Die Letzte Frage

Hugh Jackman singt gern, mag aber seine Stimme nicht

Seine Karriere begann mit Musicals. Jetzt ist Hugh Jackman im Filmmuscial „Greatest Showman“ zu sehen. Wir trafen ihn in Berlin.

Im Musical „Greatest Showman“ erträgt er es zum ersten Mal, sich singen zu hören: Filmstar Hugh Jackman

Im Musical „Greatest Showman“ erträgt er es zum ersten Mal, sich singen zu hören: Filmstar Hugh Jackman

Foto: LUCY NICHOLSON / REUTERS

Das letzte Mal kam Hugh Jackman mit einem Pflaster auf der Nase nach Berlin. Wegen seines Hautkrebses. Das Karzinom ist mittlerweile weg, und diesmal kommt er uns im Soho House auch sonst beschwingter entgegen. Das letzte Mal hat er auf der Berlinale „Logan“ vorgestellt, der Film, mit dem er sich aus der immens erfolgreichen „X Men“-Filmreihe verabschiedet hat. Da war auch viel Wehmut dabei. Jetzt kommt er mit dem Filmmusical „Greatest Showman“, das er auch selbst produziert hat. Und das ihn von seiner anderen Seite zeigt: als leidenschaftlicher Musicaldarsteller und -sänger. So hat man ihn schon in der Verfilmung von „Les Misérables“ gesehen, und so hat auch seine Karriere begonnen. Der Arzt hätte ihm das Singen übrigens verboten – wegen der Operation des Karzinoms. Jackman hat es trotzdem getan.

Berliner Illustrirte Zeitung: Mister Jackson, in „Greatest Showman“ sind Sie schon wieder in einem Musical zu sehen. Dabei hat es das Genre ja immer recht schwer. Warum ist das eigentlich so?

Hugh Jackman: Stimmt, es gibt wohl kaum ein Genre, das so polarisiert. Wer Musicals liebt, der schaut sie alle. Aber wer sie nicht mag, der verabscheut sie regelrecht. Da gibt es ganz harsche Vorurteile. Vor allem bei Männern. Die halten das wohl für Frauenkram. Und dann wird auch noch getanzt. Und was besonders schwer zu produzieren ist, ist ein Original-Filmmusical. Eins, das nicht auf einem Bühnen-Musical basiert, das schon bekannt ist und also Erfolg verspricht. Das hat es ja seit Ewigkeiten nicht gegeben. Aber wer weiß, vielleicht hat „La La Land“ mit all den Oscars da etwas erzielt. Den haben viele gesehen, die sonst nicht in ein Filmmusical gehen würden.

Sie haben Musicals gespielt, lange bevor Sie zum Film kamen. Liegt Ihnen das immer noch im Blut?

Ja. Dabei hab ich gar nicht damit angefangen. Beim Schauspielstudium gab es Theater und Musical, und ich habe mich für Theater entschieden. In meinem Vertrag stand aber eine Klausel, dass ich einmal pro Woche zum Gesangsunterricht musste. Das hab ich dann gemacht, und dabei hab’ ich mich entwickelt.

Um den Vertrag zu erfüllen oder weil es Ihnen wirklich Spaß gemacht hat?

Es hat Spaß gemacht. Aber ich hatte nicht gewusst, dass es mir im Blut lag. Das war wirklich eine Entdeckung.

Singen Sie auch zuhause? Unter der Dusche? Mit den Kindern? Oder zu Weihnachten?

Immer, in letzter Zeit sogar mehr als früher. Ich hab auch mal versucht, andere Leute zu kopieren. Ich hab dafür sogar Aufnahmen gemacht, aber sie haben mir nie gefallen. Weil es halt meine Stimme war. Ich glaube, dieses Musical ist das erste Mal, wo ich mich höre und wirklich zufrieden bin. Sonst hab ich mich immer geschämt.

Es gibt viele Schauspieler, die nebenbei auch singen. Selbst Bruce Willis oder Ihr Partner in „Les Misérables“ Russell Crowe haben mal Alben aufgenommen. Hat Sie das nie gereizt?

Hat es. Ich hab’s auch mal versucht. Aber es war einfach schlecht. Ehrlich. Und es war so schlecht, weil ich nicht wirklich wusste, was ich singen sollte. und einfach irgendwelche Lieder genommen habe. So geht das aber nicht. Und was ich gar nicht mag. das ist der Prozess der Aufnahme. Wenn du im Studio sitzt, mit den Kopfhörern, das ist eine sehr technische Angelegenheit, das habe ich richtig gehasst. Ich ziehe das Performen vor, auf der Bühne oder auch vor der Kamera.

„Greatest Showman“ handelt von Phileas Taylor Barnum, der Mann, der den Zirkus und auch das Showbiz erfunden hat. Wussten Sie schon von ihm, bevor Sie den Film machten?

Nicht viel. Nur was die meisten wissen. Dass er den Zirkus begründet hat, dass er ein Showman ist. Auch dass er der Vater des Marketing war, wie wir das heute kennen. Aber mehr nicht. Wir haben viel Recherche betrieben für den Film. Und die Story ist einfach irre. Ich bin mir nie so sicher, ob das alles so stimmt, wie wir es erzählen. Aber macht ja nichts! Er war ein Verführer, immer mit Augenzwinkern, ein Magier. Wir wissen alle, dass die Frauen in der Kiste nicht durchgesägt werden, aber wir lieben es, weil wir keine Ahnung haben, wie sie das machen. Barnum hat immer auf Show gemacht. Das man sein Leben jetzt als Show inszeniert, ist konsequent.

Sehen Sie sich auch als Showman?

Nicht wirklich, nein. Ich liebe es, auf der Bühne zu stehen und eine Show mitzutragen. Wenn Sie in einer Arena mit 15.000 Leuten stehen oder in einem Theater vor 300 Leuten, dann ist das künstlerisch gesehen wohl die schönste Befriedigung, die man erleben kann. Aber zuhause räume ich das Geschirr ab und bring die Kinder zur Schule, wie alle anderen auch.

Erzählt uns der Film auch etwas über das Showbiz heute?

Ich denke schon. Im Showbiz muss es etwas geben, was dich ausmacht. Was dich einzigartig, unverwechselbar macht, das man mit dir verbindet. All das hat mit Barnum angefangen. Seine Idee war: Was dich anders macht, macht dich besonders. Er war fähig, das aus anderen rauszukriegen. Und sie so zu Stars zu machen.

Stimmt es, dass die Dreharbeiten durch den Wahlsieg Trumps eine andere Richtung nahmen?

Wir haben noch geprobt, als Trump gewählt wurde. Die Geschichte blieb die gleiche, aber ja, der Ton hat sich ein wenig geändert. Anfangs war es ein Film über die Kraft der Imagination und dass man niemals aufgeben darf, an unsere Träume zu glauben. Aber dann wurde es immer mehr ein Film über Diversity, über Vielfalt. Barnum hat lauter Menschen um sich versammelt, die anders waren, und daraus eine große Familie gemacht. Trump hat so viele Menschen ausgegrenzt in seinem Wahlkampf. Diese diffuse Angstmacherei vor Leuten, die wir nicht kennen, die anders sind als wir, dem wollten wir bewusst etwas entgegensetzen.

Ist Donald Trump auch ein Showman?

Tatsächlich höre ich gerade ziemlich oft den Vergleich von dem Zirkusdirektor mit Trump. Er versteht sicher genau, was die Leute wollen. Und wie Medien funktionieren. Er ist jemand, der das Rampenlicht liebt. Und sich in Szene zu setzen weiß. Aber seien Sie nicht böse, ich möchte nicht zu viele Kommentare über Trump machen. Ich bin ein Australier, der in Amerika arbeitet. Und wäre ich in Australien und würde im Radio hören, was ein Amerikaner über die Politik in Sydney hält, fände ich das merkwürdig. Und auch ein wenig anmaßend.

Aber Sie leben in den USA.

Ja, ich habe auch meine Meinung und Überzeugung. Aber ich bin kein Wähler, kein US-Staatsbürger. Deshalb behalte ich das für mich.

Ist der Barnum-Zirkus als große Familie von Andersartigen eine andere Art von X-Men?

Ja, mit dem Unterschied, dass sie singen! Aber Sie haben recht. Bei Barnum sind es lauter Menschen, die nicht der Norm entsprechen, Zwerge und Riesen, Albinos und Wolfsmänner. Bei X-Men sind es Helden mit Superkräften. Aber es geht um das Gleiche: Wesen mit besonderen Eigenheiten, die darunter leiden, dass sie anders sind als die anderen und deshalb ausgegrenzt werden. Das als Botschaft in einer großen Mainstream-Serie, das habe ich an „X-Men“ sehr geliebt. Es ist eine Erfahrung, die wir letztlich alle als Teenager gemacht haben: dass du ein wenig anders bist, in welcher Weise auch immer, und Angst hast, dass die anderen dich nicht akzeptieren, dass du nicht dazugehörst.

Ihr letzter X-Men-Film ist ein Jahr her. Vermissen Sie das schon? Oder sind Sie ganz froh, nicht mehr so hart für diese Rolle trainieren zu müssen?

Heute morgen bin ich hier in Berlin gelandet und wollte sofort in ein Studio, um zu trainieren. Aber dann wurde mir klar, nein, das war dein altes Leben. Da musste ich immer, wenn ich aus einem Flugzeug stieg, erst mal trainieren. Jetzt konnte ich erst mal Schlaf nachholen, das fühlt sich sehr viel besser an. Das sind Dinge, die ich wirklich nicht vermisse.

Aber Sie bereuen auch sonst nicht, mit Wolverine Schluss gemacht zu haben?

Nein. Es ist vorbei für mich, und ich habe meinen Frieden damit gemacht. Ich bin sehr stolz auf die ganze 17-jährige Reise, die ich mit Wolverine unternehmen durfte. Man darf auch nicht vergessen, ich war noch nicht sehr bekannt, als ich die Rolle annahm. Als ich den letzten Film „Logan“ gesehen habe, hier in Berlin, auf der Berlinale, hat irgendwas in mir schon gesagt: Achje, wie schade, ihn gehen zu sehen. Aber ich denke doch, es war die richtige Zeit, sich von ihm zu verabschieden. Solange man ihn noch sehen will.

Sagt die Barnum-Familie im Film auch etwas über Sie aus? Frau, zwei Kinder – das ist ja genau die Konstellation wie bei Ihnen zuhause.

Es gibt etwas, das ich mit Barnum gemein habe. Dass ich nie ganz zufrieden mit mir bin. Aber was die Familie angeht – nein, das ist schon alles sehr anders.

Und wie gehen Ihre Kinder mit Ihrer Berühmtheit um?

Unterschiedlich. Mein Sohn ist sehr schüchtern und misstrauisch bei Leuten, die davon beeindruckt sind. Das ist, glaube ich, ganz gesund. Meine Tochter geht damit leichter um. Aber wir reden oft mit ihnen darüber, wir wollen nicht, dass sie dadurch irgendwie verzogen werden.

Und mögen sie die Filme mit ihrem Vater oder bevorzugen sie andere Filme?

Meine Tochter meint, dieser Film sei besser als alles, was ich gemacht habe. Und mein Sohn ist immer sehr ehrlich zu mir. Und sparsam mit seinem Lob. Was er aber auch sein sollte.

Wie erholen Sie sich eigentlich von Ihren Filmen?

Ich meditiere seit 25 Jahren, das hat immer geholfen. Ich mache auch viel Sport. Ich versuche aber, vor allem Zeit mit meinen Kindern zu verbringen. Wenn ich hin und her reise, bin ich nicht immer für sie da. Wenn ich zurück bin, will ich das so gut wie möglich wieder nachholen. Das erdet dich am meisten. Aber was ich am entspannendsten finde: mit meiner Frau abends Backgammon zu spielen, bei einem Glas Rotwein. Das ist der schönste Teil des Tages für mich. Klingt jetzt nicht sehr star-mäßig, oder?

Dann feiern Sie sicher Weihnachten ganz klassisch?

Keine Frage. Wobei ich dann in Australien sein werde. Dort ist dann gerade voll der Sommer. Das wird ganz schön heiß. Ich meine, wir sind britschen Ursprungs, wir feiern ganz klassisch, es gibt Truthahn, es gibt Backkartoffeln und heißen Schinken. Und das bei der Hitze. Wir werden ganz schön schwitzen. Und haben sofort einen sitzen.

Wie anstrengend ist der Teil der Arbeit, dass Sie ständig um die Welt jetten und überall Interviews geben? Wo man morgens vielleicht nicht immer weiß, in welcher Stadt man gerade aufwacht?

Ach wissen Sie, als ich jung war, hab ich immer davon geträumt, durch die Welt zu reisen. Und hier bin ich nun und darf das wirklich tun, übernachte in Fünf-Sterne-Hotels und muss mich nicht mal um die Flugtickets kümmern. Das wird nie zum Alltag, ich liebe es fühle mich da immer sehr privilegiert, dass ich das machen darf. Das ist vielleicht mal ein wenig ermüdend wegen des Jet-Lags, aber ich genieße es. Und ich versuche auch immer, egal in welcher Stadt ich bin, etwas von ihr zu sehen.

Wirklich? Es gibt Stars, die klagen, dass sie immer nur das Hotel sehen.

Selber schuld. Nein, ich muss immer raus. Zumindest zum Essen. Und dann will ich auch immer etwas sehen.

Und was werden Sie in Berlin sehen?

Ich gehe ins Ballett. Aber bitte verraten Sie’s nicht, zumindest nicht, bevor der Abend vorbei ist. Ich will das inkognito genießen.

Das letzte Mal in Berlin trugen sie ein Pflaster auf der Nase. Wegen Ihres Hautkrebses. Sie sind damit in die Offensive gegangen. Nervt es Sie trotzdem, darauf angesprochen zu werden?

Das sind Basalzellkarzinome, die sind vergleichsweise harmlos. Ich hatte fünf davon, mein Arzt meint auch, ich werde weitere bekommen. Aber das ist komplett heilbar, wenn man sich behandeln lässt. Das sind die Sünden meiner Jugend, die ich da bezahle. Ich bin britischer Abstammung, also ziemlich blass, habe aber in Australien nie Sonnencreme benutzt. Aber ich freue mich, wenn ich mit meiner Popularität auch etwas Gutes bewirken kann. Wenn der Ex-Wolverine junge Menschen animiert, sich nicht ungeschützt der Sonne aussetzen – umso besser.