Kosslick-Nachfolge

"Es muss ein Tandem, vielleicht sogar ein Trio sein"

Im Haus der Kulturen der Welt wurde öffentlich über die Zukunft der Berlinale diskutiert. Leidenschaftlich, aber natürlich ergebnisoffen.

Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) beider Podiumsdiskussion

Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) beider Podiumsdiskussion

Foto: Paul Zinken / dpa

Berlin.  Am Ende ist er doch nicht gekommen. Dieter Kosslick hatte ernsthaft überlegt, am Montagabend ins Haus der Kulturen der Welt zu kommen. Wo über die Zukunft der Berlinale diskutiert wurde. Denn natürlich ging es auch um den Offenen Brief vor zehn Tagen, in dem 79 Unterzeichner eine neue Ausrichtung des Festivals gefordert hatten, eine "Viererbande" aber, wie Kosslick sie nennt, den Brief innerhalb eines Online-Artikels publik machten, der zu einem veritablen Kosslick-Bashing wurde.

Kosslick wird am Dienstag vor dem Aufsichtsrat der Berlinale Vorschläge zur Neustrukturierung nach seinem Abgang 2019 machen. Die Diskussion am Montag soll den Rahmen dafür setzen und war erst mal nur intern gedacht. Da aber vor allem Transparenz bei der Findung der Kosslick-Nachfolge gefordert wird, hat Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) gleich bei der Diskussion begonnen und diese öffentlich gemacht. Der Saal ist gut gefüllt – mit Filmschaffenden wie Maria Schrader und Sebastian Schipper, Abgeordneten, Branchenvertretern und vielen Berlinale-Mitarbeitern. Und auch wenn es um die Zukunft des Festivals gehen soll, geht es doch vor allem um den Brief und seine fatale Auswirkung.

Zehn Tage lang hat sich Frau Grütters nicht zu der Causa geäußert. Zehn lange Tage gab es keinerlei Rückendeckung für Kosslick von offizieller, politischer Seite. Das holt die Kulturstaatsministerin nun in ihrer Eingangsrede nach. Über Veränderungen nachzudenken, das sei "gleichermaßen notwendig wie legitim", gibt sie zu verstehen, aber doch bitteschön "offen, sachlich und konstruktiv". Sie zählt noch ein mal alle Verdienste Kosslicks auf und bittet die Nachfolgediskussion ohne Häme zu führen. Sie räumt auch gleich mit dem Gerücht auf, sie suche vor allem eine deutsche Frau. Es gebe "keinerlei Vorfestlegung, weder auf eine weibliche noch auf eine deutsche Nachfolge".. Es werde aber im kommenden Jahr eine Entscheidung geben – "unter meiner Leitung", bekräftigt sie . Obwohl noch völlig unklar ist, ob sie in einer neuen Bundesregierung noch Kulturstaatsministerin ist.

Dann beginnt die eigentliche Diskussion. Das erste Wort darf Regisseur Christoph Hochhäusler führen: einer jener vier, die den Offenen Brief öffentlich gemacht haben. Auf dem Forum sitzt auch Volker Schlöndorff, der einer von vielen Unterzeichnern ist, die sich von der Vorgehensweise mit der Petition missbraucht fühlen und der meint, sie habe sich ja selbst desavouiert. Hochhäusler schlägt starke Kritik aus dem Auditorium entgegen. Als er anführt, die derzeitige Berlinale sei eine "eierlegende Wollmilchsau", die wie das Öffentlich-Rechtliche Fernsehen zu beliebig sei und es jedem recht machen wolle, wird er mehrfach lautstark. Was er eigentlich will, mehr künstlerische Freiheit oder doch mehr Ost-West-Proporz, was sich ja irgendwie auch widerspricht, das kann er nicht so recht klar machen. Und Schlöndorff bescheinigt dem Kollegen, eigentlich hätten sie mit ihrem Gebaren doch schon alles erreicht. Sie hätten jetzt größtmögliche Offenheit und größtmögliche Transparenz: "Eigentlich können wir nach Hause gehen."

Tun sie natürlich nicht. Bettina Reitz, die Präsidentin der Hochschule für Film und Fernsehen in München, die kurzfristig für Kirsten Niehuus vom Medienboard Berlin-Brandenburg eingesprungen ist, findet die moderatesten Töne. Sie sieht das Problem in den Strukturen, dass Filme auf Festivals nicht mehr die Wahrnehmung fänden wie früher. Was aber ein allgemeines Festivalproblem sei und kein immanentes Berlinale-, schon gar kein Kosslick-Problem. Filmproduzent Thomas Kufus spricht dann als einziger einen wirklichen Lösungsvorschlag aus. Aber einen, den auch schon alle Spatzen von den Dächern pfeifen, den ja selbst Kosslick vor Jahren schon gefordert hat: Die Berlinale-Leitung muss dringend aufgesplittet werden. "Es muss ein Tandem, vielleicht sogar ein Trio sein."

Tatsächlich muss sich der Berlinale-Chef derzeit nicht nur um das künstlerische Programm, sondern auch um die 24-Millionen Euro Finanzen kümmern. Da sind alle anderen A-Festivals längst weiter. Diese Entscheidung ist überfällig. Und dann wären auch gleich zwei Probleme gelöst: Wenn ein künstlerischer Leiter sich nur um die Filme kümmern könnte, würde vielleicht auch das Profil der Sektionen wieder schärfer.

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