Konzert in Berlin

10.000 Fans feiern Die Antwoord in der Zitadelle Spandau

Mit dem südafrikanischen Rap-Rave-Performancegespann Die Antwoord geht am Sonnabend das „Citadel Music Festival“ in die neue Saison.

Die Antwoord eröffnen das „Citadel Music Festival“

Die Antwoord eröffnen das „Citadel Music Festival“

Foto: Peter E. Müller

Die Zitadelle Spandau ist voll. Irre voll. 10.000 zum Feiern entschlossene Besucher vertreiben sich schon am frühen Abend die Zeit zwischen indischen, südamerikanischen oder spanischen Imbissbuden. Die Getränkestände sind umlagert. Es herrscht ein bisschen Volksfeststimmung in der historischen Festung, als mit dem südafrikanischen Rap-Rave-Techno-Gespann Die Antwoord am Sonnabend das „Citadel Music Festival“ in die neue Saison geht. Es ist ausverkauft.

Der blondzöpfige Köpenicker Rapper Romano und im Anschluss K.I.Z.-DJ Craft stimmen im Sonnenschein als Vorprogramm ein auf die atemlose, intensive Performance von Die Antwoord. Doch das Wetter spielt nur bedingt mit. Mitten in der Umbaupause durchnässt plötzlich ein heftiger Regenguss die Besucher. Ist aber schnell wieder vorbei. Und zumindest die Windmaschine ist 100 Prozent öko. Die Zitadelle dampft und bebt, als die Show mit düsteren Mönchsgesängen und basslastig elektronischen „Carmina Burana“-Fetzen um 21.20 Uhr endlich startet.

Zunächst kommt DJ Hi-Tek unter frenetischem Jubel auf die Bühne. Mit dem auf Afrikaans gerappten „Fok Julle Naaiers“ entern schließlich die beiden Protagonisten die Zitadelle: Yolandi Visser, dieses aufgedrehte, androgyne Lolita-Wesen mit heliumhoher Stimme, und Ninja, der von krakeligen Knast-Tattoos gezeichnete Turbo-Rapper. Gleich beim ersten Stück wirft sich Ninja zum Stagediven ins Publikum. Sie spielen ihre Rollen konsequent. Sie zelebrieren die südafrikanische Zef-Kultur, eine Eloge an die Underdogs. Zef lässt sich mit Prolet oder Redneck umschreiben, oder, wie Ninja sagt: „Zef heißt arm aber sexy!“ Das haben wir doch schon mal wo gehört?

Die ganze Bühne ist eine einzige mächtige Leinwand. Jedes Stück wird imposant illustriert, mal quietschbunt, mal düster schwarzweiß, mal in gleißend helles Licht getaucht, so dass die Akteure nur noch wie Scherenschnitte zu erkennen sind. Viele der Rap-Songs bildeten den Soundtrack für verstörend faszinierende Videos, die im Netz millionenfach geklickt wurden. Sie werden auch jetzt bei dieser irrwitzigen Live-Performance immer wieder herbeizitiert. Und sind nicht immer wirklich jugendfrei. Provokante Underground-Ästhetik auf höchstem Niveau.

Ein Gesamtkunstwerk, das in die Beine geht

Musikalisch wird ein perfekt pumpender Mix aus Techno, afrikanischen Trommel-Grooves und Elektro-Trash bemüht für dieses furiose Kunsthappening mit einem gewissen Gossencharme. Die Antwoord haben den immer gleichen Technogrooves eine schlaue Songstruktur verpasst. Rap mit Refrain. Wäre da nicht der unnachgiebig treibende Beat von DJ Hi-Tek, ginge ein Stück wie „Baby’s On Fire“ auch glatt als profaner Latin-Pop-Song durch. Zwei Tänzerinnen sorgen zusätzlich für Bewegung im grellen Rampenlicht.

Der 42jährige Watkin Tudor Jones alias Ninja und die 32-jährige Andri du Toit, die zu Yolandi Visser wurde, waren lange Jahre in der südafrikanischen Musikszene aktiv, bevor sie 2009 ihr ironisches Rollenspiel namens Die Antwoord ausgeheckt haben. Sie schufen sich neue Identitäten. Sie haben sich eine passende Unterschichten-Biografie erdacht. Vor sieben Jahren haben sie ihr erstes Album „$O$“ noch gratis auf ihrer Homepage verteilt. Durch die passenden Videos wurden sie ein viraler Hit und inzwischen zählen sie weltweit zu einer der explosivsten Live-Attraktionen. Demnächst soll mit „We Have Candy“ Album Nummer vier erscheinen.

Live ist Die Antwoord ein Gesamtkunstwerk, das vor allem in die Beine geht. Dabei wird nicht viel über guten Geschmack räsoniert. Zef ist vor allem lustbetont und trieborientiert, was Songs wie das von comichaften Fruchtbarkeitssymbolen illustrierte „Raging Zef Boner“ nachhaltig demonstrieren. Durch die monströse Schlichtheit der Musik weht der Geist von Punk und Metal, hier wird betont die Dancefloor-Keule geschwungen. Keine Atempause. Es gibt brandneue Stücke wie „Gucci Coochie“ und natürlich Klassiker wie „Ugly Boy“ oder das sinistre „I Fink U Freaky“.

Dieser technisch hochgetunte, aber irgendwie doch in den 90er-Jahren stehen gebliebene Elektro-Sound mit inflationär eingesetztem „Fok“-Wort rockt dennoch auf ungeheuerliche Weise. Und ist der passende Soundtrack für eine so ausgelassene wie exzessive Gute-Laune-Party. Nach wohl dosierten 70 Minuten, in der die Menschenmenge wogt wie ein stürmisches Meer im Zeitraffer, erklingt zum Finale der große You-Tube-Hit „Enter The Ninja“, und natürlich singt die ganze regen- und schweißnasse Gemeinde den süßlich-schlagerhaften Refrain mit: Die Zeilen „Aai aai aai, I am your butterfly, I need your protection, be my samurai“ schwingen noch lange durch die Nacht.