Deutsche Oper

Warum Klaus Maria Brandauer keinen Erfolg braucht

Klaus Maria Brandauer über kleine und große Rollen, Musik und das Plätschern der Regenrinne. Ein Treffen im Foyer der Deutschen Oper.

Er spielt richtig gerne Theater, um den Film hat er sich nie gerissen: Klaus Maria Brandauer probt gerade an der Deutschen Oper

Er spielt richtig gerne Theater, um den Film hat er sich nie gerissen: Klaus Maria Brandauer probt gerade an der Deutschen Oper

Foto: Reto Klar

Er hat schon so ziemlich alles gespielt, auf der Bühne und im Film. Jetzt aber ist Schauspielikone Klaus Maria Bran­dauer noch einmal etwas anders zu erleben. In der Oper „Morgen und Abend“ von Georg Friedrich Haas, die kommenden Freitag ihre deutsche Erstaufführung an der Deutschen Oper feiert, begnügt er sich mit einer kleineren Rolle. Die Produktion wurde, ebenfalls mit Brandauer, im Royal Opera House in London uraufgeführt. Nun probt der 72-Jährige an der Bismarckstraße. Und erscheint äußerst gut gelaunt und redselig zum Gespräch im Foyer der Deutschen Oper.

Berliner Morgenpost: Herr Brandauer, wie kommen Sie in eine Oper?

Klaus Maria Brandauer: Musikalische Sachen mache ich schon seit 35 Jahren. Nicht unbedingt Opern. Begonnen hat es mit Schönbergs „Gurreliedern“. Ich bin sehr gern dabei, wenn Musik im Spiel ist. Schon wenn ich im Opernhaus ankomme und höre, wie die Musiker sich einspielen, überkommt mich ein angenehmes Rieseln. Ich bin keinesfalls ein Fachmann in der Musik, ich bin da nur dilettierend, also als Mensch unterwegs.

Sind Sie denn selbst ein Operngänger?

Ich gehe prinzipiell gern ins Theater, ganz egal, ob das Schauspiel oder Oper ist. Am liebsten ist es mir immer, wenn wir zum Gesamtkunstwerk kommen. Wie im Barock, wo gesungen, getanzt, gespielt und musiziert wird, wenn alle Sinne angesprochen werden.

Fühlt man sich als Schauspieler durch Musik nicht eher eingezwängt, weil man sich da unterordnen muss?

Darauf will ich grundsätzlich antworten: Kunst, der man sich unterordnen muss, sei es als Zuschauer oder Mitwirkender, mag ich überhaupt nicht. Da stimmt für mich etwas nicht. Eher sollte man sich wünschen, ein Teil von etwas zu werden. Das muss das Ziel sein, damit etwas Neues, Größeres entsteht.

Sie spielen sonst immer, auch in Berlin, die Hauptrollen. Da überrascht ein solch eher kleiner Part.

Merkwürdig, das werde ich hier gerade öfter gefragt. Ich suche mir die Rollen doch nicht nach ihrer Größe aus. Natürlich, wenn man solch einen Beruf ergreift, wünscht man sich schon gern mehr als ein, zwei Sätze. Ich bin aber beim Theater, weil ich dabei sein will. Ganz einfach dieser olympische Gedanke. Nicht falsch verstehen: Gern hab ich Erfolg, riesig gern. Aber ich muss keinen haben. Die Leute müssen etwas damit anfangen können. Dann kommen sie wieder.

In „Morgen und Abend“ spielen Sie einen Mann, der die Geburt seines Sohnes erwartet. Dann wandelt sich das Ganze zum Musiktheater, der Sohn kommt als Erwachsener – und Gestorbener. Geburt und Tod, dazwischen ist kein Leben?

Das ist halt der Roman von Jon Fosse, der da vertont wurde – und der mich unheimlich begeistert hat. Wenn ich darüber nachdenke, ich habe noch nie in einem Stück gespielt, in welchem ich schon am Anfang tot war. Ich bin immer am Schluss gestorben. Von „Romeo und Julia“ bis „Hamlet“, von „Oberst Redl“ bis „James Bond“. Erschossen, erstochen, erschlagen. Aber ich war am Leben.

Wenn man so viele Tode gestorben ist, ändert sich da das Verhältnis zum Tod?

Nach dem Tod stehe ich wieder auf und verneige mich vor dem Vorhang. Ich nehme an, dass das bei der Uraufführung meines eigenen Todes nicht der Fall sein wird. Aber wer weiß?

Spielt man das mit zunehmendem Alter weniger unbefangen?

Im Gegenteil. Wenn dir als kleines Kind die Großmutter stirbt, weinst du Rotz und Wasser. Ich glaube, die Betroffenheit nimmt im Alter eher ab. Das ist halt unser aller Weg. Vielleicht wird der Gedanke daran auch irgendwie schöner.

In der Rolle als werdender Vater sind Sie, könnte man meinen, ein wenig zu alt. Tatsächlich sind Sie aber vor zwei Jahren selbst noch einmal Vater geworden ...

Private Dinge sollen privat bleiben, so habe ich es immer gehalten und bin gut damit gefahren. Ich werde gern belächelt, wenn ich sage, ich möchte mir Figuren anverwandeln. Aber das Missverständnis ist halt immer, dass die Leute glauben, ich sei die Figur.

Sie haben in den vergangenen Jahren nicht mehr so viel gedreht. Kommen nicht mehr so viele Angebote, oder machen Sie zu viel anderes?

Wissen Sie, ich habe mich eigentlich nie um den Film gerissen. Ich habe immer riesig gern Theater gespielt. Und dadurch den ganzen Aufbruch des deutschen Films verschlafen, weil mir Hamlet und Don Carlos einfach näher lagen. Aber wo ich das Gefühl hatte, ich kann was machen, habe ich’s gemacht. Meine Filme im In- wie im Ausland sind doch eher spärlich ...

Na ja!

Doch, doch. Das Schöne ist natürlich, dass man durch einen internationalen Film bekannter wird, als wenn man nur zwischen Berlin und Wien pendelt. Es war toll damals, als ich das fünfte Rad an einem James-Bond-Film war und mich an den Ruf von Sean Connery hängen konnte. Die Eitelkeit ist da befriedigt. Das hat aber auch das Burgtheater und sogar besser geschafft. Dort bin ich seit fast 50 Jahren Ensemblemitglied. In der Zeit habe ich vielleicht 15 Rollen gespielt.

Sind Sie zu wählerisch?

Nein, wählerisch würde ich nicht sagen. Aber ich muss mir nicht dauernd neue Rollen an den Gürtel hängen, ich wachse lieber mit ihnen, wenn ich sie lange spielen kann. Wenn man sich über einen großen Zeitraum mit einem Text beschäftigt, wird der am Ende etwas ganz anderes. Diese Entwicklung ist manchmal unglaublich. In der Musik ist das noch toller, noch unverschämter. Da kann ja jeder alles interpretieren, wie er will. Und immer wieder anders.

Welche Musik, darf ich fragen, hören Sie eigentlich privat?

Alles. Schlager. Mahler. Elvis. Bach holt mich vielleicht am meisten in eine Klarheit zurück. Eine lebenslange Geschichte ist für mich Mozart, nicht nur durch die Musik, sondern auch durch das, was er schrieb. Was für eine atemberaubende Sicht der hat. Wo hat er das her? Woher kennt der mich so gut? Es ist schon gut zu wissen, dass man mit all diesen Säcken (und natürlich auch Säckinnen) verwandt ist.

Und wie also entspannt Klaus Maria Brandauer?

Bei mir zu Hause, in unserem Haus in Altaussee in der Steiermark. Am liebsten, wenn’s regnet. Nicht zu sehr, aber wenn’s in der Dachrinne plätschert. Das hat was Meditatives. Dort kann es auch mal passieren, dass ich Fernsehen schaue. Da bin ich aber eher ein Zapper, da lasse ich es auch plätschern.