Die zwei jungen Männer, die da mit dem Blick am Boden über den Parkplatz 2 am stillgelegten Flughafen Tempelhof schleichen, haben eine pinkfarbene Spraydose und eine Scha­blone in den Händen. Spray-Guerillas? Im Gegenteil, die beiden markieren die Laufrichtung zum Hangar 5, dort, wo am Wochenende die „neue“ Volksbühne endlich in ihre erste Saison starten kann. Am Sonntag geht es los, es wird getanzt „auf“ Tempelhof, wie Dercon immer sagt. Eingeladen sind alle Berliner.

Der Weg ist kompliziert, quer zwischen den vielen Autos hindurch, vorbei an einem roten Lastwagen mit der vielversprechenden Aufschrift „Götterspeise Experience“, die Treppe dahinter runter, rechts halten. Endlich stehen wir vor einer wuchtigen Eisentür. Wer mag, darf diesen Gang symbolisch deuten. Chris Dercons Weg als neuer Intendant der Volksbühne war alles andere als leicht. Jeder Schritt von ihm wurde überwacht. Über kein Theater wurde im letzten Jahr mehr gestritten und geschrieben.

Über keinem strahlte ein so heller Heiligenschein wie über Castorfs Bühne am Rosa-Luxemburg-Platz. Castorf ist weg, Ruhe hat Dercon trotzdem nicht. Am Montag erhielt Kultursenator Klaus Lederer (Linke) eine Petition mit 40.000 Unterschriften – für den Erhalt der Volksbühne als Repertoire- und Ensembletheater. Da stand Dercon gerade draußen vor dem Hangar 5, rauchte. Vor ihm die Weite des alten Rollfeldes, der blaue Himmel, hier kann er frei atmen. In 400 Meter Entfernung sieht er die weißen, umzäunten Tempohomes, wo Flüchtlinge untergebracht sind. Der Hangar 5, auch er hat zu allen Seiten einen Zaun. Realität, Theater, Politik, Tanz – hier verschwimmen vermutlich die Grenzen vor seinen Augen.

Die Tribüne ist für 400 Personen konzipiert

Wir stehen erst einmal mittendrin im 4000 Quadratmeter großen Hangar, um uns herum sieht vieles so aus wie auf einer Baustelle. Da Werkzeuge, dort gestapelte Paletten. Irgendwo brodelt eine 10-Liter-Kaffeemaschine, wie wir sie von Straßenfesten kennen. „Nimm dir einen Kaffee“, sagt ein Techniker. Ein bisschen wird es so wohl auch bleiben, sagt Chris Dercon, „das hier ist eine offene Werkstatt“.

Das groß angekündigte mobile Satelliten-Theater („eine Utopie“) ist vorerst nicht mehr als eine Tribüne im knappen Halbrund, mit Sperrholzplatten versehen und einigen blauen Sitzpolstern. Die nächsten Tage soll sie noch mit Stoff bezogen werden. Zusätzlich sind in der Halle treppenartige Podeste mit blauen Sitzhockern locker platziert, bequemer als wir dachten. Alles demontierbar, flexibel, allerdings nicht mobil. Eigentlich sollte die Tribüne beweglich sein, also zum Rein- und Rausrollen auf das Flugfeld, so wie einst auch die Flugzeuge bewegt wurden. 400 Plätze gibt es hier, 800 bis 1000 waren im Entwurf vorgesehen.

Das sei Architektur, die den Raum „neu definiert“, erklärt Dercon nun, „radikal einfach“, so nennt er das. „Das könnte auch im Bauhaus entstanden sein“, murmelt jemand. Bei den Bregenzer Festspielen sieht so eine Tribüne jedenfalls ähnlich aus. Mit dem Unterschied, dass sie dort gar nicht erst öffentlich vorgestellt wird. Es sei ein „Modul“, die „erste Komponente“ des Satelliten-Theaters. So erklärt es Dercon.

Architekt Francis Kéré, seit 20 Jahren lebt er in Berlin, erzählt, warum das alles so ist, wie es ist, er nur die Minimalversion realisieren konnte. Es sei das erste Mal, dass er öffentlich Rede und Antwort gibt. Zeitlich sei es sehr knapp gelaufen. Erst im Mai kam die Zusage für die Finanzierung der Tribüne. 300.000 Euro flossen in die Sitzgruppe, 200.000 bleiben für die Veranstaltungen.

Gern würde Chris Dercon jedes Jahr im Sommer und Herbst Tempelhof bespielen, Voraussetzung ist jedoch, dass das Geld da ist. Die komplette Satelliten-Variante lässt sich nicht mit der gegenwärtigen Basisförderung der Bühne finanzieren. „Da brauchen wir andere Garantien“, meint Dercon. Dazu gehören auch zusätzliche Programmmittel.

Der Intendant ist froh, dass er endlich anfangen kann

Warum er gerade Tempelhof als neuen Spielort gewählt hat, wird er gefragt. „Wir brauchen neue Stadt- und Kulturräume“, sagt er – und man fragt sich kopfschüttelnd, warum er die Dinge immer noch so abstrakt formuliert. Wie seine Befindlichkeit ist? „Mit meinem Team fühle ich mich wohl“, sagt er, „bin froh, dass wir endlich anfangen, und nicht mehr nur reden, wie wir uns fühlen. Es ist nicht interessant, darüber zu reden.“

Eröffnung: „Ganz Berlin tanzt auf Tempelhof“, 10.9., 12 bis 22 Uhr