Berliner Spaziergang

Shermin Langhoff und das Gesicht der Vielfalt

Shermin Langhoff hat das Maxim-Gorki-Theater innerhalb von drei Jahren in eine Bühne verwandelt, die bundesweite Anerkennung findet.

Shermin Langhoff, hier  in der Nähe der Probebühne  des Maxim-Gorki-Theaters in Rummelsburg

Shermin Langhoff, hier in der Nähe der Probebühne des Maxim-Gorki-Theaters in Rummelsburg

Foto: Reto Klar

Die Spree gurgelt in der Rummelsburger Bucht, Boote schaukeln leicht im Wind und Shermin Langhoff überlegt, wie sie sich vor dieser Postkartenidylle am besten platziert. Gerade sitzen, wie es ihre Mutter ihr mit auf den Weg gegeben hat? Nein. Nach einigen Sekunden wechselt sie in den Schneidersitz. Findet sie dann aber „zu orientalistisch“. Schließlich entscheidet sie sich für eine etwas mädchenhafte Pose: die Beine leicht angewinkelt über dem Wasser baumeln zu lassen. „Freizeitmäßig“, sagt sie. Irgendwie spiegelt dieser kurze Moment etwas von der Persönlichkeit Langhoffs wider: Zwischen Disziplin, sich ausprobieren und Eigensinn.

Nebenan ist die Probebühne des Gorki-Theaters, und das ist natürlich auch ein Grund, warum sie diese Gegend für den Spaziergang vorgeschlagen hat. Sie proben dort gerade „Der Russe ist einer, der Birken liebt“, wegen einer Umbesetzung. Denn das Gorki sei auch ein Haus der Liebe, die „eine oder andere Kollegin widmet sich momentan dem Gedeihen der Kinder und deshalb müssen wir Umbesetzungen in Repertoirestücken machen“. Sie freut sich sichtlich über diesen Ausspruch, zeigt er doch, dass das Gorki nicht nur ein Theaterbetrieb ist, sondern auch ein soziales Gefüge mit menschlichen Gefühlen.

2014 wurde das Gorki zum „Theater des Jahres“ gekürt

2013 hat Shermin Langhoff ihre Stelle als Intendantin beim Gorki angetreten und in einem rasanten Tempo das kleinste der Berliner Staatstheater in eine Bühne verwandelt, die bundesweite Anerkennung findet. Schon ein Jahr später wurde es zum „Theater des Jahres“ gekürt. In diesem Mai wird Langhoff mit ihrem Co-Intendanten Jens Hillje mit dem Berliner Theaterpreis ausgezeichnet. Das Besondere an ihrer Arbeit ist, dass sie Migranten ein Forum geben, in Stücken wie „Common Ground“ oder „The Situation“, das auch zum Theatertreffen eingeladen ist, ihre Geschichten erzählen lassen. Von Diskriminierung, Stigmatisierungen, Kriegsgräueln, Korruption, schließlich Flucht und Vertreibung. Weggehen und ankommen – Langhoff hat dafür das Wort „Menschheitsmarathon“ gewählt.

Fragt man sie, wie ihr der Erfolg schmeckt, sagt sie erst mal etwas kokett, dass sie sich über die Anerkennung freue, „dass es das befördert, was wir machen“. Dann meint sie aber, dass sie nicht verstanden habe, warum man das, was im Gorki entstanden ist, in Berlin nicht schon viel früher gemacht habe. Es gehe um die „Wahrnehmung einer Diversität in der Stadt“. Ohne Fluchtbewegungen, ohne Migrationsbewegungen wäre Berlin nicht das, was es heute ist „und das möchten wir nicht missen“.

Eine Chance für Schauspieler aus Krisengebieten

Gerade planen sie, beim Gorki ein „Exilensemble“ ins Leben zu rufen. Es soll sieben Schauspielern aus Krisengebieten ein Modell bieten weiterzuarbeiten. Regisseure des Gorki werden mit ihnen Workshops veranstalten und Szenen einstudieren. Zwei Produktionen sind geplant, mit denen die Schauspieler in Deutschland auch auf Tournee gehen sollen. „Das ist kein Sozialprojekt“, betont Langhoff, „wir wollen professionellen Künstlern eine Chance geben, im deutschsprachigen Theater zu arbeiten.“

All das wäre vielleicht nicht entstanden, wenn nicht auch Shermin Langhoff eine Migrantenbiografie hätte. Davon wird sie auf unserem Spaziergang erzählen. Denn jetzt haben sich die Wolken etwas verzogen, sie schiebt sich die Sonnenbrille über die Augen, es kann losgehen. Wobei sie erst mal klarmacht, dass sie keine typische Spaziergängerin ist. „Ich bin nicht die Müßiggängerin, die Flaneurin. Wenn ich spazieren gehe, dann in Verbindung mit Gesprächen. Ich brauche immer noch etwas, was ich dabei tue, was Sinnvolles.“

Sie liebt Berlin, aber das Meer fehlt ihr

Trotzdem: Gegenüber lugt das alte Riesenrad vom Treptower Park aus den Bäumen und die Spree vor uns gibt uns ein Gefühl von Raus-aus-der-Stadt. „Wasser“, sagt Langhoff, „ist ein Element, das mir was bedeutet und guttut. Ich gehöre zu den vielen Menschen, die Berlin lieben, aber das einzige, was ihnen fehlt, ist das Meer.“

Sie kam im türkischen Bursa zur Welt, wuchs aber in einem kleinen Ort am Meer auf, direkt gegenüber von Lesbos. „Einer Insel, die wir spätestens seit diesem Sommer mit noch anderen Bildern und Geschichten verbinden als den Mythen, die wir kennen.“ Da ist es wieder das, was sie umtreibt: Auf dem griechischen Eiland sind in den vergangenen Monaten Zehntausende Flüchtlinge gelandet. Erschreckende Bilder, wie sie in improvisierten Zeltstädten und Lagern leben, gingen um die Welt.

Verfolgung und Vertreibung, das waren auch Themen, die in ihrer Familie eine Rolle spielten. Die Großmutter gehörte zum Nachwuchs von Migranten, die während der Balkankriege 1912 aus der Nähe von Thessaloniki geflohen waren. Die Vorfahren des Großvaters waren Tscherkessen, die 50 Jahre zuvor von der Schwarzmeerküste aus der Nähe von Sotschi vertrieben wurden.

„Was du im Kopf trägst, das kann dir keiner nehmen“

Diese Großeltern wurden neben der Mutter die wichtigsten Bezugspersonen in ihrer Kindheit. Einen Vater habe es in ihrem Leben so nicht gegeben, sagt sie. Die Mutter, die „schönste und klügste Frau in dem kleinen Ort“, machte als eine der ersten Frauen dort Abitur und schlug eine Beamtenlaufbahn ein. Dann entschloss sie sich, nach Deutschland zu gehen. In Nürnberg arbeitete sie zuerst bei AEG und Grundig am Fließband, machte sich aber später selbstständig als Schneiderin. Bevor die kleine Shermin im Alter von neun Jahren ihr aus der Türkei folgte, gaben die Großeltern ihr noch eine Weisheit mit auf den Weg, die ihr Lebensmotto werden sollte: „Reichtum kann mit einem Funken vergehen. Schönheit mit einem Pickel. Aber was du im Kopf und Herzen trägst, das kann dir keiner nehmen.“

Es kommt nicht auf Äußerlichkeiten an, sondern auf das Innere. Natürlich eine allgemeingültige Weisheit. Doch bei ihr bewirkte sie einen großen Bildungshunger. In Nürnberg lernte sie sehr schnell Deutsch, „es fiel mir keineswegs schwer“. Sie wurde direkt in die vierte Klasse eingeschult und bekam die Empfehlung für das Gymnasium. Selbstbewusst verschaffte sie sich mit ihrer Stimme Gehör. Sie saß im mittelfränkischen Schülerrat, sogar in der Bundesvertretung davon und organisierte Schülerstreiks mit.

Gleichzeitig entwickelte sich ein politisches Bewusstsein, ein „Streben nach Gerechtigkeit, nach besserer Verteilung in einer Gesellschaft“. Sie trat der DKP-nahen Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend bei. Bei einem Austauschbesuch in der damals noch existierenden DDR sah sie aber auch die Schattenseiten des Systems. „Bei allem ideologischen Wollen eines gerechteren Systems war mir dieses Vielparteiensystem, das es da ja irgendwie als Konstruktion gab, total schleierhaft. Wie können sie sich, obwohl sie christlichdemokratisch oder freiheitlichliberal orientiert sind, unter der einen Doktrin des Arbeiter- und Bauernstaates versammeln? Diese und viele weitere Fragen konnten mir nicht richtig beantwortet werden.“

Wo Erich Honecker eine Nacht nach seiner Verhaftung verbrachte

Wir bleiben jetzt stehen. Unsere Blicke gehen vom Wasser weg auf exklusive vor einigen Jahre gebaute Wohnhäuser. Das ist aber nicht der Grund, warum mich Shermin Langhoff hierhergeführt hat. Sondern die Strafvollzugsanstalt Rummelsburg, die hier stand und in der die DDR auch Menschen wegsperrte, deren Flucht in den Westen gescheitert war. Wieder Flucht und Flüchtlinge. Auf Stelen wird über das Schicksal einzelner Gefangener informiert. „Das Spannende an Berlin“, sagt Langhoff, „ist, dass hier überall Geschichte atmet.“ Und Geschichte sei etwas, das sie wahnsinnig interessiere „und mir sehr geholfen hat, mich von Ideologien zu trennen“. Eine Ironie der Geschichte ist übrigens, dass auch Erich Honecker nach seiner Verhaftung eine Nacht in Rummelsburg verbringen musste.

Wir schauen auf die neuen Häuser hier, und Langhoff erzählt, dass sie die Frage bewege, wie man das neue Berlin erschließe. Wie man einen Mittelweg zwischen alteingesessenen und neuen Mieter finden könne. Das Wort Gentrifizierung fällt, natürlich. Sie hat mit ihrem Mann und der Tochter in Prenzlauer Berg in der Kollwitzstraße gewohnt und dort erlebt, wie in ihrem Haus drei Damen gegangen wurden. „Wir haben uns dann entschieden, die neuen Preise nicht zu zahlen und wegzuziehen. Und es dauerte keine sechs Jahre, dass dann die, die dort hingezogen sind, sich beschwerten, dass ihre Kinder überhaupt keine Generationen mehr mitbekommen. Man muss eben schauen, wie man einer Homogenisierung entgegenwirken kann. Das sind spannende Prozesse.“

Mittlerweile lebt sie mit ihrer Familie in Kreuzberg und muss sich eingestehen, dass sie als Kreative dort „zur Speerspitze gehört, die eine Gentrifizierung mit vorantreibt“. Familien in ihrem Haus mussten schon ausziehen, weil sie sich die Miete nicht mehr leisten konnten. „Vielleicht wäre ja ein Hausboot eine Möglichkeit, die Miete zu sparen“, meint sie jetzt beim Blick aufs Wasser. Aber sie verwirft den Gedanken wieder: „Das ist dann doch ein zu öffentliches Leben.“

Heimat ist für sie nicht auf ein Land begrenzt

Wir laufen langsam wieder zurück. Vor uns liegt ein großes, altes Boot, das den schönen Namen „Heimathafen“ trägt. Ich frage sie, was für sie Heimat ist. „Heimat ist nicht auf ein Land begrenzt. Ich habe eher einen philosophischen Begriff davon: Die Utopie einer größeren Gerechtigkeit in einer sehr heterogenen Welt. Das wäre eine Heimat, die ich mir wünschen würde.“ Und ganz profan – wo fühlt sie sich zu Hause? „Das ist Berlin, wo Menschen sind, die ich liebe, und wo ich arbeite.“

Vor dem Haus, an dem wir gestartet sind, bleiben wir nun wieder stehen. Sie erzählt, dass es eine der ersten Aufgaben, die sie sich als Intendantin vorgenommen hatte, war, eine neue Probebühne zu finden. Das Gorki hatte zwar drei bei ihrem Amtsantritt, doch die waren alle relativ schwer erreichbar und vor allem schwer beheizbar. „Es gab viele Krankheitsfälle im Winter.“ Hier, an der Hauptstraße 13, probten schon die Kollegen der Volksbühne, also konnte das keine schlechte Adresse sein, befand Langhoff. Zwar fährt die Tram nicht so oft, aber man sei nun mit der BVG im Gespräch, ob man mit der Taktung etwas machen könne.

Sie wird gleich Dimitrij Schaad treffen. Er ist der bekannteste Schauspieler aus dem Nachwuchs des Gorki-Ensembles. Hat Shermin Langhoff eigentlich selbst einmal mit dem Gedanken gespielt nicht hinter, sondern auch auf der Bühne zu stehen? „Als ich noch ein junges Mädchen war, habe ich sowohl Schul- als auch Straßentheaterversuche gemacht.“ Es gebe auch ein, zwei Bilder aus dieser Zeit, die sollten aber lieber in der privaten Schatulle bleiben, meint sie. Man sehe sie dort in expressiven Haltungen und Bewegungen vor der Nürnberger Lorenzkirche.

Die Mutter hielt sie von der Schauspielerei ab

Letztendlich abgehalten hat sie von der Schauspielerei dann ihre Mutter, die nicht wollte, dass ihre Tochter auf irgendwelchen Besetzungscouches landet. „Meine Mutter wollte, dass ich Professorin werde. Bei meiner zwölf Jahre jüngeren Schwester könnte das noch gelingen. Sie hat immerhin ihre Promotion in Nanotechnologie in der Tasche.“

Es war zwar kein Professor, aber ein Lehrer in ihrer Schulzeit, der Shermin Langhoff viel von dem vermittelte, was ihr heute wichtig ist. „Dieser Lehrer hat uns durch seine Lust Geschichte, die deutsche Sprache und die wunderbaren Werke Büchners und Schillers mit ihrem revolutionären Geist nahezubringen, gesagt: Das Leben macht Sinn.“ Für sie persönlich heißt das übersetzt: „Da ist dieses große Weltgefüge, und ich bin nur eine von Milliarden. Ein Miniminizahnrad in irgendeiner Ecke, aber ein aktives und kein stillschweigendes.“

Das merkt man!