Berlinale

Dieter Kosslick über Brandbrief: "Ich war stinksauer"

Berlinale-Chef Dieter Kosslick über den Offenen Brief gegen seine Person und die Zukunft des Filmfestivals nach seiner Amtszeit.

Er steht derzeit unter enormem Druck und spricht von einem Komplott: Festival-Chef Dieter Kosslick

Er steht derzeit unter enormem Druck und spricht von einem Komplott: Festival-Chef Dieter Kosslick

Foto: dpa Picture-Alliance / Michael Kappeler / picture alliance / dpa

Berlin. So aufgebracht haben wir Dieter Kosslick noch nie erlebt. Eigentlich ist der Berlinale-Chef ja Mister Gute Laune. Aber nun ereifert er sich in seinem Büro. Vor einer Woche wurde eine Petition von 79 Filmschaffenden veröffentlicht, in dem ihm quasi die Fähigkeit als Festivalleiter abgesprochen wird. Inzwischen haben sich einige Unterzeichner von der Publikation wieder distanziert. Der Kollateralschaden so kurz vor dem neuen Festival, dem vorletzten in Kosslicks Amtszeit, ist aber gemacht. Und die Diskussion, wie es nach Kosslick weitergehen soll, ist voll entbrannt.

Herr Kosslick, hat Sie der Offene Brief kalt erwischt?

Dieter Kosslick: Ich wusste, dass der Brief bereits im Mai an die Kulturstaatsministerin gegangen ist. Dass sich Filmemacher um die Zukunft und die Regelung der Nachfolge Gedanken machen, das ist völlig berechtigt, legitim und ja auch gut. Aber die Petition erschien dann "exklusiv" im Zentrum eines Online-Artikels, den ein Quartett des Filmkritikerverbands formuliert hat, das sich seit langem an mir abarbeitet, drei Journalisten und ein Regisseur. Und dann haben plötzlich alle Medien von einer Totalabrechnung dieser Regisseure mit mir berichtet.

Und wie war Ihre Reaktion?

Ich war stinksauer. Eine so schlichte Manipulation mit einer so heftigen Wirkung! Wir haben sogar die Koalitionsfrage aus den Medien verdrängt. Da gab's nur noch Kosslick.

Im Text heißt es: "Ziel muss es sein, eine herausragende kuratorische Persönlichkeit zu finden, die für das Kino brennt, weltweit bestens vernetzt und in der Lage ist, das Festival auf Augenhöhe mit Cannes und Venedig in die Zukunft zu führen".

Ich hab mich damit gut beschrieben gefühlt (lacht).

Genau das wird Ihnen dadurch aber abgesprochen.

Aber das sagt eben das Quartett und nicht die 79 Unterzeichner. Was ist "brennen", und wer "brennt für den Film", wenn nicht ich? Was bitte soll "Augenhöhe" bedeuten? Wir sind eines der wichtigsten Festivals der Welt. Es ist nicht neu, dass Festivaldirektoren gebasht werden, das ist auch Thierry Frémaux in Cannes passiert oder Alberto Barbera in Venedig. Aber selbst meine Konkurrenten bemitleiden mich, wie aggressiv es gerade hier abgeht. Eigentlich ist diese Erklärung nicht gegen mich gedacht, es sollte um die Zukunft der Berlinale gehen. Das wurde nun missbraucht, die Unterzeichner sind instrumentalisiert worden. Das ist der Beginn von Fake News. In Berlin hat man die Spezialität, dass erst mal der Direktor fertig gemacht wird. Das hat man gerade erst an Chris Dercon erlebt. Jetzt bin ich dran.

Nun hat Frau Grütters ja schon im März angekündigt, dass sie Ihren Vertrag über 2019 hinaus nicht verlängern möchte. Das hatten Sie eigentlich auch nie vor. Aber das klang wie ein Rauswurf.

Dazu kann ich nichts sagen, solange mein Vertrag anhält. Danach erscheint meine Autobiographie, und da werde ich ganz zuletzt über diese beiden Sachen schreiben. Unter dem Motto: "Vom Komplott zum Kompott".

Dercon ist von der Politik ziemlich im Stich gelassen worden. Hätten auch Sie sich mehr Rückendeckung gewünscht?

In einer solchen Situation wünscht man sich von allen Rückendeckung. Wir sind drei Wochen vor Abschluss der nächsten Berlinaleplanung. Da ist der Stress am Größten. Und wir befürchten Kollateralschäden. Aber erste Unterzeichner haben sich schon gegen die Veröffentlichung gewandt. Das Filmstudio Babelsberg hat sich zu Wort gemeldet, ebenso der Präsident der Filmförderanstalt, Bernd Neumann. Es werden noch andere folgen. Und am Montag wird sich die Kulturstaatsministerin zu Wort melden.

Nehmen wir mal die persönliche Kritik gegen Sie heraus. Aber was auch viele Filmemacher seit langem bemängeln, ist, dass es auf der Berlinale immer mehr Sektionen gibt mit immer weniger Profil, in denen Filme nicht mehr so wahrgenommen werden.

Der Vorwurf, dass die Berlinale zu groß sei, ist alt. Die Anzahl der Filme hat sich in den letzten 17 Jahren eigentlich kaum verändert. Es werden aber mehr als doppelt so viele Karten verkauft. 2017 hatten wir 334.000 zahlende Zuschauer und 500.000 Kinobesuche. Das gibt es auf der ganzen Welt nicht. Und was sagt der Berlinalefan, der in der Schlange vor der Kasse steht, in einer repräsentativen Umfrage? Die finden die Berlinale zu klein, weil es nicht genug Karten gibt. Würden wir das Festival schrumpfen, hätte das allerdings auch finanzielle Auswirkungen. Vor allem für den Bund. Die Kulturstaatsministerin müsste dann einige zusätzliche Millionen Euro an Subventionen zur Verfügung stellen, weil uns das Geld dann fehlt.

Die Unterzeichner fordern vor allem mehr Transparenz bei der Nachfolge Ihres Amtes. Richtet sich der ursprüngliche Brief eigentlich viel mehr gegen Grütters als gegen Sie?

Ich kann diesen Wunsch nach einem transparenten Prozess der Neugestaltung verstehen. Frau Grütters hat auch gar nichts dagegen, sie will eine "hochkarätig besetzte Findungskommission". Ich werde mich aus der Nachfolgediskussion tunlichst heraushalten. Mein Vertrag endet am 31. Mai 2019. Es gibt übrigens noch andere Filmfestivals auf der Welt, wenn man unbedingt weitermachen will.

Haben Sie da schon etwas im Auge?

Ich habe gar nichts im Auge. Aber vielleicht haben andere Filmfestivals mein Telefonbuch im Auge. Falls ich nach dem 31. Mai 2019 weiter arbeiten will, gibt es für mich schon ein Plätzchen.

Der Aufsichtsrat hat Sie aufgefordert, Vorschläge für die Neustrukturierung des Festivals zu unterbreiten. Wie könnten die aussehen?

Ich mache dem Aufsichtsrat am kommenden Dienstag einen Vorschlag. Am Abend davor gibt es eine Diskussion, die erst inoffiziell sein sollte und jetzt öffentlich ist. Vielleicht gibt es da ja entscheidende Impulse. Und, ich denke, die werden meinen Vorschlag diskutieren. Der übrigens nicht an meiner Person hängt. Es wird kolportiert, dass ich Präsident werden will mit einem künstlerischen Direktor unter mir. Dummes Zeug! Ich mache einen Vorschlag, der der Komplexität der Berlinale gerecht wird, die seit 1951 zum größten Filmfestival der Welt gewachsen ist. Allerdings bin ich gespannt, wer in dieser Atmosphäre überhaupt noch Lust hat, die Berlinale zu leiten.

Eine Doppelspitze von einem Präsidenten und einem Programmleiter ist aber doch eine naheliegende Konstruktion?

Es gibt sonst kein A-Filmfestival der Welt, das nicht wenigstens zwei leitende Personen hat. Ich habe mit vielen Filmfestivals gesprochen: Es gibt keinen einzigen Direktor, der so viel Macht, aber auch so viel Druck hat wie ich. Weil alles in einer Hand ist: der Präsident, der Geschäftsführer und der künstlerische Leiter. Die Berlinale muss als letztes A-Festival seine Organisationsstruktur der Größe anpassen, die sie hat. Ich habe erheblich weniger Zeit, mich um die Kunst zu kümmern, weil ich mich auch um die Finanzierung von 25 Millionen Euro kümmern muss, für die ich auch noch hafte als GmbH-Geschäftsführer. Ich muss mich seit zwei Jahren mit der Mietsituation am Potsdamer Platz beschäftigen. Es wäre vielleicht besser, ich würde mit Herrn Frémaux durch die Welt fliegen und nur Filme sichten. Der macht nichts anderes. Ich muss aber auch noch sehen, dass die Kasse stimmt. Und in 17 Jahren gab es noch nicht eine einzige rote Zahl bei der Berlinalebilanz. Da gibt es ganz andere Kulturinstitutionen...

Kann man in der jetzigen Gemengelage überhaupt noch seine Berlinale organisieren? Oder hat man Lust, hinzuschmeißen?

Dass das Ganze nicht dienlich ist und die Komplexität der Sache erhöht, ist klar. Aber ich betreibe nicht nur Yoga, sondern auch ein bisschen Tai-Chi und Zen-Buddhismus. Und da geht es darum: Nutze die Kraft des Gegners und lenke sie um.

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