns sind los. Sie tänzeln an der Rampe entlang, blicken bedrohlich ins Publikum, zeigen billige Tricks, lassen Luftballons platzen oder schleifen einen Vorschlaghammer mit sich herum. Auf der leeren Hinterbühne formieren sie sich im Lichtkegel zu immer neuen lebenden Bildern. Beunruhigend ist das, auch wegen der treibenden, knackenden Soundspur von Tobias Koch.

Manchmal sprechen sie auch, auf Deutsch, Arabisch, Englisch. Und zwar ausgerechnet einen der unzugänglichsten Theatertexte, Heiner Müllers „Die Hamletmaschine“. Er ist nur sechs Seiten lang, ein kurze, bissige Monolog-Fantasie über Shakespeares Drama, in der Müller 1977 die Situation der DDR-Intellektuellen reflektiert – Kunst bietet keine Zuflucht mehr, ist wirkungslos geworden.

Meist aber rauscht der Text in seinen fünf Teilen als Projektion über die Gaze, die Vorder- und Hinterbühne voneinander trennt. Einer der Clowns krächzt mit verzerrter Stimme die Kapitelüberschriften, während er vor dem Mikrofon gemächlich einen Bleistift spitzt. Dazu hat Ayham Majid Agha, Oberspielleiter des Exil-Ensembles, Texte gewoben, die die Situation der Künstler im Nahen Osten und auf der Flucht reflektieren: Damaskus, geboren aus dem Kain-und-Abel-Brudermord.

Berlin als Stadt an einem Meer aus Blut, das bis Damaskus reicht. Einmal gibt es eine durchaus witzige, kritische Auseinandersetzung zweier Frauen über den aus heutiger Sicht eher abwertenden Feminismus Heiner Müllers. Vom „Zweiten Clown im Kommunistischen Frühling“ schreibt Müller einmal, der hier zum „arabischen Frühling“ wird, philosophiert mehrdeutig über die Rolle, aus der der Sprechende aussteigt. Aus diesen Spuren webt Sebastian Nübling seine Inszenierung, choreografiestark wie schon seine gefeierten Sibylle-Berg-Abende hier am Haus. Einmal demonstrieren die Clowns alle möglichen Selbstmord- und Folterarten, grauslich schön, zumal ihre Masken ja im ewigen Grinsen erstarrt sind. Immer wieder fragt eine verzerrte Stimme: „Wollt ihr mitspielen?“ Lieber nicht.

„Die Hamletmaschine“ ist die dritte Produktion dieses beispielgebenden Projekts, das geflüchtete Schauspieler als das beschäftigt, wofür sie ausgebildet sind – und sie innerhalb von zwei Jahren fit machen will fürs deutsche Theatersystem. Erzählten sie in Yael Ronens „Winterreise“ noch auf Englisch ihre eigenen Geschichten und Gedanken und hob „Skelett eines Elefanten in der Wüste“ den Nahostkonflikt auf eine symbolistische, leider zu trockene Ebene, ist „Die Hamletmaschine“ jetzt die erste Auseinandersetzung mit einem deutschsprachigen Text des Theaterkanons. Man merkt einigen von ihnen die Mühe an, die sie mit Müllers sperriger Sprache haben. Man spürt die Reibung, die diese Mühe erzeugt, auch die Lust an diesem Text.

Das ist anstrengend. Fordernd. Immer wieder erstaunlich unsinnlich. Aber es verführt den Zuschauer dann doch dazu, den Müller-Text neu zu denken. Indem das Exil-Ensem­ble ihn sich einverleibt, auf seine eigene Situation hin befragt, wirken zumindest einige Passagen der „Hamletmaschine“ erstaunlich aktuell. Man sieht, man hört neu hin. Und schaudert.

Maxim Gorki Theater, Am Festungsgraben 2, Mitte, Karten 20221-115. Wieder 28. Februar, 16. März

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