Der Geist des Alten, er scheint noch da zu sein. Auch wenn überall NEU in Großbuchstaben plakatiert ist. Auf der Litfaßsäule vorm Theater, an Bushaltestellen. Oliver Reese, seit dieser Spielzeit Intendant des Hauses, kommt um die Ecke. Schwarz gekleidet. Ganz wie sein Vorgänger Claus Peymann. Lediglich bei den Schuhen, da setzt Reese auf ein sportliches Modell – und rote Farbe. Passend zur neuen Imagekampagne hätten die eigentlich anders aussehen müssen. Denn Schwarz und Gelb sind die Farben des Neuanfangs. Fußballfans könnten glatt auf die Idee kommen, Borussia Dortmund habe den Spielbetrieb nach Berlin verlegt.

Neustart, das heißt in diesem Fall aber auch: Baustelle. Denn bevor das Theater mit neuer Mannschaft und einem Premierenreigen in gut vier Wochen in die erste Saison aufbricht, gibt es einige Umbauten. Die erläutert der Intendant bei einem Rundgang.

Im Hof des Berliner Ensembles ist momentan die Kantine untergebracht, gekocht wird in einem Pavillon, Getränke gibt’s an einem Extrawagen – „fellinimäßig“, kommentiert Reese das Provisorium. Wenn es regnet, kann man sich in die ehemalige „Alte Probebühne“ zurückziehen. Dieses Gebäude, Reese bezeichnet die Zustände als „schlimmer als gedacht“, wird für etwa vier Millionen Euro entkernt und umgestaltet. Die Lottostiftung unterstützt diese Maßnahme, bei der im Erdgeschoss mit dem „Werkraum“ eine Experimentierbühne für junge Regisseure und im Obergeschoss das „Kleine Haus“ mit 200 Plätzen entsteht. Außerdem bekommt das Gebäude ein Foyer und einen Aufzug. „Ziel ist Barrierefreiheit, Energieeffizienz – und alles andere, was hier für ein professionelles Theater gefehlt hat – von Toiletten bis zu abgesicherten Beleuchterzügen“, sagt Reese. Er öffnet eine normalbreite Tür und zeigt auf eine von außen angebrachte Treppenkonstruktion aus Metall: Das war der Weg, den die Bühnenbilder bislang nahmen.

Er bringt Inszenierungen aus Frankfurt mit

Bis die Neuzeit allerdings hier anbricht, wird noch ein Jahr vergehen, der Intendant rechnet mit einem Bezug im Herbst 2018, solange gibt es im Haus gegenüber ein weiteres Provisorium. Die „Neue Probebühne“, die Peymann errichten ließ, ist „als temporäres Kleines Haus ein Geschenk“ (Reese). Sie braucht allerdings aus feuerpolizeilichen Gründen noch eine Fluchttreppe, deshalb steht für ein Jahr ein metallisches Ungetüm im Hof des Berliner Ensembles – der TÜV begutachtet es in den nächsten Tagen.

Die slowenische Regisseurin Mateja Koležnik probt dort gerade „Nichts von mir“ im Original-Bühnenbild. Das Stück, geschrieben vom zeitgenössischen norwegischen Dramatiker Arne Lygre und insofern programmatisch, hat am 22. September Premiere. Einen Tag vorher eröffnet Antú Romero Nunes, der in Berlin zuletzt unter Armin Petras am Gorki-Theater gearbeitet hat, mit „Caligula“ von Albert Camus das neue Berliner Ensemble. Mit Con­stanze Becker in der Titelrolle, ebenfalls eine Rückkehrerin, sie spielte zuletzt am Schauspiel Frankfurt und davor am Deutschen Theater in Berlin. Das Berliner Ensemble – anderes wäre an diesem Ort schwer vorstellbar – fühlt sich natürlich Bertolt Brecht verpflichtet: Michael Thalheimer wird am 23. September den „Kaukasischen Kreidekreis“ inszenieren, unter anderem mit Ingo Hülsmann, der von der Schaubühne kam. Komplettiert wird der neue Spielplan durch etliche „Berliner Premieren“, also Stücke, die Reese aus Frankfurt, seiner alten Wirkungsstätte, mitbringt, darunter auch eigene Inszenierungen wie „Die Blechtrommel“ und „Eine Familie“.

Wir sind zurückgekehrt ins Haupthaus. Reese steht auf der Bühne, schaut in den Zuschauerraum und schwärmt: „Da geht einem schon das Herz auf.“ Ein „wahnsinnig schönes Theater“ – Worte, die auch sein Vorgänger Peymann nutzte. Und der kam immerhin von der Burg, auch kein unästhetischer Bau, während Reese in Frankfurt alles andere als ein Schmuckkästchen hatte. Der Nachkriegsbau verfügt über eine wahnsinnig große Bühne, die größte im deutschsprachigen Raum, natürlich mit Seiten- oder Hinterbühne. Beides fehlt im Berliner Ensemble, das den Bombenkrieg unversehrt überstand und immerhin mit einer „perfekten Drehscheibe“ dienen kann. Wir gehen durchs Haus, vorbei an neuen Serverräumen – die „alten Computer aus den 90er-Jahren“ wurden ausgemustert, moderne Kabel verlegt, Informationstechnologisch sei man jetzt „angekommen im 21. Jahrhundert“, sagt Reese.

„Oliver! Come Quickly to the Hauptstadt!“

Und es gibt auch neue, reale Ausblicke. Das Rangfoyer bekommt wieder einen Tresen, auf der Empore ist Platz für den DJ bei Premierenfeiern. Im Foyer wurde das Fenster freigelegt, man blickt auf den Brecht-Platz und das Denkmal. Reese hat Peymanns Arbeitszimmer nicht übernommen, so viel Abgrenzung muss sein, dort sitzen künftig die Regie- und andere Assistenten. Er hat das frühere Vorzimmer bezogen, ein Büro, viel bescheidener als das alte in Frankfurt – hier am Berliner Ensemble ist eben alles kleiner –, dafür mit „viel Licht“ und Ausblick auf den Hof. Am Regal hängt eine handschriftliche Notiz von Barrie Kosky, dem Intendanten der Komischen Oper: „Oliver! Come Quickly to the Hauptstadt!“ Aufforderung erfüllt, Oliver Reese ist da.