Politik

Literaturen der Welt

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Peter-André Alt

Immer mehr ausländische Autoren leben in Berlin. Und auch die Forschung richtet sich verstärkt international aus

„Literaturort Berlin“, so lautete vor einem Vierteljahrhundert der Titel einer Artikelserie, die der angesehene Theaterkritiker Günther Rühle in einer Tageszeitung unserer Stadt angeregt hatte. Damals ging es vor allem um Geschichte, um einen Rückblick auf Zeiten, in denen Berlin als Metropole der Moderne galt. Von Tucholsky über Kafka bis zu Brecht und Mascha Kaléko reichte der Reigen der Autoren, die nach dem Krieg hier lebten und arbeiteten. Wer heute vom „Literaturort Berlin“ spricht, denkt allerdings nicht nur an die Historie, sondern auch an die eindrucksvolle Gegenwart.

Seit einigen Jahren lassen sich immer mehr Autorinnen und Autoren aus aller Welt bei uns nieder. Sie kommen aus Afrika und Asien, aus dem Nahen Osten, Nord- und Südamerika, aus allen Teilen Europas. Manche bleiben auf Dauer, andere für einen Sommer. Einige schreiben über die Stadt, andere über ihre Heimat, die sie – nicht immer freiwillig – verlassen haben. Und nicht wenige schreiben auf Deutsch, obwohl das nicht ihre Muttersprache ist. Die in der Türkei geborene Emine Özdamar, der ursprünglich aus Kroatien stammende Zoran Drvenkar oder der in Russland zur Welt gekommene Wladimir Kaminer – sie alle verbindet, dass sie Deutsch als junge Menschen erlernten. Ihre Literatur ist ,global‘ im besten Sinn, weil sie sich nicht auf eine bestimmte kulturelle Ordnung festlegen lässt. Ihre Arbeiten passen zu Berlin, dieser wachsenden, unruhigen und vielstimmigen Stadt. Dass der von der Stiftung Preußische Seehandlung finanzierte Berliner Literaturpreis, der mit einer Gastprofessur an der Freien Universität verbunden ist, in diesem Jahr an die in der Slowakei geborene Ilma Rakusa vergeben wurde, unterstreicht die globale Dimension der Berliner Literaturlandschaft.

So bunt wie die Topografie der Texte, die hier entstehen, ist die Szene der Kultur- und Wissensvermittlung. Literatur-Veranstaltungen von Poetry Slams bis zu klassischen Lesungen, die Literaturwerkstatt Berlin und das literarische Colloquium am Wannsee, das Literaturhaus und die Kulturbrauerei – die Event-Formate und Institutionen bieten für jeden etwas. Sehen lassen kann sich aber auch die Berliner Literaturwissenschaft, wie sie an der Freien Universität und der Humboldt-Universität betrieben wird. Ihre Leistungen sind weltweit anerkannt – in den großen Hochschulrankings, etwa des englischen Magazins „Times Higher Education“, rangieren sie auf absoluten Spitzenplätzen. In Berlin wird nicht nur über europäische Literaturen historisch, gegenwartsbezogen und vergleichend geforscht. Auch Autoren aus Lateinamerika und Asien stehen auf dem Lehrplan der Universitäten. An keinem anderen Hochschulort Deutschlands wird eine vergleichbare Vielfalt der Philologien angeboten. Neben die Diversität der Sprachen und Kulturen treten wissenschaftlich avancierte Methoden. Man arbeitet an großen Werk-Ausgaben auf digitaler Grundlage, die es mithilfe einfacher Suchbefehle erlauben, Wortverwendungen und stilistische Eigentümlichkeiten von Autoren zu ermitteln. In Kooperation mit der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften werden solche digitalen Editionen stetig weiterentwickelt.

Am Berliner Zentrum für Literatur- und Kulturforschung untersucht man Konzepte der Weltliteratur und forscht über die Beziehungen, die poetische Texte und medizinisch-biologische Wissensordnungen verknüpfen. Gebündelt werden diese Ansätze in einem neuen Projekt-Antrag der Freien Universität, der im Rahmen der aktuellen Exzellenzförderung von Bund und Ländern eingereicht wurde. Er beschäftigt sich mit den vielfältigen Konfigurationen globaler Literatur, ihren Zeitbegriffen und Raumkonzepten. Der Literaturmetropole Berlin steht ein solches Großvorhaben gut zu Gesicht, weil es ihre Kulturrhythmen und geistigen Dynamiken wissenschaftlich überzeugend erfasst.

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