Politik

Wie man Berlin in Krimis entdecken kann

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In vielen Romanen spielt die Stadt eine ebenso wichtige Rolle für die Handlung wie der Detektiv selbst

Der erste Berliner Detektiv in der Literatur, dem ich begegnet bin, war Emil Tischbein, die tolle Schöpfung Erich Kästners. Emil und die Detektive war auch meine erste richtige Begegnung mit Berlin überhaupt. So stark ist die Großstadt in dem Roman dargestellt, als etwas Brummendes, Lebendiges, Verführerisches, Anziehendes. Ich war als Kind einer Kleinstadt – vielleicht um die acht oder neun Jahre alt – sehr davon angetan. Berlin ist ein ebenso wichtiger Charakter in dem Buch, wie Emil selbst. Jahre später las ich das Buch als Erwachsener noch einmal, dieses Mal auf Deutsch, und hatte die gleichen Gefühle wie damals als Kind. Nur dieses Mal wohnte und arbeitete ich sogar in dieser Stadt meiner einstiger Kinderträume.

Es war vor ein paar Jahren eines meiner Highlights als Journalistin in Berlin, mit dem Londoner Kinderbuch-Autor Michael Rosen in die Fußstapfen von Emil – und im weiteren Sinne auch Kästners – zu treten. An einem sehr kalten Frühlingstag sind wir vom Nollendorfplatz bis zum Alexanderplatz gestapft und haben so viele Orte wie möglich besucht, die mit dem Roman zu tun haben. Sogar Kirschtorte – sehr beliebt bei Emil – haben wir am Zoologischen Garten gegessen, und gestanden sind wir am Bebelplatz, wo die Nazis die Bücherverbrennung veranstaltet haben, heimlich beobachtet von Kästner (dessen „Emil“ aber nicht in die Flammen kam, weil er zu beliebt war).

Jahre später kam Bernie Günther zu meinen Berliner Detektiv-Erlebnissen dazu. Erdacht hat den Privatdetektiv und ehemaligen Kriminaloberkommissar der 1956 in Edinburgh geborene Schriftsteller Philip Kerr für seine Krimi-Trilogie „Berlin Noir“, in der er vor allem das Berlin der 30er-Jahre inszeniert und sehr klug lebendig werden lässt.

Wir Berliner erkennen die Straßen und Plätze wieder, das Wetter und auch die Berliner Schnauze, die ähnlich geblieben sind. Aber Gott sei Dank bleibt uns die beklemmende Atmosphäre der Nazizeit, die er beschreibt, fremd. Er schafft es aber, den Kontrast zwischen der kreativen und manchmal durchgedrehten Stadt, die wir auch heutzutage kennen und der feindseligen, brutalen Zeit eindringlich dazustellen.

Auf meinem Schreibtisch landete neulich ein neuer Berliner Detektiv, diesmal das Werk eines Kollegen aus Belfast. Henry McDonald, der langjährige Irland-Korrespondent des „Guardian“, ist der Schöpfer von Martin Peters, einem Ermittlungsbeamter der Berliner Polizei mit einem nordirischen Vater und einer deutschen Mutter. Der ehemalige Soldat der britischen Armee hat, wie die besten Detektive, seine Geheimnisse und eine Vergangenheit, die ihn in den Straßen eines Berlins während der Zeit kurz nach dem Mauerfall verfolgt.

„The Swinging Detective“ – so heißt sein 332-seitiger Roman, den ich diese Woche gelesen habe – verbringt seine Freizeit in einem Swingerklub in Steglitz. Henry hat mir versichert, er sei nicht selber in so einem Klub gewesen, um seine Recherchen zu machen. Ich muss ihm das glauben. Er meinte, als er 2006–2007 bei einem Journalistenaustausch in Berlin war, habe er neben einem Swingerklub gewohnt, was ihn auf die Idee gebracht habe, es in seinen Roman einzubauen. Typisch Berlin halt, dieser etwas unkon-ventionelle Umgang mit freier Liebe, die in Henrys Geburtsstadt, dem eher konservativen Belfast, nicht so leicht zu finden ist. Andere Berliner Merkmale, die er hier oft beobachtet haben will, sind die starken preußischen Stürme und die Angewohnheit Bier zusammen mit Korn zu bestellen. Ich bezweifle, ob ein Detektiv, seinen spannenden Fall – ein ehemaliger NVA-Soldat wird aus ideologischen Gründen zum Serienmörder – tatsächlich hätte lösen können, wenn er so viel trinken würde, wie Peters in dem Roman. Vielleicht könnte man eher dazu sagen: typisch irisch.

Genauso wie bei Kästner und Kerr ist Berlin auch in McDonalds dunklem Roman, wofür er einen deutschen Verlag sucht, eine ebenso starke und wichtige Persönlichkeit wie sein sympathischer Detektiv.