Die Dämmerung ist hereingebrochen über der Spandauer Zitadelle. Es ist gerade mal 21.30 Uhr, die Band vorn auf der Bühne spielt noch die letzten Takte von „All Night Long (All Night)“, da fährt eine schwarze Limousine am anderen Ende zum Festungstor hinaus über die Brücke. Lionel Richie has left the building. Eine Rückkehr ist da nicht mehr zu erwarten. Da mögen die rund 7000 Besucher am Sonntagabend noch so lange Zugabe rufen. 90 Minuten lang „All The Hits, All Night Long“, wie Richie sein Tourprogramm getauft hat, und das war's.

Dass die Besucher dennoch zufrieden wirken, liegt am Wiedererkennungswert der Lieder, die Richie zuvor für sie gesungen hat. Schon bei „Running With The Night“ zum Auftakt tobt und tanzt der 67-Jährige ausgelassen über die Bühne, ein gewiefter Entertainer, der weiß, wie er sein Publikum auf seine Seite zieht. Schon früh kommen die ersten Hits, wie „Penny Lover“ von 1984 oder der Commodores-Klassiker „Easy“ aus den Siebzigern, der 1991 von Faith No More gecovert wurde. Und schon bald liegt ihm die Zitadelle denn auch zu Füßen.

Sound mit fraglicher Qualität

Die Show ist schlicht. Keine Effekte, keine Videowände. Ein bisschen Bühnennebel, ansonsten stehen ganz die Hits im Mittelpunkt, die von seiner Fünf-Mann-Band (Gitarre, Bass, Schlagzeug und zwei Keyboarder) mit rockigem Druck versehen werden. Der Sound ist freilich die ganze Zeit über von fraglicher Qualität, mitunter klingt Richies Stimme, als käme sie aus dem Transistorradio.

Lionel Richie weiß, was er im Laufe seiner rund 40-jährigen Karriere geleistet hat. Er hat in den 70er- und 80er-Jahren jede Menge Hits gelandet, die das Leben seines Publikums begleitet haben. Von den frühen Jahren mit der Motown-Formation The Commodores bis zu seinen späteren Solo-Erfolgen. Rund 100 Millionen Alben hat er verkauft, allein in den US-Top-Ten war er mit 22 Songs vertreten. Mehrfach hat er den Grammy erhalten und einen Oscar für seinen Song „Say You, Say Me“ aus dem Film „White Nights“.

Tief in den Herzen seiner Fans

Er gibt sich lässig, bodenständig und bestens gelaunt. Er ist von einer entwaffnenden Herzlichkeit, und dennoch wird man an diesem Abend das Gefühl nicht los, hier macht ein Show-Profi Dienst nach Vorschrift. Richie serviert seine emotionsbewegten Liebeslieder wie „Three Times A Lady“ oder „Hello“ im Wechsel mit pulsierender Partymusik, mit treibenden Funk-Hymnen voll krachender Gitarrensoli. Bei Commodores-Klassikern wie „Brick House“ oder „Fire“ wird die Freilichtbühne zur Open-Air-Disco.

Der Mann weiß, dass er sich vor allem mit seinen kuscheligen Soulballaden von „Three Times A Lady“ über „Say You, Say Me“ bis „Endless Love“, das er einst mit Diana Ross im Duett sang, tief in den Herzen seiner Fans verankert hat. Er singt die ruhigen Stücke am E-Piano in der Bühnenmitte. Stücke, bei denen Menschen sich veliebt, verlobt, verheiratet haben, oder die den einen oder anderen Liebesschmerz und Beziehungsstress etwas abgemildert haben. Diese Lieder haben Lebensläufe begleitet. Sie sind Klassiker und Lionel Richie ist der Mann, der sie geschaffen hat.

Neues darf man von ihm wohl nicht mehr erwarten. Er verwaltet sein musikalisches Erbe auf immer neuen Tourneen. Da dürfen auch schlagerhaft dumpfe Stücke wie „Angel“ oder die schwelgerische Ballade „We Are The World“, die er vor mehr als 30 Jahren gemeinsam mit Michael Jackson geschrieben hat, nicht fehlen. „All Night Long“ von 1983 setzt er schließlich ans Ende seines kompakt-routinierten Auftritts. 1984 spielte er den Song bei der Abschlussfeier der Olympischen Sommerspiele 1984 in Los Angeles vor einem Fernsehpublikum von etwa 2,3 Milliarden Menschen. Nun jubeln im Tausende Fans in der Zitadelle zu, tanzen und singen „We‘re going to Party, Karamu, Fiesta, Forever!“ Da ist die Party aber auch schon wieder vorbei.