Bambus ist eine der am schnellsten wachsenden Pflanzen auf unserem Planeten. Doch was bitte machen die Bambusbäume an der Bülowstraße? Ausgerechnet hier an der Ecke Frobenstraße zwischen Dönerbuden, Hochbahn und jeder Menge Graffiti an den rauen Häuserfassaden. Er wolle uns ein „secret“ zeigen, ein Schöneberger Geheimnis, hat uns Krist Gruijthuijsen versprochen. Der Direktor des Ausstellungshauses Kunst-Werke, später „KW Institute for Contemporary Art“ genannt, kann mittlerweile gut Deutsch. Doch wenn ihm etwas sehr wichtig ist, wechselt er ins Englische. Was er sagt, muss stimmen. Und das mit dem Geheimnis ist ihm tatsächlich gelungen.

Hinter der weißen, hohen Mauer mit dem Bambus öffnet sich ein pittoreskes Wunderland, eine andere Welt mitten in Berlin. Das geschwungene Dach der ausgedienten Shell-Tankstelle aus den 50er-Jahren dient als Sonnendach, wie die stilvollen Retro-Holzstühle darunter verraten. Es gibt einen schmalen Teich, der plätschert, Moritz, der gewaltige Karpfen, taucht kurz auf. Exotische Enten mit weißen Halskrausen stehen Spalier. Sie sind winterfest, wie uns Galerist und Kunstsammler ­Juerg Judin erklärt, der mit Gruijthuijsen befreundet ist.

Er hat die Wirtschaftswunder-Tankstelle samt Werkstatt vor einigen Jahren als Wohn- und Kunsthaus ausgebaut. Wenn er Lust hat, zeigt er Gästen seine Sammlung. Oder er kocht, wie die Profi-Küche verrät. Wie Gruijthuijsen ist er „Hardcore“-Schöneberger. Beide kennen sich schon länger, doch erst hier im Kiez sind beide zu Freunden geworden.

Als wir wieder draußen vor der Mauer an der Bülowstraße stehen, fällt der Blick auf das Urban Nation-Museum schräg gegenüber. Gruijthuijsen schüttelt den Kopf, der rote Schal leuchtet in der Februar-Sonne. „Die Stadt hat Street Art direkt auf der Straße, sie muss man wirklich nicht in einem Gebäude konservieren.“

Ein gewachsener Kiez, voller Menschen, voller Geschichten

Zu Beginn unseres Spazierganges hat uns Krist Gruijthuijsen bei sich zu Hause empfangen. Er wohnt nur einige Straßen entfernt in einer renovierten Altbauwohnung an der Nollendorfstraße. Sie geht an der „Begegnungszone“ Maaßenstraße („unglaublich“) rechts ab, wenn man von der U-Bahn kommt. Ideal gelegen, mitten drin, auf der Höhe relativ ruhig. Ein Kaffee zum Aufwärmen? Ja, danke. Doch die Kaffeemaschine schluckt die Kapsel. Milch? Fehlanzeige. Der Kühlschrank ist leer.

Als er ihn öffnet, müssen wir beide lachen, weil es Erinnerungen an die Studienzeit weckt. Die ist zwar lange vorbei, aber manches hat sich eben kaum verändert. Na ja, abends ist der 37-Jährige häufig unterwegs, da ein Treffen mit Kollegen, Museumschefs und Künstlern, dort Empfänge, Atelierbesuche und nicht zuletzt die zahlreichen eigenen Vernissagen in den Kunst-Werken (KW). Hier in Schöneberg fühlt er sich einfach wohl: ein gewachsener Kiez, schwuler Lifestyle, gute Mischung, viele Menschen, viele Geschichten, die hier zusammenkommen. Okay, der Winterfeldtmarkt sei teurer geworden, zwei Euro für eine Avocado, schon verrückt. Trotzdem stimmt die Atmosphäre.

Manchmal wundert er sich selbst über seine Verbundenheit zu Schöneberg, „vielleicht“, sagt er, „ist das ja altmodisch im besten Sinne“. Altmodisch, meint er, sei er auch in der Betrachtung von Kunst. Viele Museumschefs richteten ihre Ausstellungen mittlerweile nach dem schnellen „Snap“-Prinzip ein, um den Sehgewohnheiten der jungen Besucher entgegenzukommen. „Ein Museum ist kein Lifestyle. Es braucht Konzentration.“

Krist Gruijthuijsen ist ein offener, ein nahbarer Mensch. Er schaut seinen Gesprächspartner direkt an, bietet schnell das Krist und das Du an. Wahrscheinlich auch, weil nur Holländer „Gruijthuijsen“ ohne Zungenkrampf richtig aussprechen können. Wir nehmen dankend an. In der Küche liegt ein hochfloriger Teppich, der so aussieht, als ob man ihn nicht betreten dürfte. Hier liegt er, gebettet auf zwei große braune Kissen, wenn er nachdenken möchte. Seine urbane Meditationszone. Manchmal holt er sich eine Decke dazu, dann ist es sehr gemütlich. In Berlin, findet er, muss man sich in der Wohnung wohlfühlen, gerade im Winter kann die Stadt deprimierend sein, selbst in Schöneberg.

Zwanzig Minuten fährt er mit dem Rad in die Kunst-Werke nach Mitte, er braucht die räumliche Distanz. „Ich bin den ganzen Tag von Kunst umgeben. Und weil es in der Kunst doch um Leben geht, muss man dieses Leben selbst erfahren“, findet er. Sonst bliebe vieles in den Sphären der Theorie, in der reinen Reflexion gefangen. Vielleicht deshalb hat sein Freund nichts mit der Kunstszene zu tun, er ist Physiotherapeut, „mit ihm habe ich ein ganz anderes Leben“. Beide pendeln abwechselnd zwischen Amsterdam und Berlin, vermutlich ist das nicht ganz einfach.

Als der schlanke Holländer mit den vielen kleinen Locken am Kopf vor anderthalb Jahren nach Berlin kam, kannte ihn hier kaum einer. Er war gerade 35 Jahre alt, relativ jung für einen Leitungsposten. Andererseits ist Krist nur wenige Jahre älter als der Durchschnitt seiner Besucher, der liegt bei 32 Jahren. Sein Auftrag: das vom Land Berlin getragene Ausstellungshaus in der Auguststraße neu aufstellen, es internationaler ausrichten und es attraktiv für ein neues Publikum machen. Den Bezirk mag er nicht wirklich. „Die Sexyness von Mitte ist in den letzten Jahren ein wenig verflogen“, meint er, „die Auguststraße ist längst nicht mehr die einzige Galeriemeile in Berlin.“ Umso wichtiger ist es, dass die Kunst-Werke (KW) lebendig bleiben. 55.000 Gäste kommen jährlich.

Vorschusslorbeeren bei seinem Antritt im Juli 2016 gab es von Klaus Biesenbach, der ein Foto von sich und Krist postete, ihn damit in der internationalen Kunstszene adelte. Biesenbach gründete die KW in den 90er-Jahren, entwickelte aus der ruinösen Margarinefabrik schnell eine Plattform für zeitgenössische Kunst. Da war immer etwas los, Ausstellung, Party, Performance. Er selbst wurde zum bewunderten Impresario der Berliner Kunstszene der 90er-Jahre: voller Ideen und immer sprungbereit. Irgendwann landete er gut gepolstert am Museum of Modern Art in New York. Krist und Biesenbach treffen sich regelmäßig, im nächsten Jahr planen die beiden eine gemeinsame Ausstellung.

Als Krist gerade in Berlin angefangen hatte, stand im November das Jubiläum zum 25-jährigen Bestehen der KW an. Er musste sich überlegen, welche Rolle er als „Mann ohne Berliner Geschichte“ einnimmt, erzählt er. Zumal an diesem Abend viele in flirrender Mitte-Nostalgie schwebten. Krist zog sich ein funkelndes Paillettenkleid an, setzte sich eine gewaltige Blondperücke auf, stieg in High Heels, fertig war die Dragqueen. „Ich konnte mich als Person zurücknehmen und einfach nur moderieren“. Das gelang ihm ziemlich gut und sehr charmant, und so wurde der Empfang ein Erfolg. Am Ende der Nacht hatte er wohl das Gefühl, angekommen zu sein in Berlin.

Die Berliner 1990er-Jahre erwecken bei ihm keine große Melancholie. Warum auch. Er war damals jung, und dieses merkwürdige Festhalten daran befremdet ihn. „Man muss zulassen, dass sich Institutionen entwickeln. Wenn man immer mit der Vergangenheit arbeitet, geht es nicht weiter.“ Das ist deutlich, also keine weitere Biesenbach-Frage. Als er seine erste Ausstellung im Januar vergangenen Jahres eröffnet, sind die meisten erstaunt: so schräg und funkelnd sein Jubiläumsauftritt war, so reduziert, konzentriert und still war die Kunst des New Yorker Künstlers Ian Wilson, den er präsentierte. Ein Kreis am Boden, ein Statement in einer Vitrine – plötzlich erhielt der Zuschauer wieder einen Blick für die freigelegte Architektur der KW. Die Wände. Die roten Backsteine. Das Gewölbe. Die Risse. Unversehens war sie doch zurück, die Vergangenheit der alten Margarinefabrik.

Über das Theater zur Kunst

Nun ja, anfangs war er schon überrascht über all die Bürokratie in Berlin, die ihn nun zwangsweise beschäftigt, weil die KW immer noch saniert werden. Nicht zu vergessen die ruppige Berliner Art. Aber da ist er nicht der einzige im Meer der Neuzuzügler. Seid freundlich, hat er seinen Mitarbeitern gleich zu Anfang gesagt. Jetzt wechselt er ins Englische. „Smile, smile! Wir wollen den Menschen die Kunst näherbringen, gerade wenn sie sehr konzeptionell ist.“

Er erzählt uns, wie er über das Theater zur Kunst gekommen ist. Vermutlich denkt er deshalb so stark in Bildern. Pu­blikum und Performance – diese Ideen schwingen bei ihm auch immer mit. Früh fing er an zu fotografieren, später ging er nach Maastricht an die Kunstakademie, studierte Bildhauerei, stellte aus. Zu einem Kunstwerk hatte er immer die Ausstellung schon im Kopf. Lange Zeit sei er als Künstler und Kurator unterwegs gewesen. Wo? Überall, antwortet er. Maastricht, Antwerpen, Istanbul, Stockholm, New York, Amsterdam, dann Graz. In Graz leitete er den Kunstverein und betreute gleichzeitig die Abteilung für bildende Kunst am Sandberg Institut in Amsterdam. In Amsterdam leitete er bis 2012 den Kunstverein. „Meine kleine Geschichte“, so nennt er seine Biografie. „Anfang zwanzig war es mir wichtig, so viel wie möglich zu sehen, zu erfahren, zu lernen. Dinge und Menschen zusammenzubringen.“ So kam er zu den Künstlern.

Jetzt müssen wir unbedingt weiter, die Zeit drängt. Also nehmen wir lieber ein Taxi, um pünktlich zu sein. Ebers-straße 3, ruft er der Taxifahrerin zu. In dieser Straße unweit der Julius-Leber-Brücke haben die KW ihren neuen Projektraum, kurz: K,. Für ihn ist wichtig, dass das Mutterhaus in Mitte Satelliten hat, damit die Kunst direkt in den Kiez geht – zu den Menschen. Im Mai geht es in die Kreuzberger Prinzenstraße, später ins Berliner Ensemble, dann in die Julia Stoschek-Sammlung in Mitte. Im K, hängt an der Wand ein Plakat: „Zehn Jahre NVA. Internationale Kunstausstellung internationaler Armeen“. Dokumente des Kalten Krieges mitten in Schöneberg.

Krist führt uns nun ein in das Werk von Klaus Wittkugel (1910–85), er war einer der besten Gebrauchsgrafiker und Plakatkünstler der DDR, zudem Professor an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee. Erstaunlich, wie modern die Typographie Wittkugels heute teilweise wirkt. Nicht nur die Menükarten für den Palast der Republik hat er entworfen, sondern auch das Signet „PdR“, den berühmten Schriftzug des Café Moskau, Münzen, Briefmarken und einiges mehr im Dienste des Arbeiter- und Bauernstaates. „Nach 30 Jahren ist es gut, den ideologisch geprägten Hintergrund neu zu interpretieren“, meint Krist. Der Kunstmann möchte Brücken schlagen von der Vergangenheit in die Gegenwart. Fragen stellen zur Rolle von Politik und Design. Der Anfang ist gemacht.

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