Schön, wenn die Wettervorhersager mal wieder danebenliegen und statt pro­gnostizierter Schnee- und Regenschauer die Mittagssonne am blauen Himmel über Berlin strahlt, als die Frau Präsidentin aus dem Taxi steigt. Gerda Hasselfeldt, nach 30 Jahren in vielen hohen Ämtern für die CSU aus dem Bundestag ausgeschieden, ist seit dem 1. Dezember vergangenen Jahres Präsidentin des Deutschen Roten Kreuzes. Sie ist die erste Frau in diesem Ehrenamt. Einmal mehr. Schon in der CSU hat sie scheinbar fest gefügte Männerdomänen gestürmt. Einzelheiten später.

Wir haben uns für den Spaziergang im Volkspark Wilmersdorf vor dem ehemaligen Rias- und heutigen Deutschlandradio-Funkhaus am Hans-Rosenthal-Platz verabredet. Ob ihr als Bayerin der Name des Dalli-Dalli-Showmasters aus Berlin etwas sage? „Natürlich, ich bin ja ein älteres Semester, wir haben seine Fernsehsendungen gesehen.“

Flüchtig erinnern kann sie sich auch an das Funkhaus mit der runden Fassade. Ein Haus übrigens mit Geschichte. Trotz des von den Nazis verhängten Baustopps für private Großgebäude durfte die Verwaltungszentrale der Stickstoffwerke AG Ende der Dreißigerjahre gebaut werden. Das Unternehmen lieferte wichtige Zutaten für den Bombenbau. Heute steht das Haus unter Denkmalschutz. „Es muss zur Wendezeit gewesen sein. Ich war als Bundesbauministerin hier zu einem Interview.“

Das Angebot kam dem Ruhestand zuvor

In Berlin, gibt sie freimütig zu, kenne sie sich kaum aus. „Ich bin aus dem Regierungsviertel selten herausgekommen, habe dort auch eine kleine Wohnung.“ Und wie ist sie auf die Idee gekommen, hier in Wilmersdorf zu spazieren? „Ein Vorschlag meines Pressesprechers.“ Der Volkspark liegt auf halbem Weg zwischen der Zentrale des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) in Lichterfelde und ihrer Wohnung in Mitte. Das neue Amt räumt ihr hoffentlich mehr Zeit ein, die Stadt ein bisschen näher kennenzulernen, auch mal in eine Oper oder ein Konzert zu gehen. Klassische Musik zur Entspannung schätzt sie zumindest ebenso wie bayerische Blasmusik.

Eigentlich wollte sich die 67-Jährige mit dem markanten silbergrauen Kurzhaarschnitt nach acht Legislaturperioden ins Private zurückziehen, mehr für die Familie, ihre fünf Enkel da sein. Doch dann erreichte sie im Sommer letzten Jahres die Anfrage, ob sie bereit sei, Nachfolgerin von Rudolf Seiters zu werden. Der wollte nach 14 Jahren an der Spitze des DRK nicht wieder kandidieren. „Ich habe überlegt, dann gesagt, gut, wenn es der Wunsch ist, stehe ich zur Verfügung. Ich wollte etwas zurückgeben von dem, was mir die Gesellschaft und die Politik ermöglicht haben.“

Als langjähriges Fördermitglied und Abgeordnete des Wahlkreises Fürstenfeldbruck/Dachau vor den Toren Münchens wusste sie natürlich einiges über die Arbeit des DRK, vor allem, wie wichtig die ehrenamtlichen Helfer vor Ort sind. Nun steht sie an der Spitze der größten deutschen Hilfsorganisation.

Was hat ihre Bereitschaft für das Amt befördert? „Ich war und bin noch immer angetan von der ausgeprägten Zusammenarbeit der ehrenamtlichen und hauptamtlichen Mitarbeiter. Wir haben 415.000 ehrenamtliche Helfer und 165.000 hauptamtliche Mitarbeiter. Und ganz spannend finde ich die Vielfalt innerhalb des DRK. Wir sind ja keine Hilfsorganisation, die zentral aus Berlin gesteuert wird. Die regionalen Organisationen sind selbstständig und haben eigene Schwerpunkte entwickelt. Die reichen vom Rettungsdienst und der Jugendarbeit über die Gesundheits- und Altenpflege bis zur Wasser- und Bergwacht. Nicht zu vergessen der Blutspendedienst. Und dann ist da noch das spannende Feld der internationalen Hilfe und Zusammenarbeit.“

Eine wichtige Rolle hat das Rote Kreuz zudem bei der Aufnahme der vielen Flüchtlinge übernommen. „Da gab es ein großartiges Engagement der Kreisverbände vor Ort. Jetzt, da wir bei der Unterbringung auf gutem Weg sind, müssen wir auch bei der Integration der Flüchtlinge helfen, die ein Bleiberecht zu erwarten haben. Da sind persönliche Kontakte und persönliche Hilfestellungen ganz wichtig. Für die Kreisverbände eine weitere gewaltige Aufgabe. Aber nicht allein für uns. Alle Kräfte der Gesellschaft müssen zusammenhalten, um diese Herausforderung zu bewältigen.“

Zeit, über Gerda Hasselfeldts Rolle als CSU-Politikerin und ihr Verhältnis zum Parteivorsitzenden Horst Seehofer zu sprechen. Der hatte sie – wieder als erste Frau in diesem Amt – 2011 mit zur Vorsitzenden der CSU-Landesgruppe im Bundestag befördert. Doch in der Flüchtlingsfrage schien die Harmonie zwischen beiden dann doch erheblich gestört. In München der lautstark auf einer Obergrenze beharrende CSU- Chef, in Berlin die eher mäßigend argumentierende Chefin der Landesgruppe.

Das sei eine nicht ganz einfache Situation gewesen. „Ich war in einer Funktion zwischen beiden Lagern. Ich wusste natürlich, dass die CSU meine politische Heimat ist. Gleichzeitig war ich inte­griert in die Gesamtfraktion der CDU/CSU und in die Regierungskoalition. Damit war automatisch die Rolle des Vermittlers verbunden. Ich habe versucht, diese so gut es geht auszufüllen. Unterm Strich ist das ganz gut gelungen. Das Verhältnis zwischen Angela Merkel und Horst Seehofer ist ja auch wieder in Ordnung, zwischen ihm und mir ohnehin. Denn in der Sache waren wir nie weit auseinander. Aber jeder hat so seine Tonlage. Gott sei Dank hat der Herrgott unterschiedliche Talente vergeben.“

Aus dieser Vermittlerrolle haben Beobachter eine besondere Nähe bis hin zum engen Vertrauensverhältnis zwischen der Kanzlerin und Gerda Hasselfeldt interpretiert. „Das sind so Schlagwörter. Wir haben in vielen Dingen auf derselben Wellenlänge gearbeitet; sachorientiert, getragen von Verantwortung, die Emotionen in Grenzen haltend. Ich vielleicht etwas weniger, ich bin auch nicht ganz so kopfgesteuert. Ich habe großen Respekt vor ihrer Konstitution – für mich ein Rätsel – und davor, wie unglaublich schnell sie auf komplizierte Sachverhalte reagiert. Und wir waren immer ehrlich zueinander. Ich würde unser Verhältnis eher als ähnliche Wellenlänge interpretieren.“

Bei Gerda Hasselfeldt kommt man nicht auf die Idee, einer Aktivistin für Frauenrechte, gar einer „männerfeindlichen“ Feministin zu begegnen. Dennoch ist sie als erste Frau in Spitzenämter aufgestiegen, die vorher von Männern beherrscht waren – nicht nur beim DRK und in der CSU-Landesgruppe. Für die Bundestagswahl 2013 wurde sie sogar zur ersten weiblichen Spitzenkandidatin der bayerischen Christsozialen gekürt.

Wie hat sie es geschafft, ohne großen Wirbel immer wieder Männerbastionen zu schleifen? „Ich bin in der Tat keine Vorkämpferin für Frauenrechte im klassischen Sinn. Habe aber eine klare Position zur Förderung von Frauen. Verbissenheit hilft nicht. Am Ende zählen Leistung und Wettbewerb. Beidem müssen sich Frauen stellen. Für mich war das immer selbstverständlich.“

Es begann mit der Jungen Union

Schon als 19-jähriges Mädchen sei sie in ihrem Heimatort Haibach im Bayerischen Wald zur Ortsvorsitzenden der Jungen Union gewählt worden. „Das war 1969 noch sehr ungewöhnlich“, sagt die Frau, deren bescheidener, fast zurückhaltender Auftritt schwerlich auf eine so grandiose Karriere schließen lässt. Ihr Erfolgsrezept scheint eben ganz einfach: gute, verlässliche Arbeit.

Wir sind ein Stück durch den Volkspark spaziert bis hin zum Schöneberger Rathaus. So kann ich Frau Hasselfeldt zumindest ein kleines Stück Berlin zeigen. Den Ort, an dem 1963 ein bisschen Weltgeschichte geschrieben wurde, als John F. Kennedy den West-Berlinern versprach, als einer der ihren („Ich bin ein Berliner“) die Halbstadt vor dem Zugriff der Sowjets zu schützen. Im Schatten der Bäume ist es nun doch kühl geworden. Zeit zur wärmenden Einkehr in das Café „Pusteblume“. Zeit auch, zurück zum Roten Kreuz zu kommen.

Die Präsidentin hat von ihrem Vorgänger eine Organisation in guter Verfassung übernommen. Hat sie dennoch über eigene Akzente nachgedacht? „Natürlich. Aber ich schaue mich noch um, besuche die Landesorganisationen und informiere mich über unsere internationalen Partnerorganisationen. In dieser Woche war gerade der Präsident des Syrischen Arabischen Halbmonds bei mir. In Syrien sind 13 Millionen Menschen auf humanitäre Hilfe angewiesen. Mit dem Roten Halbmond und eigenen Helfern vor Ort versuchen wir zum Beispiel mit Lebensmitteln und Medikamenten zu helfen.“ Noch schlimmer sei die Lage im Jemen. Auch dort sei das DRK aktiv.

In Deutschland möchte die Präsidentin versuchen, stärker für das Ehrenamt zu werben und es zu würdigen. „Die Aufgaben nehmen ja nicht ab. Kinder- und Jugendarbeit werden immer wichtiger, ebenso die Betreuung und Pflege der Älteren. Die Flüchtlingsarbeit ist nicht am Ende und natürlich brauchen wir die vielen ehrenamtlichen Helfer auch für den Zivil- und Bevölkerungsschutz.“

Um das Ehrenamt stärker zu würdigen, will sie sich bei Großeinsätzen für die Gleichstellung von DRK-Helfern mit Feuerwehr und THW bei der Freistellung vom Arbeitgeber einsetzen. Bayern habe schon ein solches Gesetz. Sie hofft, dass weitere Länder dem Beispiel folgen. Angesichts der demografischen Entwicklung sei die Gesellschaft zunehmend auf ehrenamtliche Helfer angewiesen. „Unsere Gesellschaft braucht vielleicht noch mehr als jetzt angesichts von wachsender Zerfaserung und Vereinsamung künftig mehr Zusammenhalt und gegenseitige Hilfe. Das Ehrenamt kann dazu einen wichtigen Beitrag leisten.“

Und wie steht’s um die Spendenbereitschaft der Deutschen? „Das Aufkommen ist mit mehr als 34 Millionen Euro ungebrochen hoch, obwohl es im vergangenen Jahr Gott sei Dank kaum spektakuläre Naturkatastrophen gegeben hat. Bei solchen Katastrophen-Bildern in den Medien wächst die Spendenbereitschaft erfahrungsgemäß enorm.“

Wäre nicht ihr rollendes „R“ , Gerda Hasselfeldt wäre schwerlich als Bayerin zu erkennen. Dabei entstammt sie urbayerischem Milieu. Die Eltern hatten eine Gastwirtschaft mit Metzgerei, die Töchter kellnerten, wenn die Dorfhonoratioren im Wirtshaus Politik machten. Der Vater war erst Bürgermeister des 2000-Seelen-Orts, zog dann nach Kreis- und Landtag für die CSU in den Bundestag. So wurde die Tochter politisiert. Erst Junge Union, während des Studiums RCDS, 1987 Bundestag als Nachrückerin für Franz Josef Strauß. In der letzten Legislaturperiode saß sie gar noch mit Bruder Alois Rainer zusammen im „Hohen Haus“ in Berlin. So kann’s wohl nur bei der CSU in Bayern gehen.

Ob eines der fünf Enkel einmal in ihre politischen Fußstapfen tritt, bleibt abzuwarten. Der Älteste immerhin zeigt schon mal Interesse am Roten Kreuz. Zu beider Stolz präsentierte der 14-Jährige seiner Großmutter jüngst sein Referat über das „Jugendrot-Kreuz“.

Das war’s. Gerda Hasselfeldt weiß ein bisschen mehr über Berlin, ich übers Rote Kreuz. Draußen wartet schon das Taxi. Ab nach Mitte.