Volksbühnen-Intendant

Chris Dercon: „Das war keine Kritik, das war Hass“

Nach all den heftigen Angriffen startet Intendant Chris Dercon in die neue Volksbühnen-Saison. Ein erster Besuch in seinem Büro.

Spiegelung: der neue  Indendant Chris Dercon im Foyer der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz

Spiegelung: der neue Indendant Chris Dercon im Foyer der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz

Foto: Ricarda Spiegel

Die Kantine ist so genauso wie Frank Castorf sie verlassen hat. „Ach Volk Du Obermieses“ steht da auf einem der typischen Retroplakate an der Wand neben den schrammeligen Holztischen. Mittags gibt es Götterspeise, Rotebeete-Salat ist auch noch im Angebot. Neuintendant Chris Dercon hält uns sein Smartphone mit einer Message als Beweis vor die Nase. Die britische Tageszeitung „Guardian“ hat die Kantine zu den Top 8 der besten Coffeeshops in Europa gekürt. Dercon führt uns ins Intendantenbüro. Auf der Hauptbühne probt Susanne Kennedy gerade ihr Stück „Women in Trouble“.

Wie war es, als Sie nach der Schlüsselübergabe, nach all den Attacken das erste Mal in der Volksbühne gestanden haben?

Chris Dercon: Der 24. August, der Tag der Spielzeiteröffnung war ein toller Tag. Zum Spielzeitbeginn werden traditionell die Jubilare gefeiert. Stellen Sie sich vor, in diesem Jahr gab es 25 Jubilare, alles Mitarbeiter, die seit 1992 zusammen mit Frank Castorf am Haus gearbeitet haben. Ich hatte also 25 Blumensträuße im Arm, ein ganzes Blumenmeer. (lacht) Sie sehen, wie wichtig Geschichte ist – ohne sie können wir keine Zukunft bauen. Ich habe oft gesagt, ich fühle mich unfrei in Berlin mit all den Angriffen, besonders auch in den sozialen Netzwerken. Aber hier, im Haus der Volksbühne fühle ich mich plötzlich frei. Jeden Morgen, wenn ich aus der U-Bahn steige, gehe ich zuerst in die Kantine oder rauche mit den Mitarbeitern im Hof.

Und, sind Sie zuerst in Castorfs Intendantentbüro gegangen?

Es gab tolle Polstermöbel in dem Büro, aber ich habe einen großen Tisch reinstellen lassen. Ich möchte, dass mein Büro von allen genutzt wird, wenn ich nicht da bin, ist es dann ein Meeting Room. So habe ich es in München im Haus der Kunst gehalten und auch an der Londoner Tate. Ich habe eine offene Tür, so habe ich es gelernt. Der Intendant ist kein Kondor, der über dem ganzen schwebt, so bin ich nicht. Ein Intendant ist wie ein Moderator oder ein Chefredakteur, der die richtigen Fragen stellt und alles im Blick hält. Jemand, der mit dem Kantinenpersonal spricht und sagte: „Wie geht es euch?“ Dass Sie und das Du vermische ich immer als Belgier, das werde ich nie lernen.

Was haben Sie aus dem ganzen zum Teil haßerfüllten Widerstand gegen Ihre Berufung gelernt?

Ich weiß es genau, es war am 1. August. Da war der Moment erreicht, wo ich dachte, das kann ich nicht mehr so hinnehmen, es meinem Team nicht mehr zumuten. Da lagen Fäkalien direkt vor der Tür unseres Interimsbüros in der Weydinger Straße. Klaus Lederer hat sich dazu in einem Interview geäußert, Leidenschaft ja, aber diese Art von Attacken ginge nicht. Das ist keine Form von Kritik, das ist Hass. Doch das gehört heute auch zu den sozialen Medien. Dort findet kein wirklicher Austausch statt, keine wirkliche Begegnung, da geht es nur um das eigene Ich. Mit Kritik kann ich umgehen, sie gehört zum Theater und auch zur deutschen Kultur. Im Vergleich zur angelsächsischen und französischen Kritik ist die deutsche viel heftiger. Das hat mit der deutschen Geschichte zu tun, denke ich. Wenn Sie mich fragen, was ist deutsche Leitkultur, dann antworte ich: die Kritik als wichtigste Form der Auseinandersetzung. Davon können Nichtdeutsche viel lernen. Mit Kritik kann ich also umgehen, mit Hass nicht.

Für viele waren Sie das Feindbild. Gab es den Punkt, wo Sie heute sagen, dass hätte ich anders machen sollen?

Es gibt jeden Tag diese Lernmomente, besonders als Quereinsteiger, der ich nun mal bin.

Sie waren in London, im München, ist hier Ihr Engagement nicht auch rufschädigend bei all den Kommentaren?

Ja, natürlich ist das rufschädigend. Aber jetzt können wir am 10. September endlich anfangen. Ich bin sicher, dass in einigen Monaten die Situation eine andere ist, dann geht es hoffentlich um wirkliche Auseinandersetzung mit unserem Programm. Womit ich auch nicht umgehen kann ist, dass die Künstler und mein Team beschädigt werden.

Was ist für Sie, der von außen in die Stadt kommt, die wirkliche Ursache des Konfliktes? Hier ging es doch noch einmal um die Ost-West-Vergangenheit.

Schauen Sie sich das Humboldt Forum an, da wird auch viel gestritten. Ich glaube, ich bin eine Projektionsfläche für Themen wie Gentrifizierung, die steigenden Mieten. In unserem Programm werden wir genau solche Themen aufnehmen. Was bedeutet heute in einer Stadt wie Berlin Gemeinschaft, Zusammengehörigkeit? Das ist eine politische Aussage. Deswegen holen wir für unser Programm doch Künstler wie Boris Charmatz, Omar Abusaada und Mohammad Al Attar mit syrischen Schauspielerinnen in den Hangar 5 des Flughafen Tempelhof.

Sie müssen ein Ensemble aufbauen, das Misstrauen Ihnen gegenüber verunsichert doch die Schauspieler oder?

Im Gegenteil zu Oliver Reese am Berliner Ensemble kann ich keine Stücke aus dem Repertoire mitnehmen, bei ihm stehen immer noch Produktionen von Wilson und Peymann im Programm. Castorf, Pollesch, Fritsch und Marthaler haben mir mitgeteilt, dass sie ihre Stücke aus dem Repertoire ziehen. Daher in der Eröffnungsmonaten unsere Mischung aus Neuproduktion, Koproduktion und Gastspielen. Viele Schauspieler und Regisseure hatten das Gefühl, sich nicht auf uns verlassen zu können. Das wird sich bald ändern.

Und wie motivieren Sie sich bei all diesen Problemen?

Ich schaue mir ab und zu das Youtube-Video mit Benedict Cumberbatch an, der dort einen Brief des Künstlers Sol LeWitt vorliest. Immer wieder höre ich ihn dort sagen, „Hör auf damit, Dich zu beschweren - just do it“.

„Ganz Berlin tanzt auf Tempelhof“ heißt es am Sonntag. Was erhoffen Sie sich vom Eröffnungstag mit Boris Charmatz?

Das Wetter soll nicht so schlecht werden. Der Eintritt ist frei. Unglaublich, die Leute fragen mich, gibt es denn Karten für den freien Eintritt? Verdammt, es ist gratis, von 12 bis 22 Uhr. 200 Tänzer sind dabei, die alle zusammen eine Choreografie draußen auf dem Tempelhofer Feld entwickeln. Hangar 5 bespielen wir am 14. September mit der Premiere von Boris Charmatz‘ „A dancer’s Day“. Dort geht es in der Performance „10.000 Gesten“ um den Unterschied von Gesten und Bewegungen. Ich komme zurück zu den Social Media, wir begegnen uns nicht mehr, wir sehen einander nicht mehr an, spucken Worte, sehen die Geste nicht mehr. Es kommt die Zeit, da sind wir nicht mehr in der Lage, Gesten zu deuten oder zu machen. Und ja, ich erwarte eine Form von Zusammengehörigkeit auf dem Tempelhofer Feld und dem Hangar 5. Die Geschichte von Tempelhof steht für die Geschichte Berlins, für Freiheit, Wirtschaftswunder. Im vergangenen Jahr kamen die Flüchtlinge. Eine Stadt, ein Land in Bewegung. Wissen Sie, Theater ist jeden Tag ein Krisenmanagement! Und das ist auch gut so.

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