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30 Jahre Europäischer Filmpreis: Duell Primat gegen Hirsche

Am Samstag wird der europäische Oscar verliehen. Der deutsche Film hat diesmal kaum Chancen. „Aus dem Nichts“ ist nicht mal nominiert.

Der eine große Favorit: Der Berlinale-Siegerfilm, Ildikó Enyedjs Schlachthaus-Romanze „Körper und Seele“

Der eine große Favorit: Der Berlinale-Siegerfilm, Ildikó Enyedjs Schlachthaus-Romanze „Körper und Seele“

Foto: Alamode Film

Der Europäische Filmpreis wird 30. Drei Dekaden – das ist durchaus keine Selbstverständlichkeit für einen Preis, der nicht immer von allen geliebt wird. Davon zeugt etwa der Name: Anfangs wurde er Felix getauft, der Glückliche, um wie die Konkurrenten, der Oscar in den USA, aber auch der César in Frankreich, einen Namen zu haben. Der Felix brachte indes kein Glück, der Name wurde bald zurückgezogen. Nun heißt der Preis schlicht "EFA". Nicht wie die erste Frau im Paradies, es ist bloß das Kürzel für "European Film Award".

Davon zeugt auch eine gewisse Reiseunlust. Werden europäische Stars zu den Oscars geladen, sind sie wie selbstverständlich dabei. Geht es aber um den EFA, fehlt selbst manch Nominierter. Obwohl die Verleihung in jedem ungeraden Jahr in Berlin stattfindet, dem Sitz der Europäischen Filmakademie, und in jedem geraden in einer Europäischen Kulturhauptstadt. Und doch hat sich mit der EFA so etwas wie ein europäischer Geist entwickelt. Und ein einmaliges Netzwerk von Filmschaffenden des Kontinents.

Ein Zeichen für den europäischen Film

Das alles hat klein angefangen, vor über 30 Jahren, als sich ein paar Regisseure in einem Berliner Hotelzimmer trafen und darüber sinnierten, wie man dem europäischen Film mehr Renommee verleihen könne. Damals, 1988, als der Kontinent noch geteilt war, hatte das europäische Kino einen schweren Stand. Und eine schwache Präsenz. Einen Film in Europa zu drehen, bedeutete oft einen langen, zähen Kampf. Der Felix sollte da ein optimistisches Zeichen setzen. Wobei es der neu gegründeten Akademie nie nur um einen wie auch immer gearteten Euro-Oscar ging, sondern um Kommunikation, Vernetzung – und Koproduktion.

Mochte man danach auch eine Zeit lang über "Europuddings" gespottet haben: Die Frage, ob es ein europäisches Kino gibt, die stellt heute keiner mehr. Und ohne Koproduktion mit anderen Ländern sind heute nur noch wenige Filmprojekte möglich. "Ich glaube, es gibt keine andere Industrie oder Gemeinschaft in Europa, die sich so verbunden und vereint fühlt wie wir", behauptet Marion Döring, die Direktorin der Filmakademie, selbstbewusst.

Auch was die Verleihung angeht, hat es klein angefangen. In den ersten Jahren wurde die Zeremonie in Berlin noch im damaligen Spiegelzelt abgehalten. Inzwischen hat aber nicht nur die Akademie eine stattliche Mitgliederzahl erreicht, auch die Show wurde immer größer und glamouröser. Vor allem aber zelebriert die Filmakademie den europäischen Gedanken.

Was längst keine Selbstverständlichkeit mehr ist in Zeiten, da die Euro-Kritiker nicht nur immer lauter werden, sondern in manchen EU-Ländern schon die Regierung stellen. Das zeigte sich erst vergangenes Jahr, als der EFA in Breslau verliehen wurde, in Polen also, wo europäische Rechtsprechung und Gewaltenteilung ernsthaft in Gefahr sind. Da wurde die Preisverleihung zu einer einzigen Beschwörung der europäischen Idee gegen alle Kritiker.

Der "Toni Erdmann"-Triumph wird sich nicht wiederholen

2016 war auch das Jahr des großen Triumphs des deutschen Films, als "Toni Erdmann" gleich fünf Europäische Filmpreise einheimste. Mehr als je ein Film zuvor in der Geschichte des Preises. Das wird sich in diesem Jahr schwerlich wiederholen. Mit Fatih Akins NSU-Terrordrama "Aus dem Nichts" gäbe es zwar einen vorzüglichen Kandidaten, der auch in Cannes einen Preis gewann und als deutscher Kandidat ins Oscar-Rennen geht.

Der Ausnahmefilm ist aber nicht mal nominiert. Dafür ist der Regisseur wohl selbst verantwortlich: Zu den Aufnahmekriterien beim EFA gehört, dass die Akademie alle Filme auf DVDs sichten kann. Um den Kinostart seines Filmes herum wollte Akin aber, wohl aus Angst vor Video-Piraterie, keine DVDs zur Verfügung stellen. Und bringt sich damit um ein paar sichere Preise.

So bleiben nur wenige deutsche Chancen: Paula Beer ist als Schauspielerin nominiert in François Ozons erster deutschen Produktion "Frantz", Maria Schraders Stefan-Zweig-Film "Vor der Morgenröte" hat eine Schauspieler-Nominierung – für den Österreicher Josef Hader. Auch Aki Kaurismäkis zweimal nominiertes Flüchtlingsdrama "Die andere Seite der Hoffnung" ist eine finnisch-deutsche Koproduktion, die Preise würden aber an den Finnen gehen.

Den Abend werden aber wohl zwei Filme unter sich ausmachen: Ruben Östlunds schwedische Gesellschaftssatire "The Square" und Ildikó Enyedis Schlachthausromanze "Körper und Seele". Der Sieger von Cannes und der Sieger der Berlinale. In dem einen geriert sich ein Mann wie ein Tier, im anderen träumt ein Paar von Hirschen. Beide sind mit fünf bzw. vier Nominierungen die Favoriten und treten in gleich drei Kategorien (siehe Kasten) direkt gegeneinander an. Freilich gibt es da mit drei Nominierungen auch noch den Außenseiter "Loveless" des Russen Andrey Zvyagintsev. Man sieht: Der europäische Gedanke wird bei der Akademie von jeher etwas großzügiger ausgelegt.

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