Volksbühne

Swingender Sadismus von Mette Ingvartsen

Mit der Performance „Red Pieces“ begeht Mette Ingvartsen ihren Einstand als Hauschoreografin an der Volksbühne unter Chris Dercon.

"21 pornographies" von und mit Mette Ingvartsen

"21 pornographies" von und mit Mette Ingvartsen

Foto: Jens Sethzman

Berlin. Sex ist überall, Pornographisches gehört zu unserem Alltag. Wie beeinflusst uns diese scheinbare Rundum-Verfügbarkeit der Körper, bei welchen Affekten packt sie uns? Diese Fragen beschäftigen die Performerin und Choreographin Mette Ingvartsen seit mehr als zehn Jahren. Mit zwei ihrer Arbeiten zum Thema – dem Solo „21 pornographies“ und dem Gruppenstück „to come (extended)“ – stellte sie sich am Mittwoch als Hauschoreographin an der Volksbühne vor. Gerahmt wurden die beiden Performances im Großen Haus mit einem Filmprogramm; im Roten Salon endete das fast fünfstündige Programm mit einem Vortrag zum Thema „Wet Aesthetics“.

Was Mette Ingvartsen unter dem Titel „Red Pieces“ präsentiert, dockt zwar ästhetisch an die Sparten Tanz und Theater an. Verwandt ist es jedoch vor allem mit der Performance Art, die dem Museum näher steht als der Bühne. Diese Affinität dürfte Ingvartsen für den Museumsmann und Volksbühnen-Intendanten Chris Dercon interessant gemacht haben. Punkten kann Dercon in Sachen Verkaufserfolg mit dieser Programmsetzung aber vorerst nicht: Vielleicht zu zwei Dritteln besetzt sind die Plätze im Zuschauerraum – zu wenig für eine der drei Auftaktpremieren im Haus am Rosa-Luxemburg-Platz.

Souverän positioniert sich allerdings Mette Ingvartsen, der Volksbühnen-Debatte und heiklen Situation des Hauses zum Trotz. Obwohl allein auf der Bühne, hat sie den Saal im Griff. Am Beginn ihres Solos „21 pornographies“, mit dem der Abend eröffnete, hört man – in auffälliger Parallele zum Beckett-Abend Mitte November – lediglich ihre per Mikroport verstärkte Stimme. Auf der mit schwarzem Tanzteppich ausgelegten leeren Bühne glimmen drei Reihen Leuchtstoffröhren.

Mit einlullender Sachlichkeit schildert Ingvartsen eine fast rituelle Passage, von einem herrschaftlichen Anwesen in einen Saal in dessen Innerem. Aufgerufen wird durch die intrikate Schilderung der leblos prunkvollen Architektur, vorgetragen in glasklarem Englisch, die französische Literatur des 19. Jahrhunderts: der Detailreichtum eines bürgerlichen Interieurs wie bei Marcel Proust, die eingefrorenen Stilleben der Dekadenz eines Joris-Karl Huysman, die symbolistische Dandy-Lyrik von Baudelaire.

Gewaltvisionen des Marquis de Sade

Was sich allerdings im Saal des wortreich dargestellten Herrenhauses abspielt, verdankt sich eher den pornographischen Gewaltvisionen des Marquis de Sade und seinen „120 Tagen von Sodom“: Gesellschaftlich arrivierte Herren lassen sich bei einer grausamen Orgie von alten Huren Sadomaso-Stories erzählen und quälen blutjunge Knaben und Mädchen mit sadistischen Sexspielen. Mette Ingvartsen, die mittlerweile an die Bühne getreten ist, breitet die Details aus, ohne einmal die Stimme zu erheben oder ihren gemessenen Gestus zu verändern: Exkremente werden geschluckt, Knaben masturbiert, Mütter aus einer spontanen Lust heraus getötet.

Ambivalenz und Unwohlsein erzeugt dieses Vorgehen: Zu sehen und zu hören sind Gewalt und Lust nicht – unnahbar wirkt die mit weißem Hemd und der schwarzer Hose betont androgyn gekleidete Performerin –, aber mitunter springt einen trotz der distanzierenden Mittel die Brutalität des Geschilderten unmittelbar emotional an. Wie kann es sein, dass wir solch bestialischen Erzählungen derart ungerührt lauschen?

Beseitigen möchte Ingvartsen diesen Konflikt nicht. Sie bleibt distanziert, frei von Affekten und Emotionen. Mit klinischer Präzision führt sie ihre Szenen aus, etwa wenn sie den Nackttanz einer sich in Schokolade suhlenden Filmdarstellerin imitiert. Ingvartsens muskulöser Körper wirkt glatt und trocken wie ein Harnisch, selbst als sie auf die Bühne uriniert, so wie die Soldaten, die in einer anderen Episode auf die Leichen der von ihnen getöteten Feinde pissen. Am Schluss dreht sich Ingvartsen dann minutenlang im Kreis, eine der Leuchtröhren empor reckend, über dem Kopf eine schwarze Kapuze – Opfer und Folterknecht zugleich.

Richtet Ingvartsen im Solo ihren Fokus aus die Verbindung von Macht, Gewalt und Sex, adressiert sie mit „to come (extended)“ die lustvoll-heitere Seite des Pornographischen. 15 Performer*innen stellen orgiastisch-erotische Posen nach – aber das Sexuelle wird neutralisiert durch türkisfarbene Ganzkörperanzüge und choreographische Akkuratesse. Von untergründiger Komik ist „to come (extended)“: Betont cheesy werfen sich die Performer*innen in Pose, Sexstellungen werden sanft mechanisch animiert. Einer effektvolle Durchhaltenummer feiert den nackten Körper und Mensch als wundervolles Mängelwesen: Nackt bis auf Tennissocken und Turnschuhe hüpfen, shaken und kicken die Performer*innen zu Big Band-Swing mitreißenden Rock ’n Roll auf die Bühne.

Langsam tritt der Schweiß aus ihren Poren und rötet sich die Haut, das Lachen aber steht ihnen professionell im Gesicht – was im Show-Biz unter Make-Up und Kostüm versteckt wird, liegt hier offen zutage. Aufklärerisch ist das in Maßen, auf jeden Fall ist es effektvoll: belohnt wird die mitreißende Tanzeinlage mit einigem Jubel (und gleichwohl verhaltenem Applaus). Gut gemacht ist das alles, ja, aber auch sehr clean. Und hier lauert eine weitere Ambivalenz: Ingvartsen bedient letztlich den voyeuristischen Blick, den sie eigentlich entlarven möchte.

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