Nach allem, was wir wissen, war Stefan Zweig kein besonders guter Schachspieler. Im brasilianischen Exil, wo er sich seit 1940 aufhielt, spielte er gelegentlich gegen den befreundeten Schriftsteller Ernst Feder. „Ich bin ein schwacher Spieler“, hielt dieser später für die Nachwelt fest, „aber seine Kenntnis der Kunst war so gering, daß es mich Mühe kostete, ihn gelegentlich eine Partie gewinnen zu lassen.“

Vieles, vor allem die am Tag vor seinem Freitod in die Post gegebene „Schachnovelle“, deutet darauf hin, dass Zweig nicht für die mathematisch-kombinatorischen Herausforderungen des königlichen Spiels brannte, sondern für dessen kulturelle Überhöhung. In den Salons seiner Zeit gehörte die Schachpartie genauso dazu wie Zigaretten, Zeitungen und Kaffee; in ihr verkörperten sich Stil und Lebensphilosophie des alteuropäischen Intellektuellen. Dass seine Traditionen durch den Nationalsozialismus nicht nur gefährdet, sondern dem Tod geweiht schienen, hat Stefan Zweig, den 1881 in Wien geborenen Sohn eines jüdischen Textilunternehmers, schwer getroffen. Seine letzten Jahre im Exil wurden immer wieder von depressiven Schüben überschattet, bevor er sich in der Nacht vom 22. auf den 23. Februar 1942 zusammen mit seiner Frau Lotte mithilfe einer Überdosis Veronal das Leben nahm.

Der Schriftsteller hatte mit großem Seelenschmerz zu kämpfen

Die Melancholie des Abschieds und das Gefühl bodenlosen Verlusts hat zuletzt Maria Schrader in ihrem schönen Film „Vor der Morgenröte“ (2016) eingefangen, in dem wir den österreichischen Schauspieler Josef Hader als tieftraurigen Stefan Zweig durch Brasiliens Tropen irren sahen. Auch die feine, kleine Ausstellung im Literaturhaus an der Fasanenstraße macht immer wieder deutlich, mit welchen Seelenschmerzen der Schriftsteller zu kämpfen hatte.

Wer sie betritt, glaubt zunächst in die Aufbauarbeiten geplatzt zu sein und schaut vielleicht noch einmal sicherheitshalber auf den Kalender. Aber es gehört hier zum Konzept, dass die Briefe, Fotografien und Typoskripte in zum Teil aufeinandergeschichteten Umzugskartons präsentiert werden oder dass gerahmte Bilder hintereinander gestellt an den Wänden lehnen, sodass man sie durchblättern kann wie eine Plattensammlung. Die Entwurzelung, das Leben aus Kartons gehören zur Entstehungsgeschichte der „Schachnovelle“ notwendig dazu.

Nicht ohne Grund spielt sie ja auch auf einem Passagierdampfer, im Schwebezustand des Unterwegsseins. Sie beschreibt die Begegnung zweier Menschen, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Auf der einen Seite der Schachweltmeister Mirko Czentovic, Sprössling einer einfachen Donauschifferfamilie und außerhalb der 64 Felder mit keiner besonderen Begabung gesegnet. Und auf der anderen der weltgewandte ehemalige Vermögensverwalter Dr. B., der nach dem Einmarsch der Wehrmacht in Österreich 1938 von der Gestapo in Isolationshaft im Hotel Métropole gehalten wurde, sich dort, im „schwarzen Ozean des Schweigens“ auf der verzweifelten Suche nach geistiger Zerstreuung in die Diagramme eines gestohlenen Schachbuchs vertiefte und bald nichts mehr im Kopf hatte als den Widerstreit der Figuren auf dem Brett.

Ein Duell zweier ganz unterschiedlicher Charaktere

Es ist unmöglich, gegen sich selbst Schach zu spielen, Dr. B. versucht es trotzdem, indem er seine Person in ein „Schwarz-Ich“ und ein „Weiß-Ich“ spaltet. Die wahnhaften Zustände, in die er gerät, schildert Zweig ebenso eindringlich wie das Schachduell dieser beiden Charaktere im Rauchsalon des Passagierschiffs, wo es Dr. B. tatsächlich gelingt, eine Partie gegen den Weltmeister zu gewinnen – woraufhin er sich allerdings wieder in seinen Wahn hineinsteigert und eine weitere Partie im Zustand geistiger Verwirrung aufgeben muss.

Die Ausstellung versammelt spannende Zeugnisse rund um die Erzählung, die in Deutschland auf den Lehrplänen der Schulen steht. Das sind nicht nur Erstausgaben und Briefwechsel, es sind auch die Nachbildungen der schweren Ledermäntel der Gestapo, in denen Dr. B. das Schachbuch entdeckt. Es ist auch ein Modell des Hotels Métropole, dem Ort seiner Leiden, dessen Welt sich, wie es in der „Schachnovelle“ heißt, bald „einzig auf die enge Einbahn zwischen Schwarz und Weiß“ verengt.

Die Schachnovelle birgt Zeugnis am Unrecht, das an den Juden begangen wurde

In der „Schachnovelle“ fand sich eines der frühesten Zeugnisse des Unrechts, das im Namen des Nationalsozialismus an den Juden begangen wurde – und zugleich war sie ein Abgesang auf einen intellektuellen Typus, auf eine sorgsam gepflegte literarische Kultur, wie ihr Zweig bereits kurz zuvor in seinen Erinnerungen „Die Welt von Gestern“ ein Denkmal gesetzt hatte. Wer sich ein Bild machen will von Deutschlands und Europas Möglichkeiten, die durch den Nationalsozialismus mörderisch zerstört wurden, wer nachempfinden möchte, was den verzweifelten Stefan Zweig in den Selbstmord trieb, der sollte sie lesen – und dem sei auch der Besuch dieser Ausstellung empfohlen.

Literaturhaus Berlin, Fasanenstr. 23,
Charlottenburg. Di-Fr 14–19 Uhr. Eintritt 6 , ermäßigt 4 Euro. Bis 24. September.

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