Jetzt gilt’s, der Moment der Wahrheit naht. In den nächsten Tagen und Wochen starten die Berliner Theater in die neue Saison. Vor uns liegt die spannendste Spielzeiteröffnung seit Jahren, denn es ist eine voller Umbrüche. Jetzt müssen sich die Versprechungen der letzten Monate, die Hoffnungen, aber auch die Mutmaßungen und die Befürchtungen mit der Wirklichkeit messen lassen. Wird der neue Intendant Chris Dercon der Volksbühne ein eigenes Profil verpassen können, gar mit Ensemble und Repertoire wie vertraglich gefordert oder wird sie zur Eventspielstätte mit wechselnden temporären Künstlergruppen auf der Durchreise wie Kritiker befürchten? Wird Oliver Reese als neuer Chef des Berliner Ensembles mit seinem Konzept, stark auf zeitgenössische Autoren zu setzen, und mit seinem hochkarätigen Ensemble dem Deutschen Theater das Wasser abgraben?

Wie ist das, wenn Frank Castorf jetzt am Berliner Ensemble inszeniert? Und Herbert Fritsch am Lehniner Platz? Außerdem: Brecht emigriert in den tiefen Westen, das Schlosspark Theater übernimmt die BE-Inszenierung „Die Kleinbürgerhochzeit“. Und der jüngst ausgiebig in Mitte zelebrierte Lauter-letzte-Vorstellungen-Reigen ist rüber an den Kudamm gerückt: „Letzte Spielzeit vor dem Abriss“ steht fett auf dem aktuellen Programmflyer der Kudamm-Bühnen.

Auf intergalaktische Partnersuche geht das Maxim Gorki Theater
Auf intergalaktische Partnersuche geht das Maxim Gorki Theater © Esra Rotthoff | Esra Rotthoff

Struktur der vergangenen Jahre wird umgekrempelt

Es sind mit Dercon und Reese ja nicht nur zwei neue Intendanten in die Stadt gekommen, vielmehr wird gerade die ganze gemütliche Struktur der vergangenen Jahre ordentlich umgekrempelt. Regisseure wechseln ihre Stammhäuser, Schauspieler auch, überall neue Konstellationen. In dieser Saison werden sich Seh- und Theater-Geh-Gewohnheiten ändern. Nach all den Experten und Politikern, den Versetzten und Verletzten mit ihren Prognosen und Warnungen sind ab jetzt die Zuschauer dran. Sie dürfen ihre Gunst neu verteilen und kriegen dafür mächtig viel geboten in den nächsten Wochen und Monaten.

Den Auftakt macht am 10. September Chris Dercon. Vorerst in Tempelhof. Auf dem ehemaligen Flugvorfeld empfängt er mit seinem Haus-Choreografen Boris Charmatz die Stadt in dem zehnstündigen Projekt „Fous de danse“ unter dem Motto „Ganz Berlin tanzt auf Tempelhof“. Zwei weitere Tanzperformances von Charmatz folgen. Die erste Schauspielpremiere gibt es am 30. September. Omar Abusaada inszeniert mit syrischen Frauen Euripides’ „Iphigenie“ im Hangar 5. Erst im November wird das Haupthaus am Rosa-Luxemburg-Platz eröffnen mit Stücken von Samuel Beckett.

Im Gegensatz zu dieser eher gestreckten Eröffnung, legt Oliver Reese ab dem 21. September direkt mit voller Wucht los: Drei Premieren an drei Tagen. Hier will einer zeigen, was er hat. Antú Romero Nunes inszeniert Camus’ „Caligula“, Mateja Koležnik einen Tag später auf der alten Probebühne, die jetzt Kleines Haus heißt, „Nichts von mir“ und am nächsten Abend zeigt Michael Thalheimer das Brecht-Stück „Der kaukasische Kreidekreis“. Neben Thalheimer konnte Reese außerdem Schauspieler wie Ingo Hülsmann, Peter Moltzen und Judith Engel von der Schaubühne an den Schiffbauerdamm locken. Auch Schauspielgrößen von anderen Theatern wie Constanze Becker, Corinna Kirchhoff oder Stefanie Reins­perger folgten seinem Ruf. Da hat Reese sich eine ziemlich großartige Truppe zusammengecastet, auf und hinter der Bühne. Bis zur ersten Castorf-Inszenierung am BE werden sich die Fans allerdings noch bis Dezember gedulden müssen, ausgesucht hat der sich dafür Victor Hugos „Les Misérables“.

Die Schaubühne dagegen bedient die Volksbühnen-Jünger von der ersten Stunde an und hofft auf ihre Pilgerbereitschaft. Sie startet mit Herbert Fritsch. Er beschäftigt sich in „Zeppelin“ mit Texten aus dem Nachlass von Ödön von Horváth. Wie wir ihn kennen, wird er sich die skurrilsten aussuchen und den ersten Fotos nach zu urteilen, wird es so bunt wie eh und je. Außerdem wird Thomas Ostermeiers bereits in Manchester gezeigte Inszenierung von Didier Eribons Text „Rückkehr nach Reims“ mit Nina Hoss jetzt in Berlin zu sehen sein und der auf politisches Theater spezialisierte Milo Rau ist mit zwei Premieren angekündigt.

Bei all dem Gebrumm ringsum setzt das Maxim Gorki Theater lieber auf Kontinuität. Zum Beispiel auf die bewährte Methode der israelischen Regisseurin Yael Ronen, die für ihr Stück „Roma Armee“ wieder persönliche Erfahrungen der Beteiligten mit politischer Realität verknüpft. Auch die Kombination Sibylle Berg und Sebastian Nübling hat sich bereits als sehr erfolgreich erwiesen. In „Nach uns das All“ geht Sibylle Bergs bereits aus „Es sagt mit nichts, das sogenannte Draußen“ und „Und dann kam Mirna“ bekannte Antiheldin unter Nüblings Regie auf intergalaktische Partnersuche.

Bestenfalls findet sie dort Antwort auf eben jene Frage, mit der das Deutsche Theater seine gesamte Spielzeit überschrieben hat: „Welche Zukunft“ heißt es. Zur Eröffnung inszeniert Christopher Rüping Sinclair Lewis’ Roman „It Can’t Happen Here“, danach bearbeitet der tschechische Regisseur Dušan David Pařízek Kafkas „Amerika“ auf der großen Bühne. Spannend werden dürfte auch die Uraufführung von Thomas Melles Text „Versetzung“ im November, ein Auftragsstück, in dem er sich erneut mit dem Thema bipolare Störung beschäftigt. Kein leichter Stoff.

Für fröhlich-entspannte Abende geht man ohnehin besser ins Schlosspark Theater, an die Kudammbühnen oder ins Renaissance-Theater, die wie gewohnt gehobenes Unterhaltungstheater mit fernsehbekannten Darstellern zeigen. Also zum Beispiel Anousch­ka Renzi als „Die Kameliendame“ (Schlosspark Theater), Anna Thalbach und Boris Aljinović in „Mord auf Schloss Haversham“ (Renaissance-Theater) und Walter Plathe in Franz Werfels „Jacobowsky und der Oberst“ (Theater am Kurfürstendamm). Da weiß man, was man kriegt, wenigstens daran hat sich nichts geändert. Ansonsten sind allerorten die Karten neu gemischt, die Trümpfe sind inzwischen bekannt, und jetzt bitte: Spielen!