Komische Oper

Tatort Kinderspielplatz

Calixto Bieito erzählt in Franz Schrekers Oper „Die Gezeichneten“ die Geschichte eines Pädophilenrings. Der Regisseur wird ausgebuht.

Showdown im Vergnügungspark: „Die Gezeichneten“ mit Michael Nagy als Graf Tamare (stehend), Peter Hoare als Alviano Salvago und Ausrine Stundyte als Carlotta

Showdown im Vergnügungspark: „Die Gezeichneten“ mit Michael Nagy als Graf Tamare (stehend), Peter Hoare als Alviano Salvago und Ausrine Stundyte als Carlotta

Foto: Eventpress Hoensch

Berlin. Das moderne Regietheater tut sich irgendwie schwer damit, körperlich missgestaltete Hauptfiguren auf die Bühne zu bringen. Giuseppe Verdis buckliger Hofnarr Rigoletto, der seine Tochter Gilda vor dem draufgängerischen Herzog beschützen möchte, ist der populärste unter ihnen. Was haben Regisseure nicht alles getan, um Rigolettos äußerliche Missbildung ins Innerste der Seele zu verschieben. Beim buckligen Adligen Alviano Salvago in Franz Schrekers Oper „Die Gezeichneten“, die jetzt an der Komischen Oper Premiere hatte, ist die Ausgangssituation allerdings eine andere. Der Wiener Komponist hat mit seinem 1918 uraufgeführten Werk eine typisch selbstbefindliche Künstleroper geschaffen, die die Abgründe des Fin de Siècle atmet, also gleichsam Lebensüberdruss und dekadente Lebenssucht. Alviano ist also der ausgegrenzte, hochsensible Künstler, der Schönes in die Welt bringen will, was aber von den anderen nur missbraucht wird.

Auf einer Insel vor Genua hat Alviano ein „Elysium“ errichten lassen, aber eine Clique von Adligen nutzt eine Grotte darunter, um „züchtige Jungfrauen“ dorthin zu entführen, zu missbrauchen und zu töten. Zur gleichen Zeit verliebt sich Alviano in die Malerin Carlotta, die am Herzen leidet. Aber sie gibt sich lieber dem attraktiven Grafen Tamare, einem der Täter, hin.

Mächtige Männer betreiben einen Pädophilenring

Skandalregisseur Calixto Bieito hat die Handlung des Dichterkomponisten, die auf einem Stück von Frank Wedekind basiert, kurzerhand von der Renaissance ins 20. Jahrhundert und bis in unsere Gegenwart verlegt. Auf der Bühnenleinwand ist ein Riesenrad in Schwarz-Weiß eingeblendet, in Wien war das erste 1897 eingeweiht worden. Die züchtigen Jungfrauen werden bei Bieito zu Kindern. Mächtige Männer betreiben einen Pädophilenring und führen kleine Mädchen und vor allem Jungen über die Bühne. Der Regisseur reduziert die ganze Inszenierung auf das Missbrauchsthema. Im letzten Bild benutzt Tamare großspurig jene Erklärung, die heute jeden Richter aufhorchen lässt: „Ihre Lippen baten um Schonung; stammelten wirr das uralte Lied angstvollen Sichwehrens ... Doch ihre Augen flehten um Lust.“ Rebecca Ringsts Bühnenbild besteht aus einer klinisch-weißen Rückwand, darüber werden Sarah Derendinger Videos mit Gesichtern eingeblendet. Es sind Gesichter von Kindern und Männern.

Das ganze Gesellschaftsmodell basiert auf Missbrauch

Allmählich wird klar, dass Täter und Opfer beim Missbrauch gezeigt werden, es ist die Perspektive von oben und unten. Bieito ist dabei erschreckend konsequent. Darüber hinaus ist nichts Nacktes oder Gewalttätiges zu sehen. Im Vergleich zu seiner legendären Skandalinszenierung von Mozarts „Entführung“ am Haus ist Bieito ins Symbolistische gewechselt. Die Personenregie ist spärlich, umso mehr erhält jedes gestellte Bild, jede Geste Bedeutung.

Für Irritationen sorgt die Anlage des verklemmten, verzweifelten Alviano, der bei Bieito selbst ein Kind geblieben ist. Einer, der sich lieber mit Kindern umgibt, sich ihnen aber sexuell nicht nähert. Man fühlt sich sofort an Michael Jackson und seine Neverland Ranch mitsamt Vergnügungspark erinnert. Wie wir wissen, musste der Künstler viel Schweigegeld zahlen, damit die Wahrheit nicht ans Licht kommt. Alviano ist ähnliches zu unterstellen, auch wenn Bieito das so nicht im Sinn hatte.

Der Doge soll das Geheimnis decken

Das Missverständliche hängt wohl damit zusammen, dass Bieito das ganze Gesellschaftsgefüge mit Gewalt und Missbrauch, mit Tätern und Opfern erklärt. Carlotta wurde und wird von ihrem Vater, dem Podesta, missbraucht. Der Gouverneur ist Teil des Täterrings. Macho Tamare übt Gewalt gegen den Dogen von Genua aus, um ihn zu zwingen, das Geheimnis zu decken. Denn Alviano beabsichtigt, sein „Elysium“ der Stadt zu schenken und damit dem Volk zugänglich zu machen. Der Ring befürchtet aufzufliegen.

Der Showdown findet im letzten Bild statt. Ein Schild mit „Elysium“ wird heruntergelassen, damit man endlich weiß, worum es geht. Die Bühne gibt einen Kindervergnügungspark frei, eine kleine Eisenbahn fährt in dieser Traumwelt rum. Ob Bieito weiß, dass im realen Berlin vor einer Dekade gegen mehrere Mitarbeiter der Parkeisenbahn des Freizeit- und Erholungszentrums Wuhlheide Pädophilie-Prozesse geführt wurden?

Die Malerin Carlotta tötet ihren Peiniger

Die drei Hauptfiguren treffen vor der Eisenbahn aufeinander. Ausrine Stundyte ist als Carlotta ein wunderbar wandlungsfähiger Sopran, der alle Schattierungen zwischen Vamp, Verzweifelter und schrill Aufbegehrender herüberbringen kann. Bieito lässt sie am Ende ihren Peiniger ermorden. Was Schreker so nicht im Sinn hatte. Bariton Michael Nagy vermag dem lüsternen Grafen Tamare stimmlich wie darstellerisch ein Format des Herzogs in „Rigoletto“ zu geben. Peter Hoare muss hingegen den hadernden Alviano in die tenorale Innerlichkeit zurücknehmen.Das gelingt ihm überzeugend. Die Sängerschar ist bis in die Nebenrollen gut besetzt. Sie können sich gekonnt durch die schwülstig-pulsierenden Klangmassen aus dem Orchestergraben schlagen, wobei Stefan Soltesz am Pult auf das Irisierende bei Schreker eher verzichtet.

Solisten, Chor und Orchester sehen sich am Ende bejubelt, Bieito wird ausgebuht. Er hätte deutlich mehr Buhs verdient – wegen der Langeweile.

Komische Oper, Behrenstr. 55–57, Mitte. Tel. 47 99 74 00. Nächste Termine: 27. Januar, 1., 10. und 18.2.; 11. Juli.