Philharmonie

„Ich liebe das Abenteuer“

Joyce DiDonato ist eine große Opernsängerin. Jetzt singt sie in den Silvesterkonzerten der Berliner Philharmoniker. Ein Interview

Foto: Warner Music Classic

Die amerikanische Mezzosopranistin Joyce DiDonato (48) ist der Stargast bei den heute beginnenden Silvesterkonzerten der Berliner Philharmoniker. Es sind zugleich die letzten Silvesterkonzerte mit Sir Simon Rattle als Chefdirigent am Pult. Gerade das live übertragene Konzert zu Silvester ist populär. Die Sängerin will vorher ihre Stimme schonen und deswegen eigentlich kein Interview geben. Es wurde schließlich per E-Mail geführt.

Bei den Philharmonikern singen Sie jetzt Orchesterlieder von Richard Strauss. Das ist schon schwere Kost für ein Silvesterkonzert?

Joyce DiDonato: Gibt es überhaupt eine schlechte Zeit, um Strauss-Lieder zu singen? Das glaube ich nicht. Und der liebende, feierliche Charakter der ausgewählten Lieder wird dem Publikum, denke ich, viel Trost und Optimismus bringen. Was ja nicht das Schlechteste sein kann zum Abschluss des Jahres 2017.

Bei den Philharmonikern hatten Sie zuletzt Berlioz präsentiert, jetzt folgt Strauss. Normalerweise würde man Sie mit Rossinis Belcanto oder Mozart verbinden. Was liegt Ihnen am meisten am Herzen?

Wenn ich mich wirklich auf eines begrenzen müsste, dann, denke ich, würde es die Barockmusik sein. In ihr gibt es Reinheit und unglaubliche Möglichkeiten eines wirklich tiefen Ausdrucks. Aber ich habe einen großen musikalischen Appetit und ich bin sehr dankbar, dass ich niemals gezwungen war, mein Repertoire zu begrenzen.

Die dritte Aufführung zu Silvester wird aus der Philharmonie live in Kinos und im TV übertragen. Das heißt, es gibt Zigtausende Zuschauer mehr. Macht Sie das nervös?

Im Allgemeinen bin ich aufgeregt, einfach weil ich es als ein großes Privileg empfinde, Musik mit anderen Menschen zu teilen. In diesem Fall stehe ich obendrein mit den außergewöhnlichen Berliner Philharmonikern auf der Bühne.

Werden Sie zu Silvester genauso singen wie in den beiden Konzerten zuvor, oder gibt es technische Zwänge? Müssen Sie auf die Mikrofone oder Kameras achten? Gibt es irgendwelche Absprachen?

Ich glaube nicht, dass es viel anders sein wird als bei den letzten Digital-Concert-Hall-Übertragungen, an die ich gewöhnt bin. Tatsächlich ist es so, dass man als Sänger des 21. Jahrhunderts jederzeit bereit sein muss für irgendein Streaming oder eine Übertragung – das ist sozusagen schon der Normalfall für uns geworden.

Mit dem Film „Die Florence Foster Jenkins Story“, einem Dokudrama über die schlechteste Sängerin der Welt, sind Sie im letzten Jahr populär geworden. Gibt es etwas, was man aus dieser ungewöhnlichen Geschichte einer eigentlich unbegabten Sängerin lernen kann?

Ich bin mit einem großen Respekt für sie und ihre Weise, das Leben zu meistern, aus der Sache rausgegangen: Sie hat genau das verfolgt, was sie machen wollte, und sie fand einen Weg, es geschehen zu lassen. Man muss ihr zugutehalten, dass sie die Menschen glücklich machen wollte – und sie hat es ja tatsächlich geschafft, denn wir lachen seit Jahrzehnten über sie. Ich glaube allerdings, dass es an der Zeit war, hinter die Fassade des Falschsingens zu blicken und den Schmerz zu erkennen, den sie in ihrem Leben erlitten hat. Ich denke, das hat unser Film recht bitter zeigen können.

Wie schwer war es für Sie, im Film falsch zu singen? Haben Sie besondere Übungen vorher gemacht?

Der Schlüssel war für mich, dass sie in den meisten Fällen fast richtig gesungen hat – außer natürlich dort, wo sie die Spitzentöne wüst verfehlt hat. Ich habe mich also vor allem darauf konzentriert, die Tonhöhe oder auch den Rhythmus beinahe zu erreichen. Ich empfand das als irre befreiend!

Stimmt es, dass Sie den berühmten Musicalsong „Over the Rainbow“ gern als Zugabe singen, weil er Sie an Ihre eigenen Teenagerträume erinnert?

Nicht ganz – ich liebe es, diesen Song zu singen, weil ich denke, dass es unglaublich wichtig ist, die Menschen daran zu erinnern, dass sie sich trauen sollten zu träumen. Ich möchte, dass sie die Möglichkeit erhalten, ihre Träume zu realisieren. Ich singe nicht für mich selber.

Sie sind in einer Großfamilie in Kansas aufgewachsen. Wie muss man sich das familiäre Musikleben vorstellen?

Ich hatte eine sehr musikalische Familie, alle möglichen Genres eingeschlossen, die Sie sich vorstellen können: liturgische und Chormusik in der Kirche, Big Band und Jazzmusik an den Sonntagabenden, Broadway-Musik vom Plattenspieler meiner Schwestern, Popmusik aus meinem Walkman, klassischer Rock ’n’ Roll aus dem Keller, wo mein Bruder mit seinen Freunden abhing. Musik war die Sache, die am meisten Sinn für mich machte, als ich aufwuchs – sie war mein Zuhause.

Sie wollten ursprünglich Musical machen, haben jahrelang nebenbei als Kellnerin gearbeitet, halten sich mit Kickboxen fit. Plötzlich sind Sie eine weltbekannte Mezzosopranistin. Wie geht das?

Ich liebe das Abenteuer und habe einen sehr wachen Geist. Verbinden Sie das mit der Notwendigkeit, das Universitätsstudium zu finanzieren, und Sie sehen eine Frau, die keine Angst vor harter Arbeit hat und die immer nach neuen Wegen sucht, um sich auszudrücken! Ich bin so froh, dass ich mir vor Jahren selber die Erlaubnis gab, so zu leben, wie ich möchte, und so viel wie möglich von der Welt zu erfahren!

Nach einem Auftritt müssen Künstler ihr Adrenalin wieder in den Begriff bekommen, also langsam runtertouren? Was tun Sie dafür?

Ich trinke ein gutes Bier nach der Vorstellung, meistens mit Familienmitgliedern oder Freunden, die im Konzert waren. Mich mit Menschen, die mir nahe sind , zu verbinden, ist sehr wichtig für mich, nachdem ich vor so vielen „Fremden“ gesungen habe. Ich denke, das hilft mir, die Bodenhaftung in meinem täglichen Leben zu bewahren.

Das letzte Konzert ist ein Silvesterkonzert? Was machen Sie danach in Berlin?

Meine Familie wird bei mir sein, und wir werden ein paar enge Freunde treffen und uns bei gutem Essen und Trinken das Feuerwerk ansehen. Ich kann es nicht erwarten, 2017 Adieu zu sagen und ein neues Jahr voller positiver Möglichkeiten einzuläuten!