Rekorde halten manchmal nicht lange. Erst im letzten Jahr hat Maren Ades Film „Toni Erdmann“ beim Europäischen Filmpreis abgeräumt und gleich fünf Hauptpreise ergattert. Das war dort noch keinem Film zuvor gelungen, das war ein Rekord in der Geschichte des europäischen Oscars. Aber schon im Jahr nach „Toni Erdmann“ ist dieser Fünfer-Aufschlag gleich noch einmal erreicht worden.
Gefühlvolle Gesellschaftsmetapher oder grelle Gesellschaftssatire? Berlinale-Gewinner oder Cannes-Sieger? Das Werk einer Frau oder das eines Mannes? Der 30. Europäische Filmpreis, der Freitagabend im Berliner Haus der Festspiele verliehen wurde, war vor allem ein Rennen zweier Werke: Ildykó Enyedis „Körper und Seele“ und Ruben Östlunds „The Square“. Die klassischen europäischen Filmnationen Frankreich, Großbritannien, Deutschland, blieben diesmal Nebensache, die meisten Nominierungen zählten der ungarische und der schwedische Film.
Der Produzent entschuldigt sich für die vielen Preise
Am Ende geht dann fast alles an den Schweden. Ruben Östlund wird als bester Drehbuchautor und als bester Regisseur ausgezeichnet, sein Hauptdarsteller Claes Bang als bester Schauspieler. Und dann gelingt dem Film auch noch die Kunst, sowohl zur Komödie des Jahres als auch zum Besten Film gekürt zu werden.
Das scheint am Ende selbst dem Produzenten Erik Hemmendorff fast ein bisschen peinlich, er entschuldigt sich regelrecht, dass die anderen kaum etwas abbekommen haben. Schon am Tag zuvor, als die Nebenpreise verliehen wurden, ist ein ging ein Preis an „The Square“ gegangen, für die best Ausstattung. Insgesamt kommt der Film damit sogar auf sechs Auszeichnungen..

Die einzige Trophäe, die an „Körper und Seele“ geht, ist die für die beste Schauspielerin. Wie gut, dass „The Square“ wenigstens in dieser Kategorie nicht nominiert war. Alexandra Borbély, die mit dieser Ehrung sichtlich nicht gerechnet hat, sorgt für den bewegendsten Moment an diesem ansonsten wieder einmal eher zähen und überlangen Gala-Abend: Sie bricht vor Überwältigung in Tränen raus, findet kaum Worte, bringt diese nur stammelnd heraus und rührt damit alle Filmschaffenden im Saal.
Nach dem Triumph fürs deutsche Kino im Vorjahr spielt der deutsche Film diesmal kaum eine Rolle. Fatih Akins herausragendes NSU-Drama „Aus dem Nichts“, ist, wie berichtet, gar nicht erst eingereicht worden. Paula Beer, die für „Frantz“ als beste Schauspielerin nominiert ist, verliert, wie zu erwarten war, gegen die Bobély. Auch Simon Verhoevens Flüchtlingskomödie „Willkommen bei den Hartmanns“ unterliegt in der Kategorie Komödie dem Favorit des Abends.

Aber dafür geht der im Internet ermittelte Publikumspreis völlig überraschend an „Vor der Morgenröte“. Maria Schraders Stefan-Zweig-Film ist ein Meisterwerk, das sicher jeden Preis verdient, aber ist er publikumswirksam? Das lässt doch eher staunen. Passt aber sehr gut zur aktuellen Lage: Träumte Stefan Zweig im Exil doch von einem freien, vereinten Europa, das er nicht mehr erleben sollte und das nun wieder in Gefahr ist.
Denn auch darum geht es beim Europäischen Filmpreis, der vor genau 30 Jahren ins Leben gerufen wurde: um die Manifestierung des europäischen Gedankens. Für die leidenschaftlichste Szene sorgt deshalb auch kein Preisträger, sondern Wim Wenders, eins der Gründungsmitglieder und langjähriger Präsident der Europäischen Filmakademie.
Der 72-Jährige staunt nicht nur, dass alle 30 Jahre älter geworden sind, er hebt vor allem zu einer flammenden, pathetischen Rede auf Europa an. So pathetisch, dass er selbst fast zu weinen beginnt. Eine Rede, in der er gegen den Nationalismus als die älteste und gefährlichste europäische Geißel wettert und die er mit einem kämpferischen Satz beendet: „Europa ist nicht ein Problem, Europa ist die Lösung.“





