Das soll Berlin sein? Ein Bauer vom Land kommt in die Stadt, um mal was zu erleben. Gleich am Bahnhof aber klauen ihm Straßenkids seine Tasche. Der Taxifahrer, der ihn da hinfahren soll, wo man was erleben kann, führt ihn zum Straßenstrich. Und dort trifft der tapsige Provinzler auf eine blutjunge Heroinsüchtige, die sich für wenig Geld anbietet.

Das soll Berlin sein? Ein kleiner Junge aus Angola landet ganz allein am Flughafen Tegel. Ein Onkel soll ihn abholen, aber der kommt nicht. Dafür wird er gleich von einem Geschäftsmann verdächtigt, er habe ihm seinen Geldbeutel gestohlen. Der Mann durchwühlt seine Sachen, und keiner schreitet ein. Bis sich herausstellt, dass er seine Börse an einem Imbissstand vergessen hat. Der Provinzler und der Angolaner, sie gucken mit großen Augen auf diese seltsame Stadt mit ihren ziemlich kaputten, ziemlich neurotischen Einwohnern.

Verlierer, Verlorene und Übersehene

„Nachtgestalten“ von Andreas Dresen war, zehn Jahre nach dem Mauerfall, ein ruppiger, radikaler, ein Berlin-Film der anderen Art. Einer, der dahin schaut, wo andere weggucken. Einer, der die Randexistenzen, Verlierer und Verlorenen der Wohlstandsgesellschaft in den Fokus nimmt. Und konsequent den Blick von ganz unten einnimmt.

In der Filmreihe „Hauptrolle Berlin“, in der die Berliner Morgenpost gemeinsam mit dem Zoo Palast an jedem 1. Dienstag im Monat einen genuinen Berlin-Film zeigt, darf dieses Kleinod nicht fehlen. 1999 wurde es im Zoo Palast uraufgeführt, am 6. Februar wird Andreas Dresen genau hier erzählen, wie er zu seinem Film fand. Und wie schwer es war, ihn zu finanzieren.

Er will Nähe, sie sein Geld: Der Bauer (Oliver Bäßler) und die Heroinsüchtige (Susanne Bormann) picture-alliance

Die 90er-Jahre, das muss man vielleicht erklärend vorausschicken, das war die große Unzeit der deutschen Beziehungskomödien, die meist im luftleeren Raum spielten. Weil ein paar von ihnen im Kino recht erfolgreich waren, setzten Produzenten und Verleiher fantasielos auf die immergleichen Versatzstücke. Mit der sozialen Wirklichkeit des gerade zusammenwachsenden Deutschland hatte das nicht viel zu tun. Und nur ganz wenige Filmemacher hatten damals den Mut, dagegen anzudrehen. Wolfgang Becker etwa mit „Das Leben ist eine Baustelle“. Oder Dresen, noch radikaler, mit seinen „Nachtgestalten“. Kein Zufall, dass beide Regisseure sich dabei nicht auf deutsche Vorbilder bezogen, sondern auf den Briten Ken Loach.

Kein Licht, nirgends. Dresen lässt seinen Film in einer einzigen Nacht spielen, in der drei vom Schicksal zusammengeführte Paare durch die Stadt treiben. Der Bauer Jochen (Oliver Bäßler), der das Drogenmädchen (Susanne Bormann) retten will, auch wenn sich das partout nicht helfen lassen will. Der Manager Peschke (Michael Gwisdek), der sich in der Leistungsgesellschaft von Jüngeren abgehängt sieht, aber ein schlechtes Gewissen hat, weil er den „Negerjungen“ (Ricardo Valentim) falsch verdächtigt hat, und ihm nun helfen will, seinen Onkel zu finden.

Die Stadt aus der Rattenperspektive

Und die Obdachlosen Hanna (Meriam Abbas) und Victor (Dominic Horwitz), denen das Glück einen Hundertmarkschein beschert und die es sich mal richtig gut gehen lassen wollen, sich aber dauernd mit Taxifahrern, ­U-Bahn-Kontrollettis und Polizisten anlegen. Ziellos stolpern und schlingen die Gestrandeten durch die Nacht, irren durch das Großstadtlabyrinth. Eine Odyssee durch Berlin.

In den ersten Einstellungen sieht man nur Beine, die hastig übers Pflaster laufen. Es ist der Blickwinkel von Hanna, die hier kniet und bettelt. Später wird ein anderer Obdachloser auf der Straße sterben, unter einem Werbeplakat „Wohlstand ist machbar – Dresdner Bank“. Andreas Dresen nimmt hier die „Rattenperspektive” ein, wie er selbst damals gesagt hat. Ihn interessierten nicht die touristischen Ecken, konsequent zeigt er die Kehrseiten der Stadt. „Bei mir“, bekannte er, „gibt es kein Brandenburger Tor, sondern die Absteige“.

sie ecken überall an: Die Obachlosen Hanna (Meriam Abbas, M.) und VIctor (Dominique Horwitz, l.)
sie ecken überall an: Die Obachlosen Hanna (Meriam Abbas, M.) und VIctor (Dominique Horwitz, l.) © picture-alliance / KPA Honorar u | picture alliance

An den entlegenen Orten, an die sich sonst keiner verirrt, wo sonst alle wegschauen, hat er mit Handkamera und wenig Equipment so viel Authentizität wie möglich eingefangen. Seine Aufnahmen hat er im Nachhinein entbleichen lassen. Als klare Abkehr von der üblichen Hochglanz-Ästhetik. Ein paar Obdachlose und Stundenhoteliers spielen sich selbst. Und das hervorragende Ensemble improvisiert sich einfühlsam in diese Randfiguren. Seine Figuren betrachtet Dresen ohne alle Sozialklischees, aber mit viel Empathie.

Wie einen Reigen hat Dresen seine drei Handlungsfäden zerstückelt und durch eine assoziative Montage wieder verbunden. Dafür sorgen ein paar Nebenfiguren: der Taxifahrer (Horst Krause), der sie alle mal durch die Stadt fährt, der Polizist (Axel Prahl), bei dem fast alle landen, und die Straßenkids, die den Bauern und den Geschäftsmann beklauen, sich aber um die Obdachlose kümmern.

Andreas Dresen (r.) 1999 mit seinem Produzenten Peter Rommel
Andreas Dresen (r.) 1999 mit seinem Produzenten Peter Rommel © picture alliance / United Archiv | picture alliance

Außerdem hat Dresen noch eine böse Klammer gefunden: der Papst ist zu Besuch in der Stadt. Das war Johannes Paul II. im Juni 1996 wirklich, hier wird der Besuch aber in eine Winternacht transponiert, wo alles kälter und dunkler ist. Immer wieder hört man vom Heiligen Vater reden, sieht in flackernden Fernsehbildern, wie er seine frohe Botschaft verkündet. Die aber kommt bei den Protagonisten dieses Films nie an. Nächstenliebe gibt es immer nur für ein paar Momente, dann ist sich jeder wieder selbst der Nächste.

Auf der Berlinale gewann Michael Gwisdek für seine grandiose Darstellung dieses tieftragischen und doch hochkomischen Peschke einen Silbernen Bären. Und beim Deutschen Filmpreis gewann „Nachtgestalten“ die Silberne Lola als zweitbester Film. Die Kritik feierte den Film als Rückkehr des deutschen Kinos zur sozialen Wirklichkeit. Auch wenn ihm das danach ein bisschen als Etikett anhing, war das auch der Anfang vom Ende der schalen Zeit belangloser deutscher Filmko­mödien.