Theater

Bloß kein Gelaber: Das zweite Erwachen der Tina Engel

Man kennt sie vom Film und von der Schaubühne. Immer öfter führt Schauspielerin Tina Engel auch Regie. Sie will neue Wege beschreiten.

Das Renaissance-Theater ist für sie eine Art Heimat geworden: Schauspielerin und Regisseurin Tina Engel im Bruckner-Foyer des Hauses

Das Renaissance-Theater ist für sie eine Art Heimat geworden: Schauspielerin und Regisseurin Tina Engel im Bruckner-Foyer des Hauses

Foto: Joerg Krauthoefer

So klare Worte hört man sonst eher selten. „Ich kann dieses Gelaber auf dem Theater nicht mehr ertragen“, sagt Tina Engel. Sie sagt es nicht nur, sie bellt es fast. Und wiederholt es sicherheitshalber noch mal: Ge-la-ber.

„All dieses Konversationszeug interessiert doch heute keine Sau mehr. Ibsen, Tschechow rauf und runter, immer dieses ,Hat er nun?‘ oder ,Hat er nicht?‘ Das liegt mir nicht.“ Das sagt eine, die doch mal fast 25 Jahre, von 1976 bis 2000, an der Berliner Schaubühne gearbeitet hat, zu deren Blütezeit, in der diese Art Konversationsstücke zur Vollendung gebracht wurden.

Lieber expressiv

Aber das ist lange her. Und die Abscheu habe vielleicht auch mit dem Älterwerden zu tun, räsoniert die Schauspielerin, die am 6. April 66 Jahre geworden ist. Tina Engel bevorzugt jetzt expressive Stücke.

Weil die eben nicht psychologisch sind, weil die Figuren da keine Biografien haben, sondern nur die Kollektive, die Welt, in der sie stehen. Und dieser Konflikt fasziniere sie. „Man könnte auch Brecht machen. Aber der interessiert mich auch nicht. Weil der immer alles gleich erklärt.“

Die Sprache muss man erst mal in den Mund kriegen

Stattdessen hat Tina Engel für ihre neue Regie-Arbeit ein Stück von Carl Sternheim ausgegraben, das ziemlich selten gespielt wird, am heutigen Sonnabend aber Premiere am Renaissance-Theater feiert: „Die Hose“.

1911, bei der Uraufführung, war es ein ziemlicher Skandal und wurde erst mal verboten. Eine Frau verliert bei der Kaiserparade eine Unterhose, ihr Mann meint, dadurch sein Gesicht zu verlieren. Stattdessen streiten sich deshalb zwei Männer, wer bei ihnen zur Untermiete wohnen darf.

Heute, gibt Tina Engel zu, lockt die Geschichte eigentlich keinen mehr hinterm Ofen hervor. „Heute ist ja alles halbnackt.“ Die Komik daran aber sei, dass der Kleinstbürger für sich antikes Pathos beansprucht, „obwohl der ja völlig untauglich für die Tragödie ist, weil er ja nicht leidet. Der jammert nur.“

Und dann ist es vor allem die expressionistische Sprache, die es ihr angetan hat. „Man muss sie erst mal in den Mund kriegen. Und muss sehen, was die Sprache mit einem macht. Nicht: was man selber mit der Sprache macht. Der umgekehrte Weg.“

Wir sitzen in einem Café um die Ecke vom Renaissance-Theater. Und Tina Engel, die gerade noch mit ihren fünf Schauspielern geprobt hat, rezitiert nun laut, sodass die Nebentische bald verstummen und zu uns herüberspicken. „,Überall klafft Welt.‘ Sag mal so einen Satz! ‚Loch an Loch in solcher Existenz.‘ Ist doch geil.“ Sie hält kurz inne, kippt ihren Espresso herunter. „Na ja, vielleicht bin ich die einzige, die das geil findet. Aber wir machen das jetzt.“

Das Renaissance-Theater, gibt sie zu, war erst mal nicht so begeistert. Da habe es große Überredungskunst gebraucht. Aber Tina Engel hat dort inzwischen einen Namen als Regisseurin. „Die Hose“ ist bereits ihre fünfte Regie-Arbeit an diesem Hause, die letzte, die Diktatorinnen-Farce „Ich bin wie ihr, ich liebe Äpfel“ läuft noch immer mit Erfolg. Da hat sie eine gewisse Narrenfreiheit.

Immer öfter auf dem Regiestuhl

Sie hat, so wie wir sie treffen, ein vehementes, energisches, manchmal fast schroffes Auftreten. Dazu diese dunkle Stimme. Und jeder Satz ein Ausrufezeichen. Man kann sich gut vorstellen, wie sie die Theaterleitung überzeugt hat.

Man kennt sie ja eher als Schauspielerin. Von der Schaubühne. Aber auch aus dem Film. Unvergessen ihre Kartoffelbäuerin Mutter Koljaiczek in Schlöndorffs „Blechtrommel“, die den Großvater von Oskar Matzerath unterm Rock versteckt. Oder ihre Bankräuberin in „Das zweite Erwachen der Christa Klages“. Die 70er- und 80er-Jahre, das war ihre große Zeit. Sie dreht noch immer regelmäßig, spielt aber inzwischen eher Oma-Rollen und absolviert auch Gastauftritte in einer Soap wie „In aller Freundschaft“.

Regie kann doch jeder

Ist Tina Engel wehmütig, wenn sie an die alten Schaubühnen-Zeiten denkt? „Nein. Überhaupt nicht“, sagt sie, ohne auch nur kurz innezuhalten. Und setzt sogar noch nach. „Es dümpelte auch vor sich hin, das muss man auch mal sagen. Für mich zumindest. Für andere vielleicht nicht.“ Alles habe nun mal seine Zeit. Und so ein Wechsel setze ja auch etwas frei.

Es ist sicher kein Zufall, dass Tina Engel erst danach begann, selber Regie zu führen. Erst in Stuttgart und Zürich, erst mal weiter weg also, dann Hamburg, Potsdam und immer wieder das Renaissance-Theater, das für sie nun zu einer Art Heimat geworden ist. Sie weiß selber nicht, ob sie sich noch Schauspielerin bezeichnen soll, die auch mal Regie führt, oder eher andersrum. Regie mache sie inzwischen jedenfalls häufiger.

Den Besten über die Schulter geguckt

Und wieder spuckt sie so ein paar Wahrheiten heraus, als kämen die auch aus einem expressionistischen Stück. Dass Regie doch eigentlich jeder machen könne. Man sehe ja alles. Man müsse es nur formen können.

Sie hatte das Glück, immer mit den besten Regisseuren zu arbeiten. „Und da ich nie die großen Rollen hatte und mehr oder weniger in der zweite Reihe war, konnte ich denen bei den Proben ganz oft über die Schultern gucken.“

Oben oder unten, keine Mischung

Vielleicht war das doch nicht nur Glück, wenn sie nicht die ganz großen Rollen abbekommen hat? Falls da irgendeine Verbitterung geblieben ist, lässt Tina Engel sich das nicht anmerken. Sie habe so jedenfalls unendlich viel gelernt. Weil sie selbst Schauspielerin ist, weiß sie auch genau, wie man mit den Kollegen umgeht. Und würde bei den Proben am liebsten immer gleich selbst mitspielen.

Aber warum macht sie das dann nicht? Es gibt ja genug Schauspieler, die sich auch selbst inszenieren. Und das Renaissance-Theater wäre bestimmt entzückt darüber. „Nein“, hier schüttelt sie energisch den Kopf, „das kann ich nicht und das will ich nicht.“ Sie müsse sich entscheiden, wo sie sei. Oben, auf der Bühne spielend, oder unten, die Verantwortung tragend. Beides zusammen, „das gäbe eine Mixtur, die nicht gut wäre. Da hätte auch keiner was davon.“