Konzert in Berlin

Pixies-Sänger Black Francis malträtiert seine Stimme

Bei ihrem einzigen Deutschlandkonzert in der Zitadelle Spandau zeigten die Pixies, wie viel Rock 'n' Roll noch immer in ihnen steckt.

Black Francis von der Band Pixies bei einem Konzert am 18. Juli 2016 in der Zitadelle Spandau in Berlin. // Black Francis of the band Pixies performs during a concert at Zitadelle Spandau on 18 July, 2016 in Berlin, Germany. Pixies Konzert in Berlin Black Francis from the Tie Pixies at a Concert at 18 July 2016 in the Citadel Spandau in Berlin Black Francis of The Tie Pixies performs during a Concert AT Citadel Spandau ON 18 July 2016 in Berlin Germany Pixies Concert in Berlin

Black Francis von der Band Pixies bei einem Konzert am 18. Juli 2016 in der Zitadelle Spandau in Berlin. // Black Francis of the band Pixies performs during a concert at Zitadelle Spandau on 18 July, 2016 in Berlin, Germany. Pixies Konzert in Berlin Black Francis from the Tie Pixies at a Concert at 18 July 2016 in the Citadel Spandau in Berlin Black Francis of The Tie Pixies performs during a Concert AT Citadel Spandau ON 18 July 2016 in Berlin Germany Pixies Concert in Berlin

Foto: imago stock&people / imago/Martin Müller

Mit ihrem unkonventionellen, selbstbewussten und trotzigen Rock ’n’ Roll haben die Pixies aus Boston die Musikszene in den 80er-Jahren kräftig aufgemischt. Sie spielten eine ungeheuer raue, überraschende, gängige Strophe-Refrain-Strophe-Regeln missachtende Musik, in der grelle Gitarren dominierten, die aber kein ellenlang solistisches Saitengeniedel tolerierten. Sie schufen richtungweisende Alben wie „Surfer Rosa“ (1988) und „Doolitte“ (1989), gerieten sich aber bald in die Haare und lösten sich 1993 schon wieder auf.

Genauer gesagt: Mastermind Black Francis hatte die Auflösung damals in einem Radiointerview bekannt gegeben und seine Bandmitglieder per Fax darüber informiert. Jeder ging seiner eigenen Wege. Bis sich das Quartett vor zehn Jahren, zunächst für Live-Auftritte, nochmals zusammenraufte. Und wieder ins Studio ging. Gerade ist mit „Head Carrier“ das neue, insgesamt siebte „Pixies“-Album erschienen, und beim einzigen Deutschlandkonzert, das die Band in diesem Jahr in Deutschland gibt, erweisen sich die Musiker von einer geradezu überbordenden Spielfreude.

Es war eines der besten Konzerte der Pixies

Es ist längst nicht ausverkauft. Musiker, die der Popmusik neue Impuse geben und sie kreativ vorantreiben, sind selten Mainstream-Blockbuster, die die ersten Chartsplätze belegen. Immerhin haben rund 4000 Fans am Montagabend den Weg in die Spandauer Zitadelle gefunden, und sie konnten wohl eines der besten Konzerte erleben, das die Pixies je gegeben haben. „Wave of Mutilation“ vom 89er-„Doolittle“-Album steht am Beginn einer Tour de Force durch gefühlt drei Dutzend Songs, die die vier Musiker mit Wucht und Verve auf den sommerlichen Zitadellenhof wuchten.

Black Francis steht mit Gitarre und in schwarzen Anzug an vorderster Front am Mikrofon. Untypischer kann ein Rocksänger eigentlich nicht aussehen, doch die ungezügelte Energie quillt ihm aus allen Poren. Singt er anfangs noch recht moderat zwischen Tenor und Falsett, mutiert er im Verlauf des Abends zu dem Schreihals, den alle so lieben. Ihm zur Seite steht Gitarrist und Gründungsmitglied Joey Santiago, der die Saiten hochprofessionell schabt und schlägt und kreischende Sounds und Geräusche produziert. Ellenlange Gitarrensoli gibt es an diesem Abend eben so wenig wie ein Schlagzeugsolo. Zum Glück.

Die Neue spielt die alten Songs

Kein Stück ist länger als zwei, drei Minuten. Drummer David Loverin ist auch von der ersten Stunde an mit an Bord und hält die eigensinnig arrangierten, von steten Tempiwechseln aufgebrochenen Songs mit kräftigen Armen zusammen. Neu im Bunde ist Bassistin Baz Lenchantin, die nun den Platz von Gründungsmitglied Kim Deal eingenommen hat. Sie scheint der Band neue Kraft zu geben. Sie verstehen sich prächtig auf der Bühne. Vier Musiker wie aus einem Guss.

Mit „Bone Machine“ gibt es gleich als zweites Stück einen frühen Hit, bei dem sich Baz Lenchantin mit Black Francis den Gesangspart teilt. Man spürt, welche neue Lust am Zusammenspiel diese Truppe antreibt, wie sie die alten Stücke ins heute trägt und neue Songs überzeugend einbindet. Geredet wird nicht. Nahezu ohne Pause folgt ein Song dem nächsten. Es wirkt, als spielten sie auf Zeit, als wollten sie so viel wie möglich spielen, Getriebene, die ganz in ihrer Kunst aufgehen. „Monkey Gone To Heaven“ gibt es und „Snakes“, bei „Tony’s Theme“ skandiert die Masse immer wieder „To-ny To-ny To-ny“ mit, „Um Chagga Lagga“ vom neuen Album erklingt und natürlich die ganzen alten Kracher, allen voran „Where Is My Mind?“

Pixies feiern lauthals ihren zweiten Frühling

Die Pixies spielen einen von Surf-Punk getriebenen, von Folksongs inspirierten Grunge-Rock, der aufstachelt und atemlos macht. Sie sind laut. Sehr laut. Und das ist gut so. Nach rund einer Stunde zieht Black Francis sein verschwitztes Jackett aus. Aus gutem Grund, denn im letzten Drittel des Konzerts wird nur noch auf Druck gespielt und Francis malträtiert seine Stimme bis zur drohenden Heiserkeit. Nebelschwaden ziehen immer wieder durch die roten und weißen Spots auf der Bühne. Hier tobt die Kraft des Rock ’n’ Roll, die von den Pixies auf ihre ureigene Weise beschworen wird. Keine Atempause.

Ein herausragender Abend beim „Citadel Music Festival“. Vor der Bühne ist alles in Bewegung. Dieser ambitioniert konstruierte Sound, diese teils dissonanten Melodien, diese vom Surf Rock getriebenen rüden Gitarrenriffs gehen in die Beine. „Debaser“, noch so eine Drucknummer vom „Doolittle“-Album, steht schließlich am Ende einer so aufwühlenden wie erschöpfenden Powershow, mit der sich die Pixies in ihrem zweiten Frühling als eine der grandiosesten Live-Bands dieser Tage bewiesen haben.