Konzertkritik

Wie Living Colour den ganzen Frannz Club in Bewegung setzen

Nach langer Berlin-Abstinenz füllten Living Colour den Frannz Club - mit einem energiegeladenen Konzert, bei dem die Funken sprühten.

Frontmann Corey Glover von Living Colour auf der Bühne

Frontmann Corey Glover von Living Colour auf der Bühne

Foto: dpa Picture-Alliance / Rene Fluger / picture alliance / dpa

Sie haben in den 80er-Jahren dem Rock’n’Roll einen gehörigen Powerschub verpasst. Vier schwarze Musiker aus New York, denen Soul und R’n’B relativ schnuppe waren und die sich stattdessen einem wuchtigen, von Funk und Jazz durchzogenen Hard-Rock widmeten. Gleich mit ihrem ersten Album „Vivid“ landeten Living Colour 1988 einen Millionenhit, obwohl sie sich in den USA ständig Vorwürfen ausgesetzt sahen, ihre Musik sei nicht „schwarz“ genug. Dennoch wurde Album Nummer zwei „Time’s Up“ 1990 mit Platin und einem Grammy ausgezeichnet. Sie scherten sich nie um Kritik. Und sie haben treue Fans.

Der Frannz Club ist bestens gefüllt, als Living Colour am Freitagabend nach langjähriger Berlin-Abstinenz und ganz ohne Vorprogramm gegen 20.30 Uhr die Bühne entern. Der Robert-Johnson-Klassiker „Preachin‘ Blues“ steht am Anfang eines energiegeladenen Konzert, bei dem ständig die musikalischen Funken sprühen. Diese Band steht unter Hochspannung. Gitarrist Vernon Reid lässt die Saiten kreischen und heulen, spielt wunderbar melodiös, um im nächsten Moment in wilde Klangeskapaden auszubrechen. Und schabt immer wieder krachende, vom Funk getriebene Riffs in den Saal.

Mit irrwitziger Präzision drischt Doug Wimbish in die Saiten

Bassist Doug Wimbish ist ein furioser Instrumentalist, der mit irrwitziger Präzision in die vier Saiten drischt, mächtig mit dem Funk-Daumen wirbelt und seinen Bass bearbeitet, als wäre er eine Gitarre. Gemeinsam mit dem Schlagzeuger Will Calhoun gibt er die perfekte Rhythmusmaschine ab, die diesen Turbo-Rock-‘n’-Roll ständig auf Touren hält. Und vorn an der Rampe steht Sänger Corey Glover mit Schiebermütze, ein exquisit phrasierender Vokalist, der sich, wenn es sein muss, auch mal die Seele aus dem Leib schreit.

Mit „Middle Man“ gibt es gleich als zweites Stück einen Titel vom „Vivid“-Debüt und schon hier wird klar, welche spielerische Kraft in diesem lautstarken Quartett steckt, das ganz in seiner Musik aufgeht. Zwischen pumpende Klassiker wie „Ignorance Is Bliss“, „Love Rears It‘s Ugly Head” oder „Cult Of Personality” streuen sie immer wieder Coverversionen ein, denen sie ihren ureigenen Sound verpassen. Beim Berlin-Konzert etwa „Sunshine Of Your Love“ von Cream oder „Who Shot Ya“ von Rapper The Notorious B.I.G.

Ja selbst bei Bruce Springsteen bedient sich das politisch engagierte Gespann. Dessen kritische Anklage „American Skin (41 Shots)“, in der es um den 1999 in New York von vier Polizisten erschossenen Amadou Diallo geht, spielen sie in einer bewegenden Version. 41 Schüsse hatten die Polizisten abgegeben. 19 hatten getroffen. Sie spielen das Stück, sagt Glover, weil es noch immer aktuell sei. Zum Finale „schießt“ Drummer Calhoun 41 Mal mit den Trommelstöcken über die Felle.

Die Luft im Saal vibriert

Längst vibriert die Luft im Saal. Living Colour spielen auf Tempo. Allesamt erstklassige Musiker, die sich lustvoll austoben in ihrer Musik, die einen Hard-Rock spielen, dem die frühe Kraft des Punk ebenso innewohnt wie die treibende Laszivität des Funk. Irgendwann zitieren sie sogar ausgiebigst James Browns „Sex Machine“. Ein unglaublich eingespieltes Team. Ein Glück, dass sich Living Colour, die sich nach dem dritten Album „Stain“ Mitte der 90er-Jahre aufgelöst hatten, 2003 wieder zusammengefunden haben.

Natürlich wissen sie um ihre Qualitäten. Natürlich stellen sie ihr Können nur zu gerne aus. So macht Doug Wimbish bei seinem Solo Staunen, als er den Bass mittels Loop-Maschine zum vollwertigen Soloinstrument erhebt. Und Drummer Will Calhoun tobt sich eine gefühlte Viertelstunde bei einem von elektronischem Sequenzergeblubber begleiteten Schlagzeugalleingang aus. Living Colour haben einen hart rockenden Crossover-Stil entwickelt, der simple Rock-Riffs mit zickigen Arrangements und imponierenden Gitarrensoli paart. Und Sänger Corey Glover setzt dem Ganzen voluminös die Krone auf.

Der ganze Club ist in Bewegung, als nach zwei aufreibenden, atemlosen Stunden ein Abend mit einer außergewöhnlichen Band sein Ende findet. Noch eine Coverversion setzen sie ans Ende des Programms: „Should I Stay Or Should I Go“ von The Clash hämmert mit Wucht und Verve in einer hardrockigen Version durch den Raum. Living Colour macht keine Kompromisse. Sie verbeugen sich zum Abschied im Jubel und gehen ab. Living Colour geben auch keine Zugaben.