Film

Alexander Fehling: „Ich muss raus aus der Komfortzone“

Filme, die nichts wagen, langweilen Alexander Fehling. Den Schauspieler reizen extreme Herausforderungen. Wir haben ihn getroffen.

Foto: Sergej Glanze / Glanze/Berliner Morgenpost

Jürgen Vogel gibt im Kino gerade den Ötzi im Eis, Kate Winslet kämpft in ihrem neuen Film im Gebirge ums Überleben. Und ab Donnerstag muss nun auch Alexander Fehling in „Drei Zinnen“ gegen Eis und Kälte im Gebirge ankämpfen. Eine Extremherausforderung, wie sie der Schauspieler liebt. Der ist 2007 gleich mit seinem ersten Film „Am Ende kommen Touristen“ in die A-Liga der Stars aufgerückt. Ein Anlass, um ihn nach zehn Jahren im Kino nach einer Bilanz zu fragen. Wir trafen den 36-Jährigen im Hotel Ellington.

Jürgen Vogel, Kate Winslet und jetzt auch Sie. Was treibt Sie alle auf die Spitze, was treibt Sie ins Extrem gegen die Natur?

Alexander Fehling: Der Kampf mit der Natur zieht sich ja durch alle Künste. Das Gebirge ist da einfach ein Extrem. In der Natur kommt der Mensch ganz schnell an seine Grenzen. Das interessiert natürlich immer. Das ist vielleicht auch ein Grund, warum wir uns überhaupt immer wieder Geschichten erzählen: um klar zu kommen mit unserer Begrenztheit. Wenn ein Mensch in einer Extremsituation ist, muss er sich entscheiden. Und wenn er sich entscheidet, lernen wir ihn kennen. So einfach ist das im Grunde. Wir erleben das doch im Grunde jeden Tag, ständig müssen wir uns entscheiden. Es geht dabei vielleicht nicht immer um Leben und Tod.

Sie haben mit Regisseur Jan Zabeil vor „Drei Zinnen“ schon einen anderen Film gedreht, „Der Fluss war einst ein Mensch“, da treiben Sie allein im Kanu durch die afrikanische Wildnis. Noch ein anderes Extrem. Reizen Sie solche Herausforderungen, solche Grenzerfahrungen?

Ja, total. Warum eigentlich?

Das wäre meine nächste Frage gewesen.

Zum einen faszinieren mich universelle Geschichten, die auf Grundthemen zurückkommen. Damit kann man viel mehr von sich erzählen, von seiner Sicht auf die Welt. Zum anderen reizt es mich einfach, aus der Comfort Zone rauszukommen. Wenn ich weiß, wie ich etwas machen muss, schlafe ich sofort ein. Da kommt einfach Langeweile auf. Ich will Angst haben, will mich bange fragen: Wie mache ich das? Wir sammeln im Leben tausend Erfahrungen, wie man miteinander umgeht, wie man bestimmte Situationen besteht. Es geht immer darum, dass man weiß, weiß, weiß. Aber wenn wir ganz ehrlich sind, wissen wir doch gar nicht so viel. Mir geht es immer am besten, wenn ich zugebe, dass ich nicht so viel weiß. Geschichten, die so tun, als wüssten sie alles, die interessieren mich nicht.

Spricht da auch die Sehnsucht nach einem anderen Kino, das mehr wagt, das mehr Risiken eingeht?

Ja, unbedingt. Die meisten Erzählformen ähneln sich einfach zu sehr. Hauptsache, alle wissen, was gemeint ist. In bestimmten Formaten zu bestimmten Uhrzeiten mag das ganz okay sein. Aber die Ungewissheit, das Irrationale, das ist doch viel spannender. Wir rationalisieren uns immer alles so zusammen, haben tausend Gründe für alles, aber die Hälfte davon sind völlig irrationale Motivationen. Das Rätselhafte, das Sinnliche, auch das Körperliche, das ist eben genau die Seite, die nicht erst versteht und dann was tut. Und genau das, finde ich, muss Kino bieten: Kino muss ein Erlebnis sein. Eines, auf das man nicht vorbereitet ist, dem man ausgesetzt ist.

Machen solch extreme Drehorte und -bedingungen da etwas mit einem?

Klar, wenn du eine Szene in einem Bergsee drehst, wo du zu ertrinken drohst – und wir haben das wirklich da oben gedreht -, dann kann man sich nicht groß vorbereiten. Das ist eine körperliche Herausforderung, die muss man annehmen. Und bewältigen. Das macht das Spiel natürlich einfacher. Man re-agiert. Beim „Fluss“ war das noch extremer. Das war eine Verlorenheitsgeschichte, wir wollten verloren gehen, sind dann auch wirklich verloren gegangen. Und haben so den Film gefunden. Aber auch hier geht meine Figur in gewisser Weise verloren.

Die dünne Luft in den Bergen, das Strampeln im Eissee – ist das auch eine Metapher auf die Filmbranche?

(lacht) Na, ich weiß nicht. Das Schwierige an diesem Beruf ist ja, dass jeder seine eigene Filmbranche erlebt. Ich habe einerseits sehr viel Glück gehabt, aber auch sehr viel Geduld gehabt. Ich kann nur nicht so genau zuordnen, was davon Glück war und was man selbst errungen hat. Was ich sagen kann: Ich habe versucht, nie zu strampeln. Weil ich nie wusste, was mir das bringen soll. Ich habe natürlich mal vor Wut gestrampelt, weil nichts vorwärts ging. Ich habe vielleicht auch mal gezittert, ob manche Entscheidungen richtig waren. Aber ich glaube daran, dass Rollen dich finden. Nicht du findest sie, sie finden dich. Dafür ist nur eine Sache unfassbar wichtig: Man muss sichtbar bleiben. Nicht in dem Sinne, das man ständig über rote Teppiche laufen muss. Aber in dem Sinne, dass man nicht ständig Masken trägt. Sonst wird man nicht von denen erkannt, die zu einem gehören. Das ist etwas, das ich für mich herausgefunden habe.

Sie sind jetzt ziemlich genau zehn Jahre im Geschäft. Zieht man nach so einer Zeit Bilanz, wie weit man gekommen ist?

Ach ja, manchmal halte ich schon so inne und denke darüber nach. Das hat nichts mit einer bestimmten Jahreszahl zu tun. Aber man wird ja nie fertig, will immer weiter. Und muss sich manchmal vergegenwärtigen, wie weit man denn schon gekommen ist. Ich bin sehr dankbar, dass ich regelmäßig, wenn auch manchmal mit Abständen, immer Begegnungen hatte. Mit Regisseuren und Partnern. Das ist nicht selbstverständlich. Und das kommt mit den Jahren: dass sich diese Begegnungen, diese Arbeiten summieren.

Vor zwei Jahren wurde „Das Labyrinth des Schweigens“ als deutscher Kandidat ins Oscar-Rennen geschickt, wurde am Ende aber nicht nominiert. Hand aufs Herz: Wurmt das eigentlich?

Nein, überhaupt nicht. Ich war so glücklich mit dem Film. Welche Wege der gegangen ist. Der ist auf der ganzen Welt gelaufen. Und die Auszeichnung ist ja erst mal, dass man als Kandidat ins Rennen geschickt wird. Und dann bin ich einer, der sich nicht mit dem zweiten Platz zufrieden gibt. Ich will da schon gewinnen. Aber dann muss man auch verlieren können. Klar fand ich das drei Tage schade. Aber ich bin da Fatalist. Alles hat seinen Grund. Oft ist es halt so, dass man den Grund nicht kennt, das muss man dann akzeptieren.

Sie haben seither in der fünften Staffel von „Homeland“ mitgespielt und im neuen Film von Terrence Malick. Streben Sie eine internationale Karriere an?

Ach nee! Aber jeder wünscht sich doch, so breit gefächert wie möglich arbeiten zu können. In einer anderen Sprache, mit Leuten aus anderen Ländern. Aber auch diese Filme habe ich nicht gesucht. Ich bin da nicht Klinken putzen gegangen, ich glaube nicht an sowas. Die sind zu mir gekommen. Und dann waren das ja alles Produktionen, die trotzdem hier in Deutschland gedreht wurden. Bei Terrence Malick hatte ich auch nur eine ganz kleine Rolle. Klar würde mir das auch mal Spaß machen, in einer Hollywoodproduktion mitzuwirken. Aber nur weil ein Film auf Englisch gedreht wird, ist er noch lange kein besserer Film. Im Gegenteil. Wenn der schlecht ist, dann sehen den ja noch mehr. Das ist nichts, was man wollen kann.