Berliner Spaziergang

Oliver Mommsen, ein Mann mit Balance

Unsere Reporter treffen Menschen, die etwas bewegen. Diesmal: ein Spaziergang mit Oliver Mommsen, Schauspieler.

Oliver Mommsen genießt die Sonne in der City West

Oliver Mommsen genießt die Sonne in der City West

Foto: Amin Akhtar

Einen Moment sieht es aus, als würde er die Balance verlieren. Keine Ahnung, was los wäre, wenn am Kurfürstendamm ein Tatortkommissar von der Parkbank fällt, einfach so, an einem harmlosen Dienstagmorgen. Oliver Mommsen, dunkle Hose, blauer Pulli, bunter Schal, sitzt auf der Lehne einer der weißen Edel-Sitzbänke und breitet die Arme aus. Seine Haltung ist irgendwas zwischen sehr guter Laune und losfliegen. Und so gar nicht der schweigsame Kommissar Stedefreund aus dem Bremer "Tatort". Dort taucht er meist im Kielwasser seiner lauten Chefin Inga Lürsen (Sabine Postel) auf. Hier am Kudamm ist er einfach "Herr Mommsen".

Und nein, er fällt natürlich nicht von der Bank. Alles nur gespielt. Eine ältere Dame bleibt kurz stehen, eine Blondine schiebt die Sonnenbrille ins Haar und richtet das Handy auf uns. Muss man den kennen, der da für ein Foto posiert? Mommsens aktuelle Rolle an der Komödie heißt Ever Montgomery, ein autistischer Professor, der Anzug und Seitenscheitel trägt. "Aber in Wirklichkeit sind meine Haare so", Mommsen deutet auf seine Igelfrisur und grinst. Erstaunlich, was eine Frisur ausmacht. Auch der Bart fehlt. Mommsen wird schon am Nachmittag wieder auf der Bühne stehen. "Die Tanzstunde" ist regelmäßig fast ausverkauft. Auch in dem Stück geht es um Balance – der Autist muss tanzen lernen. Und das als Mensch mit einer Höllenangst vor Berührung. Das Stück ist ebenso witzig wie wahr.

Wie spielt man einen Menschen mit Autismus?

Die Frage nach der Balance, sie passt gut zu Mommsens Arbeit – und wohl auch zu seinem Leben. Wie spielt man einen Menschen mit Autismus – und das in einer Komödie? Mommsen stand auch schon in "The King's Speech" als stotternder König auf der Bühne. Warum hören Stedefreund und Lürsen 2019 mit dem "Tatort" auf? Und ist er nun eigentlich eher ein Mann des Theaters oder des Films? Mommsen schlägt vor, die Antworten auf dem Weg nach Frankreich zu suchen. In Frankreich liegen die Antworten auf alle Fragen. Mommsen ist aufgewachsen zwischen Kehl am Rhein und der Côte d'Azur, wo sein Stiefvater ein Tennishotel führte. Die französische Sehnsucht hat er bis ins Erwachsenenleben gerettet. "Seitdem bin ich auf der Suche nach dem besten Croissant, jetzt habe ich es gefunden." Ich bin gespannt.

Wir haben uns am Kudamm getroffen, wo Mommsen seit einigen Jahren auf der Bühne steht. Wieder, muss man sagen, denn auch seine Karriere startete 1995 hier. Wenn man Mommsen vor allem aus Fernsehfilmen kennt, wundert man sich: Nicht nur die Haare sind anders. Er kann ebenso anschaulich wie lustig erzählen – etwa, wie er Schauspieler wurde. Wie er wieder und wieder durch Aufnahmeprüfungen fiel, bis ihn Maria Körber irgendwann endlich in ihre Schauspielschule aufnahm. Und wie er dann als ehrgeiziger Jungschauspieler als Erstes mit der selbstbewussten Mimin Barbara Schöne zusammenrasselte. Was ihn so wütend machte, dass er zu Hause seinen Fernseher aus dem Fenster schmiss. Glaubt man ihm, war dieser Ausraster aber wiederum eine ganz lustige Vorstellung. Als Nachbarn riefen, er solle bitte noch den CD-Player hinterherwerfen, kam er zu sich. "Der war mir zu schade", sagt er. Und dass er diesen Wutanfall brauchte, um sein Gleichgewicht zu finden – menschlich wie schauspielerisch.

Wutanfälle sind bei Mommsen gerade schwer vorstellbar. "Komm, wir gehen da rüber in die Sonne!" Er schwärmt vom Spazierengehen, was er oft macht, während er Rollen oder Drehbücher "lernt". "Wobei man Text nicht auswendig lernt. Ich mache mir die Szenen zu eigen, spiele sie wieder und wieder für mich durch." Familie Mommsen – die Kinder sind 15 und 20, seine Frau Dreh- und Kinderbuchautorin – wohnt im Bergmannkiez in Kreuzberg. Bis nach Charlottenburg ist er dann schon mal zwei Stunden unterwegs. "Ich bin gern im Freien." Er erzählt von seiner Kindheit, die draußen spielte, der Rhein, das Meer, die Mädchen ... Er verliert sich in einem Gedanken, aber dann, zack, Körperspannung!, kehrt er zurück zur Ursprungsfrage. Zum Croissant. Dazu müssen wir an den Olivaer Platz.

Wie bereitet er seine Rollen vor? "Ich gehöre zu den Kollegen, die feige sind, deswegen bin ich immer gut vorbereitet", sagt er. "Dann kann ich mich entspannen, weil ich weiß, was ich tue." Das gilt auch, so viel weiß ich, für seine Stunts im Film – die dreht er selbst, er kann das, macht viel Sport. Die wirklichen Herausforderungen aber sind menschlicher Art. Rollen wie der Autist, den er momentan spielt. "Es geht ja nicht darum, jemanden nachzuahmen." Mommsen las zunächst viel – von berühmten Menschen, die nach dem heutigen Stand der Wissenschaft autistische Züge aufweisen: Albert Einstein, Isaac Newton, Mozart, selbst Bill Gates. "Andererseits haben die wenigsten Autisten eine solche Spezialbegabung. Autismus ist eine Anomalie im Gehirn."

Ein Kind war es, das ihm half, sich in diese Welt hineinzudenken. In dem Buch "Warum ich euch nicht in die Augen schauen kann" schildert ein japanischer Junge seinen Autismus. "Er sagt, es sei, als würdest du versuchen, das Universum zu erklären. Das war sozusagen meine Eintrittskarte in diese Welt." Später erzählt Mommsen von seinem Zivildienst in einer psychotherapeutischen Tagesklinik in Düsseldorf. "Ich merkte, wie fließend die Grenzen zwischen scheinbar normalen Menschen und solchen mit psychiatrischen Erkrankungen sein können."

Wir sind inzwischen in Frankreich angekommen. "Merveilleux de Fred" heißt die Konditorei am Olivaer Platz. Unter der Decke glitzert ein gigantischer Kristalllüster, die Vitrine ist eine Versuchung aus Brioches, Sahnetörtchen, Mini-Sandwiches und, ja, Croissants. Die Kaffeemaschine zischt. Es duftet zu gut, um unseren Spaziergang nicht für einen ganz kleinen Frankreichurlaub zu unterbrechen.

Mommsen wuchs in einer großen Patchworkfamilie auf und schildert sich selbst als "verwöhntes und mit Liebe überschüttetes Einzelkind". Mit 15, als seine Eltern den Lebensmittelpunkt nach Frankreich verlegten, kam er aufs Internat, er grinst. "Meine Mutter wollte nicht, dass ich als südfranzösische Strandschlampe ende." Die drei eleganten älteren Damen neben uns schauen jetzt noch etwas betonter weg als zuvor.

Mommsen ist Profi – auch im Erzählen seiner eigenen Geschichte. Er weiß, dass die "Strandschlampe" einen Lacher erzeugt. "Ich mag es, Menschen zum Lachen zu bringen." Schon in der Schule war das so. "Ich war der Pausenclown." Und noch etwas sagt er: Dass er es liebe, im Mittelpunkt zu stehen.

Das Internat: Salem am Bodensee. Abgeschoben fühlte er sich nicht, im Gegentei. "Ich hatte damals diese Internatsromantik im Kopf und wollte unbedingt dorthin." Nach eineinhalb Jahren flog er wieder raus. Warum? "Regelverstoß. Punkt."

Wie viel kann man als Schauspieler von sich erzählen? Auf dem Rückweg zur Komödie kehrt Mommsen gedanklich noch mal zurück in die Jugendzeit. Schauspieler war gar nicht sein Wunschberuf. Als er sein Abi am Internat Louisenlund machte, in Schleswig-Holstein, sah er seine Zukunft eher in der Werbung, die damals boomte.

Es waren dann ausgerechnet seine Lehrer, die den Pausenclown Mommsen ermunterten, das zum Beruf zu machen, was er am meisten liebte. Er erzählt liebevoll von den "zwei Ökos", zwei Lehrer, die ihn in die Theater-AG aufnahmen. Mit beiden ist er bis heute befreundet. Einer der beiden habe ihn auch später noch begleitet und ihm Mut gemacht, sich an den staatlichen Theaterschulen zu bewerben, erzählt Mommsen und ist jetzt ganz ernst. Wenn er mal nicht herumalbert, ahnt man, dass er neben Scherzen noch etwas anderes gut kann: anderen Mut machen mit seiner eigenen Geschichte.

Am Kudamm steht vor uns jetzt ein Wort: "Hollywood". Das Hotel namens "Hollywood" liegt ein paar Häuser vor der Komödie. Theater oder Film, wovon hat er damals geträumt? "Hollywood, ganz klar!" Er sei mit dem Mainstream-Kino aufgewachsen, sagt er, "Flashdance, Top Gun, Harry and Sally". Seine Idole waren Michelle Pfeiffer, Robert De Niro, Al Pacino. Von Schauspielern wie Ulrich Matthes oder Udo Samel habe er erst sehr viel später gehört. In Berlin jobbte er zunächst hinter den Filmkulissen als Regieassistent. Als es mit der Schauspielschule endlich klappte, bekam er als Hausaufgabe einen Stapel Theaterklassiker zum Nachlesen.

"Theater reißt man nicht ab, schon gar nicht in Berlin"

Die Garderoben der Komödie am Kudamm liegen in einem abgeschrammelten 60er-Jahre-Bau, das Treppenhaus ist gepflastert mit Bildern von Bühnengrößen seit dem Gründervater Max Reinhardt. Es riecht nach Schweiß und Linoleum. Vielleicht, weil es so still ist, spürt man auch Melancholie. Der jahrelange Kampf gegen den Abriss der Kudamm-Bühnen ist verloren. Am 27. Mai fällt der letzte Vorhang, im Juni steht der Umzug ins Schillertheater als Ausweichquartier an. Für den Abriss hat Mommsen kein Verständnis. "Theater reißt man nicht ab, nicht mit dieser Geschichte und schon gar nicht in Berlin, das schreie ich jedem entgegen, der es nicht hören will."

Immerhin eine gute Nachricht gibt es: Mommsen wird der Komödie erhalten bleiben und auch künftig einmal im Jahr Premiere feiern. Mommsen schiebt die Tür zu seiner Garderobe auf. Statt nach Turnhalle duftet es hier nach Rosen, ein Strauß steht unter dem Spiegel, daneben Bananen, Ingwerknollen, Drehbücher und hübscher Krimskrams. An der Stirnseite steht ein Bett. Mommsens kleines Zuhause hinter der Bühne: Wohnt er hier wirklich? Er schüttelt den Kopf. "Nein, aber Mittagsschlaf kommt schon mal vor."

Seit seiner Internatszeit sei er gewohnt, sich überall einzurichten, sagt er. Aber vielleicht gerade, weil der Raum so spartanisch ist, kann man sich vorstellen, wie hier schon die nächsten Ideen entstehen. Den "Tatort" zu beenden, sagt Mommsen, sei seine und Sabine Postels bewusste Entscheidung gewesen. Und nein, wie die Figur "Stedefreund" im letzten "Tatort" endet, könne er nicht verraten, "weil ich es noch nicht weiß, der Film wird dieses Jahr gedreht". Es sei wunderbar gewesen, über 18 Jahre die feste Rolle zu haben, "aber jetzt sind die Kinder fast erwachsen, und es entstehen Räume für Neues".

Aber was? Vielleicht ein großes Filmprojekt, ein Experiment wie der Film "Die Haut der Anderen"? Darin geht es um Sexualität und zwei Menschen mit ungewöhnlichen Verlangen – eine Herausforderung für die Darsteller, und auch hier: eine Frage der Balance. Wie viel darf, muss man von sich zeigen? Ganz einfach sei es nicht gewesen, einen Verleih für diesen Film zu finden, sagt Mommsen. Aber jetzt kommt er endlich in die Kinos.

Und wenn Hollywood doch noch anruft? Er schaut aus dem Fenster in die Sonne und listet die Vorteile seines Theaterlebens auf. Dann lacht er sein Clown-Mommsen-Lachen und sagt: "Ich würde natürlich erst Nein sagen. Und dann: Okay, ich mach's."

Zur Person:

Familie: Oliver Mommsen wurde 1969 in Düsseldorf geboren und lebt seit 1990 in Berlin. Er wohnt mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in Kreuzberg. Mommsen ist ein Ururenkel des Historikers Theodor Mommsen.

Karriere: Mommsen besuchte die Internatsschule Schloss Salem und das reformpädagogische Internatsgymnasium Stiftung Louisenlund. Er absolvierte die Schauspielschule von Maria Körber in Berlin. Es folgten Engagements in Zürich und Berlin. Seine Filmkarriere begann mit Arzt- und anderen Serien. Seit 2001 steht er als "Kommissar Nils Stedefreund" in Bremen vor der Kamera. Der letzte Bremer "Tatort" mit Mommsen und Sabine Postel in den Hauptrollen soll 2019 ausgestrahlt werden.

Auftritte: "Die Tanzstunde" mit Oliver Mommsen läuft noch bis zum 25. Februar an der Komödie am Kudamm. Der nächste "Tatort" aus Bremen, "Im toten Winkel", läuft am 11. März im Ersten. Der Kinofilm, "Die Haut der Anderen" (Regie: Thomas Stiller) startet am 19. April.

Spaziergang: Die Route führte von der Komödie am Kudamm (Kurfürstendamm 206/209) über die Knesebeckstraße, Lietzenburger Straße, Sächsische- und Pariser Straße zum Olivaer Platz und auf demselben Weg wieder zurück.

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