Er ist einer der meist beschäftigten deutschen Filmschauspieler. Und doch ist Herbert Knaup ganz bodenständig geblieben, ohne all die Star-Allüren, die so manche Kollege an den Tag legen. Ab heute ist der 61-Jährige im ARD-Zweiteiler „Die Puppenspieler“ zu sehen. Ein Historiendrama über die Macht des Geldes – und die der Religion, was ja derzeit wieder erschreckend aktuell ist. Anlass genug, um den Berliner zu sprechen. Ins Café Einstein kommt er ganz leger und in Plauderlaune. Nur vor dem Regal mit den edlen Tropfen mag er nicht fotografiert werden. Das sehe ja aus, als ob er trinke.
Gratulation, Sie haben gerade beim Günter-Rohrbach-Preis den Ehrenpreis fürs Lebenswerk erhalten. Fühlt man sich da geschmeichelt? Oder ist das nicht etwas komisch, wo Sie weit davon entfernt sind, es zu beenden?
Herbert Knaup: Nein, das habe ich noch nicht vor. Ich weiß auch nicht, wie es dazu kam. Aber ich fühle mich natürlich geschmeichelt. Vor allem, weil ich Günter Rohrbach seit vielen Jahren kenne und er letztlich sogar das Zünglein an der Waage war, dass ich überhaupt zum Film gekommen bin.
Wie das?
Damals war ich noch beim Theater, fühlte mich da eigentlich auch ganz gut aufgehoben und habe nur wenige Filme gemacht. Als Dominik Graf für „Die Sieger“ nachcasten musste, schlug Rohrbach, der den Film produzierte und mich gerade in „Wallers letzter Gang“ gesehen hatte, mich vor. Da schließt sich in gewisser Weise ein Kreis, weil ich gerade erst mit Dominik Graf zusammen „Hanne“ gedreht habe.

Sie haben dazwischen 24 Jahre lang nichts mehr miteinander gemacht?
Wir haben uns mal in München getroffen, ich habe ihn auch besucht, als er hier in Berlin „Im Angesicht des Verbrechens“ gedreht hat. Aber sonst hat sich nie etwas ergeben. Aber das Großartige, als wir jetzt wieder zusammen gearbeitet haben, war, dass wir uns sofort wieder verstanden haben. Ich hatte Angst, er könnte sagen: „Du bist ein routinierter Profi geworden, das langweilt mich.“ Denn das Schlimmste für mich ist Routine.
Wenn es „Die Sieger“ damals nicht gegeben hätte, wären Sie heute vielleicht immer noch am Theater?
Ja vielleicht. Der Herr Graf jedenfalls hat damals gesagt, er habe mich aus einem Schlaf geweckt. Ich war ja im Theater ganz zufrieden, er hat mich sozusagen wachgeküsst. Danach habe ich lange Zeit nur für den Film gearbeitet.
Und wie! Allein in diesem Jahr fünf Filme und eine Staffel à 13 Folgen „Die Kanzlei“. Wie schaffen Sie das alles? Haben Sie überhaupt noch ein Privatleben?
Schon, doch. Das hört sich nur so viel an. Und die Serie, das sollte nur eine Übergangslösung sein. Dieter Pfaff war damals sehr krank, unterzog sich einer Chemotherapie und ist dann tragischerweise während der Dreharbeiten gestorben. Der Sender hat dann überlegt, die Serie doch fortzusetzen, und so bin ich jetzt mit an Bord.

Dennoch: Bei all diesen Rollen – sind Sie ein Workaholic? Brauchen Sie immer noch ein und noch ein Projekt?
Ich würde das nicht so sehen, es sind ja auch nicht nur Hauptrollen. Ich liebe es einfach, mich zu verwandeln, in verschiedene Charaktere einzutauchen, diesen Auftrag der Menschendarstellung zu erfüllen. Aber natürlich habe ich ein Privatleben! Wenn ich nicht drehe, bin ich zuhause. Dann bin ich auch rund um die Uhr Hausmann und bringe meinen Sohn zur Schule. Ich schaue schon, dass ich bei Dreharbeiten am Wochenende daheim bin. Ich bin ein ganz normaler fünf Tage arbeitender Vater.
Jetzt spielen Sie im Zweiteiler „Die Puppenspieler“ Jakob Fugger. Kürzlich im Luther-Film „Zwischen Himmel und Hölle“ hat Fugger die Reformation unterstützt, in Ihrem Film macht er Borgia zum Papst. Ist Jakob Fugger für alles verantwortlich?
(lacht) Wir wollten ihn einfach in allem recht modern machen. Um zu verdeutlichen, was die Geschichte uns heute noch zu sagen hat. Fugger als der erste Banker, der bei uns quasi die Globalisierung vorwegnimmt. Der überall seine Finger drin hat und in halb Europa die Strippen zieht. Der Urvater des Kapitalismus.
Und sahen Sie sich in der Rolle? Was war Ihre erste Reaktion, als das Angebot kam?
Ich habe mit Regisseur Rainer Kaufmann schon einige „Kluftinger“-Krimis gedreht, wo ich auf schräge Art mit Dialekt in den Allgäuer Alpen ermittle. Da sagt man eigentlich blind zu. Kostümfilme sind außerdem meist aufregende Reisen. Die ganzen Roben, die brotkatbesetzten, seidenbestickten Umhänge, die Person und Herkunft ausstellen sollen – das zu tragen, bringt einen automatisch in eine andere Zeit.

Auch Religion und Verblendung spielt eine große Rolle in Ihrem Film. Gibt es da Parellelen zum heutigen Fundamentalismus?
Vor 30 Jahren spielte die Gläubigkeit bei uns fast keine Rolle mehr, jetzt gibt es überall wieder Fundamentalismus, auch bei Christen. Was da gerade in unserem globalen Dorf an Terror passiert und was es für Ängste auslöst, derenthalben man dann auch wieder verstärkt Orientierung im Glauben sucht – das kann man damals wie heute finden.
Darf ich fragen, sind Sie selbst gläubig?
Ich glaube auch an etwas, aber nicht unbedingt an die Auferstehung. Höchstens in dem Sinne, dass da eine Energie nach dem Tod bleibt.
Haben Sie eigentlich schon mal Nein zu einer Rolle gesagt?
Doch, ich kann das mittlerweile schon. Ich habe über die Jahre gelernt abzusagen. Eine oder zwei größere Rollen, mehr kann man in einem Jahr eigentlich nicht leisten. Aber ich werde halt oft gefragt, und es gibt ja auch kleinere, unterstützende Rollen. Wenn das Projekt stimmt, mache ich das auch. So viele Drehtage sind das ja nicht immer.

Das zeichnet Sie aber aus, dass Sie auch kleinere Parts übernehmen. Andere in Ihrer Liga wären sich dafür zu fein.
Ich unterscheide nicht zwischen kleinen und großen Rollen, ich schaue mir die Figuren an und entscheide dann. Es muss halt für den Moment, in dem die Figur ins Bild rückt, stimmen.
Heutzutage muss fast jeder deutsche Star ein „Tatort“-Kommissar sein. Oder gewesen sein. Sie gehören nicht dazu. Hat man Sie nie gefragt, oder wollten Sie nicht?
Doch, man hat mich in jungen Jahren mal gefragt. Da wollte ich aber nicht, da gab es noch diese Angst, festgelegt zu sein und in eine Schublade zu rutschen. Und ich wollte ja immer frei bleiben. Nach dem Dreh von „Die Sieger“ sagte Dominik Graf auch: „Willkommen in der Hauptkommissarsrolle“. Der dachte, ich drehe nur noch sowas. Und wirklich gab es entsprechende Anfragen. Ich habe stattdessen sofort eine Komödie gemacht, um zu zeigen, ich kann auch anders. Mit dem Kluftinger habe ich dann doch eine Reihenfigur bekommen. Keine Serie, so war das nie angedacht, aber doch eine beständige Figur. Da gab es sogar die Idee, den in die „Tatort“-Reihe einzugliedern. Geht aber gar nicht, weil die Autoren ja die Vorlageromane schreiben.
Und wenn jetzt doch noch mal eine „Tatort“-Anfrage käme?
Na, das weiß ich doch nicht! Jetzt gibt es ja gerade wieder eine Diskussion über das ganze Format, nur weil zwei, drei Folgen mal etwas experimenteller waren. Ich bin jetzt irgendwie nur dabei, Dominik Graf zu zitieren, er ist wohl auch nicht der einzige, aber er hat gesagt, man kann als deutscher Filmschaffender in einem „Tatort“ mehr über Deutschland erzählen als im Kino.
„Die Puppenspieler“ ARD, 27. und 29.12., je 20.15 Uhr





