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Geschichten von Heimatverlust

Berlin bekommt ein Exilmuseum. Aber wo soll es entstehen? Ein Gespräch mit den Initiatoren

Berlin wird ein Exilmuseum bekommen – doch dafür soll das Käthe Kollwitz Museum in der Fasanenstraße 24 nach 30 Jahren ausziehen, geplant wäre ein Umzug Ende 2018. Das Haus in Charlottenburg gehört der „Stiftung Bernd Schultz in Erinnerung an Hans Pels-Leusden“. Villa-Grisebach-Gründer Bernd Schultz und Christoph Stölzl, ehemals Chef des Deutschen Historischen Museums, gehören zu den Initiatoren des Exilmuseums. Es soll an Hunderttausende Emigranten erinnern, die nach 1933 aus Deutschlands vertrieben wurden. Eröffnen soll das Museum dann 2020 – genau 75 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Das Stiftungskapital wird zwischen 15 und 25 Millionen Euro betragen. Nach Umbau des Kollwitz Museums würden 900 Quadratmeter für das Exilmuseum zur Verfügung stehen. Ein Gespräch mit den beiden Initiatoren über das geplante Projekt, über Exil und den Krach um den neuen Standort für das Käthe Kollwitz Museum.

Berliner Illustrirte Zeitung: Das Käthe Kollwitz Museum soll umziehen. Sie haben dem Haus eine Ausweich-Immobilie in der Neuköllner Karl-Marx-Straße angeboten. Mittlerweile ist Kollwitz-Direktorin Iris Berndt zurückgetreten, hat ganz aktuell den Aufhebungsvertrag unterschrieben. Worin genau liegt der Konflikt?

Bernd Schultz: Nach der Wende wurde verpasst, das Museum nach Prenzlauer Berg zu verlegen. In ihrem ersten Interview 2014 bedauerte die Kollwitz-Direktorin Iris Berndt, dass es nicht dazu kam. Sie war der Meinung, dass das Museum hier in Charlottenburg am falschen Platz ist und woanders innerhalb Berlins besser angesiedelt wäre. Als die Idee für das Exilmuseum entstand, habe ich diese, mich überzeugende Anregung aufgegriffen: Warum eigentlich nicht Neukölln, Kreuzberg, Moabit oder Prenzlauer Berg für das Käthe Kollwitz Museum? Inzwischen wissen wir, dass der Sohn Hans Kollwitz in der Karl-Marx-Straße seine Praxis gehabt und die Künstlerin dort in seinem Wartezimmer gezeichnet hat. Neukölln ist ein sehr authentischer Ort. Die Karl-Marx-Straße gehen in einer halben Stunde mehr Menschen entlang als in der Fasanenstraße in 24 Stunden.

Ob sich die Menschen dort für Käthe Kollwitz interessieren, ist die Frage . . .

Schultz: Das ist eine Frage, wie man ihre Kunst präsentiert und sie in einen zeitgenössischen Kontext stellt. Es ist die Chance, Käthe Kollwitz und ihr Werk neuen Bevölkerungsschichten nahezubringen.

Christoph Stölzl: Na ja, ich bin da parteiisch, ich mache schon länger mit im Verein der Neuköllner Oper. Das ist wirklich ein ganz wunderbarer, multikultureller Ort. Der Saalbau, der Heimathafen, die Neuköllner Oper – ein interessanter Bezirk.

Sie haben gerade auf den familiären Bezug von Kollwitz in Berlin verwiesen . . .

Schultz: . . . Da ist der Prenzlauer Berg mit dem Kollwitzplatz. Einige Straßen weiter gibt es die umtriebige Galerie Parterre, die jetzt eine beachtliche Geburtstagsausstellung mit einem gewichtigen wissenschaftlichen Katalog für die Künstlerin macht. Der damalige Einwurf von Frau Berndt, dass es eine vertane Chance war – er ist wieder aktuell. Es besteht eine Chance. Leider war sie nicht bereit, sie wahrzunehmen.

Der Standort in Neukölln – zwischen Dönerbuden und Handyshops – funktioniere eben nicht, heißt es von Seiten des Kollwitz Museums.

Schultz: Es kann nicht wahr sein, dass es in Neukölln, Moabit, Wedding oder Prenzlauer Berg keinen geeigneten Ort für dieses Museum geben soll. Es ist eine Frage des Wollens oder des Verweigerns. Wir alle erleben täglich, wie sich die Bezirke in Berlin wandeln. Nehmen Sie beispielsweise die Potsdamer Straße, die sich mehr und mehr zu einem Anziehungspunkt für Kunstinteressierte entwickelt hat.

Wie ist aktuell der Stand der Dinge: Gibt es noch ein zweites Immobilien-Angebot?

Schultz: Alle bemühen sich, inklusive des Kultursenators Klaus Lederer, ein Ausweichquartier für das Kollwitz Museum zu finden – oder einen anderen geeigneten Ort für das Exilmuseum im Westen Berlins. Lassen Sie mich die Geschichte einmal richtig erzählen. Vor sechs Monaten habe ich Arne Kollwitz berichtet, dass die Absicht besteht, das Exilmuseum in der Fasanenstraße anzusiedeln. Kurz danach habe ich Eberhard Diepgen, den Vorstandsvorsitzenden des Kollwitz-Vereins, von dem Plan informiert. Zwei Jahre vor dem von mir genannten Auszugstermin Anfang 2019 ist also Zeit genug, um neue Räumlichkeiten zu finden. Die von mir gegründete gemeinnützige Stiftung erhält vom Käthe Kollwitz Museum eine monatliche Miete von 5,60 Euro pro Quadratmeter, eine beachtliche Unterstützung in heutigen Zeiten.

Warum ist ausgerechnet die Fasanenstraße der richtige Ort für ein Exilmuseum?

Stölzl: Ein Museum, das ein erzählender Ort sein muss – es gibt sicher Objekte, aber sie stehen nicht im Mittelpunkt, Medien spielen hier die Hauptrolle –, muss im richtigen Umfeld stehen. Das Thema ist historisch beheimatet im Berliner Westen, wo bis 1914 das moderne Berlin entstand. Hier lebten das fortschrittliche, moderne bürgerliche Judentum und andere antiwilhelminische Kräfte, Rechtsanwälte, Galeristen, Literaten, Künstler. Davon erzählen überall die Stolpersteine . . .

Schultz: . . . Schräg gegenüber wohnte Heinrich Mann, an der Ecke zum Kurfürstendamm hat Joseph Roth seinen Roman „Radetzkymarsch“ geschrieben, und, und, und.

Stölzl: Jedes dritte, vierte Haus erzählt davon. Hier am Kudamm war das „Café des Westens“, alle Verlage. Nach 1933 waren rund um den Kudamm auch jene Organisationen, die bei der Flucht geholfen haben. „Berlin W.“ war ein Synonym bei Freund und Feind dieser vor allem von jüdischen Familien getragenen Moderne. Es gab schon 1931 ein Nazi-Pogrom rund um die Hauptsynagoge in der Fasanenstrasse. Danach haben die wenigen vor Gericht gebrachten Täter gesagt: „Wir wollten dem Kurfürstendamm einen Denkzettel geben.“

Ein anderer Ort in der Stadt wäre keine Option für Ihr Museum?

Stölzl: Selbst wenn wir in Prenzlauer Berg eine große Fabrikhalle hätten, wäre es keine gute Idee, dorthin zu gehen. Es macht Sinn, dass Museen ein Milieu um sich herum haben, das historische Rückbindung hat. Es würde auch nicht zu Unter den Linden passen. Es ist wie bei einem Hotel: Die Lage zählt. Bei einer Künstlerin wie der Kollwitz, die sich der Arbeiterschaft und ihrem Lebenskampf, den harten „facts of life“ gewidmet hat, kann ich mir ihren Gedächtnisort gut vorstellen in einem der härteren Brennpunkte Berlins.

Schultz:Es gibt kaum ein Thema von Käthe Kollwitz, das uns nicht auch heute auf den Nägeln brennt. Sei es Hunger, Obdachlosigkeit, Agitation, Krieg, Gefangenschaft, alles große Themen.

Was bedeutet für Sie der Begriff Exil genau?

Stölzl: Deutschland, die modernste Kulturnation Europas, hat nach 1933 ihre gesamten modernen Eliten vertrieben, mit wenigen Ausnahmen. Diese Eliten fallen sehr stark mit dem jüdischen Bürgertum zusammen, besonders den Künstlern und Intellektuellen. Es war wie eine Selbstamputation. Wir kennen das Exilschicksal in Umrissen bei Thomas Mann, Stefan Zweig oder Billy Wilder. Aber die ganze Breite und Tiefe des Schicksals Hunderttausender, mit ihren Wirkungen bis heute, ist kaum im Bewusstsein. Einiges kennt man, wie die Weltwirkung des Bauhauses. Die gesamte moderne Fotografie stammt aus Deutschland, von der Reportage bis zur Mode: Eisenstaedt, Capa, Blumenfeld . . . Von der Atombombe bis zur Antibabypille und der Erfindung der Shoppingmall – die Weltwirkungen der deutschen Emigration füllen ganze Bibliotheken. Grosso modo sind es freilich unzählige berührende Geschichten von Heimatverlust und Kampf ums Ankommen in der Fremde. Das traurige Schlusskapitel bildet die missglückte Remigration. Bis auf wenige Beispiele hatte Deutschland nicht die Größe, nach 1945 so viele Verjagte wie möglich aktiv zurückzuholen.

Muss das Exilmuseum unbedingt in Berlin stehen?

Stölzl: Hauptstädte sind die Bilderschrift einer Kulturnation. Was hier nicht deutlich sichtbar ist, wird nicht wahrgenommen.

Wie kam es zu der Idee eines Exilmuseums?

Stölzl: Durch das Buch „Deutschlands Emigranten“, das ich zusammen mit Stefan Moses vor vier Jahren gemacht habe. Moses hatte seit 1947 immer wieder auch Emigranten fotografiert. Beim Schreiben der Biografien war ich tief erschüttert.

Schultz: Bei mir waren das zwei Initialzündungen. Die erste hat etwas mit meiner Familie zu tun, die zweite mit meinem Beruf. Seit 1965 reise ich durch die Welt und begegne immer wieder Menschen, ihren Schicksalen. New York, Washington, London, Paris – da könnte ich wochenlang erzählen.

Wie war das mit Ihrer Familie?

Schultz: Meine Mutter hatte eine große Liebe vor meiner Geburt. Ein jüdischer Schuhfabrikant, der nach der Reichskristallnacht nie mehr zurückgekommen ist. Bei ihr stand ein Foto von ihm, meine Mutter sprach nie darüber. In den 1960er-Jahren erzählte sie mir die Geschichte. So hat sich das Foto tief in mir festgesetzt.

Stölzl: Bei uns ist Exil immer ein Thema gewesen. Meine Bauhaus-Tante Gunta Stölzl ging in die Schweiz, für immer; ihr Mann wurde in Israel Ben Gurions Landesplaner. Eine Schwester meiner Mutter floh 1938 nach New York und hat den Heimatverlust nie verwunden. Ihr Bruder ging nach England, kam mit heimwehkranker Frau 1937 zurück und verschwand in Hitlers Lagern.

Schultz: Das Exil ist eine Ansammlung von menschlichen Tragödien . . .

Wir stellen uns einmal vor, wir kommen in Ihr neues Museum. Was passiert mit dem Besucher?

Stölzl: Was man zeigen muss, ist zunächst eine Rahmenerzählung über das „Jahrhundert der Vertreibung“. Dann gibt es eine Art „Momentaufnahme 1930“, wo man Deutschland an der Schwelle zur modernsten Kulturnation der Welt sieht. In Babelsberg die UFA, beinahe schon Hollywood. Die Wissenschaften, ob Medizin oder Physik, Philosophie, Soziologie, Pädagogik, die Sexualreform, dann Architektur und Städtebau, Musik, Literatur und andere Künste – all das war vorbildlich für die ganze Welt. Das muss man aufblättern mit den Biografien und Personen, von denen wir wissen, dass sie wenige Jahre später versuchen werden, ihr Leben zu retten. Danach folgen die Stationen der Entrechtung und die Stationen des Exils. Und dann, in großer Ausführlichkeit, die Schicksale in den neuen Heimaten und die Weltwirkung des deutschen Exils.

Schultz: Es waren in vielen Bereichen die Eliten. Ob es Kunsthändler waren wie Flechtheim oder Cassirer. Bei den Kunsthistorikern Erwin Panowsky, Max Warburg, Max J. Friedländer usw. Wenn ich heute mit 30-, 40-, 45-Jährigen spreche, fehlt schlicht das Wissen. Die Namen sagen ihnen nichts mehr. Wenn ich mit meiner Generation darüber spreche, ist sie tief bewegt. Ich habe die bewegendsten Begegnungen gehabt und große Freunde außerhalb Deutschlands gefunden, die meisten sind nun leider verstorben. So habe ich durch sie die Erfahrung gemacht: Man kann aus der Heimat vertrieben werden, aber die Heimat nicht aus einem.

Kulturstaatsministerin Monika Grütters spricht über einen Ort der Begegnung, weniger über ein Museum. Was meinen Sie?

Stölzl: … Wegen des neuen Themas Migration und Flucht. Es wäre vermessen, wenn eine Privatinitiative auch noch die aktuellen Flüchtlingsfragen mit zum Thema machen würde. Natürlich gibt es Berührungen, und Zusammenarbeit ist selbstverständlich. Aber unser Projekt wird kein Riesenunternehmen, sondern soll überschaubar und intim bleiben, gemacht für Menschen, die engagiert zuhören, lesen und sehen wollen.

Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller hatte sich schon länger für ein Exilmuseum starkgemacht, sagte, Deutschland stünde nicht gut da ohne eines. Ist Herta Müller noch mit im Boot?

Schultz: Sicher, sie ist unsere Schirmherrin.

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