Kultur

Das Gesicht Dänemarks

Für „Die Kommune“ bekam Trine Dyrholm einen Silbernen Bären. Jetzt kommt der Film ins Kino

Als sie im Februar den Silbernen Bären als beste Schauspielerin erhielt, hat sich Trine Dyrholm fast ein wenig klein gemacht. Sie kam auf die Bühne, musste erst mal schlucken – und dann der Festivalpräsidentin Meryl Streep gestehen, dass sie ein großer Fan von ihr sei. Noch danach war die Dänin ganz durcheinander. „Ich war so geschockt, als mein Name fiel. Mir wurde klar, dass ich den Bären von Meryl Streep überreicht bekomme. Es war zuviel“, gestand sie im Nachhinein. „Aber“, fügte sie lachend hinzu, „ich hab’s überlebt. Und jetzt kann mir den Moment keiner mehr nehmen.“

Ihr Markenzeichen sind die großen blauen Augen

Dabei ist die Frau mit den markanten, großen blauen Augen, den skandinavisch-kantigen Gesichtszügen und der meist Tilda-Swinton-mäßig hochgefönten Weißblondfrisur längst selbst ein vielfach preisgekrönter Star. Nicht nur in Dänemark, wo sich Mads Mikkelsen und Ulrich Thomsen darum streiten können, wer der Berühmtere ist, während sie das im weiblichen Fach klar für sich beanspruchen kann, als das weibliche Gesicht Dänemarks. Sie ist längst auch international gefragt, spielt in Filmen wie „Love Is All You Need“ ganz selbstverständlich die Liebespartnerin von Pierce Brosnan (das hat sie mit Meryl Streep schon mal gemein), und sie spielt auch in deutschen Produktionen wie dem Cyberthriller „Who am I“, oder dem Natascha­Kampusch-Drama „3096 Tage“ mit.

Auch wenn sich der Name noch nicht eingeprägt haben sollte: Das Gesicht kennt jeder. Und den Namen, den muss man sich jetzt einfach auch mal merken. Vor zwei Jahren saß sie immerhin schon in der Berlinalejury neben Christoph Waltz, und spätestens mit dem Silberbären vor zwei Monaten ist sie ganz oben angekommen.

Dyrholm, die am 15. April ihren 44. Geburtstag feierte, hat ihren ersten Film bereits mit 17 gedreht. Der Durchbruch gelang ihr 1998 mit Thomas Vinterbergs „Das Fest“, dem ersten Film der Dogma-Welle. Auch wenn sich Dogma mit seiner Wackelkamera und den strengen Regeln nicht durchsetzte, war das Manifest die beste PR, die das dänische Kino je erlebt hat. Plötzlich schauten alle auf das kleine Filmland. Plötzlich waren nicht nur die Dogma-Begründer Lars von Trier und Vinterberg in aller Munde, sondern auch die dänischen Schauspieler. Allen voran Hauptdarsteller Ulrich Thomsen, aber eben auch Trine Dyrholm.

„Dogma machte auf einmal alle kreativ“, erinnert sie sich. „Auf einmal hatten alle Ideen, weil jeder sich für den Film verantwortlich fühlte“. Es war der Beginn einer steilen Karriere. Ihre Paraderollen: Frauen in Extremsituationen. Immer wieder ist sie in Filmen von Landsmänninnen wie Pernille Fischer Christensen („En Soap“, „Die Königin und ihr Leibarzt“) oder Susanne Bier („Love Is All You Need“ und der Oscargewinner „In einer besseren Welt“) zu sehen. Auch in einer Erfolgsserie wie „Die Erbschaft“. Oder in Gastauftritten bei Ulrich Köhler („Bungalow“) oder Fatih Akin („The Cut“).

Sie kann Deutsch, aber es kommt ihr nicht leicht von den Lippen. Sie hat zwar in der Schule Vokabeln gepaukt, kann auch zuhören oder Zeitung lesen. Aber beim Sprechen kommt diese Ladehemmung. Deshalb lernt sie die Texte, wie bei „Who Am I“, phonetisch. Wie Kennedy bei seinem berühmten „Ich bin ein Berliner“-Satz.

Nun hat sie, erstmals seit dem „Fest“, wieder mit Thomas Vinterberg zusammengearbeitet. Sie hätten beide an Gewicht zugelegt, schmunzelt sie, hätten aber auch beide Erfahrungen gesammelt, deshalb sei es spannend gewesen, wieder aufeinanderzutreffen.

Nervenzusammenbruch vor Millionen von Menschen

In dem Film „Die Kommune“, der heute ins Kino kommt, hat Vinterberg seine eigene Kindheit in einer Kommune verarbeitet. Trine Dyrholm spielt darin Anna, eine landesweit bekannte Nachrichtensprecherin, deren Ehe etwas eingerostet ist und die einen Neuaufbruch wagt, indem sie ihren Mann überredet, das gerade geerbte Haus als Hausgemeinschaft zu öffnen. Das kommt anfangs heiter und beschwingt wie eine Komödie daher, Dyrholm lacht und strahlt entsprechend viel.

Aber ihr Mann – erneut gespielt von Ulrich Thomsen – wagt einen ganz anderen Neuanfang, indem er etwas mit einer seiner Studentinnen anfängt, die wie seine Frau aussieht, nur 20 Jahre jünger. Um ihre Ehe zu retten, schlägt Anna selbst vor, dass die Geliebte mit in die Kommune einziehen soll. Was aber zur Katastrophe führt. Großartig, wie Trine Dyrholm dabei alle Aggregatzustände der zunehmenden Verzweiflung spielt. Bis sie schließlich einen Nervenzusammenbruch erleidet, hochdramatisch natürlich direkt vor laufender Fernsehkamera, während ihr Millionen zuschauen.

Wie spielt man so einen Zusammenbruch? Trine Dyrholm verzichtet auf den üblichen Weg, auf große Emotionen zu machen oder in Tränen auszubrechen. Sie wartet vielmehr neugierig ab, was passiert. Sie lässt sich in einen Zustand fallen, den sie selbst „das bewusste Unbewusste“ nennt. Da sitzt sie dann vor der Kamera, bebt. Und man kann ihrer Figur fast zuschauen, wie sie innerlich zerbricht. Das ist die große Kunst der Trine Dyrholm, auf den Punkt gebracht.

Diese ihre Kunst ist jetzt bärenversilbert. Das bedeutet ihr eine Menge. Denn irgendwie ist die Berlinale ja ihr Festival. Hier war sie schon mit mehreren Filmen zu Gast. „Die Berlinale“, das hat sie schon bei der Bären-Verleihung auf der Bühne gesagt, sei ihre Familie, „meine Kommune“. Auch der Film ist ihr sehr wichtig. Wenngleich es dort primär um die 70er-Jahre geht, die große Zeit der sozialen Experimente, geht es auch um die Idee des Miteinander-Teilens und sich Umeinander-Kümmerns, was bei allem persönlichen Scheitern nicht in Frage gestellt wird. Und das, findet die Dyrholm, sei heute aktueller denn je:. „Wir leben in einer Welt voller Probleme. Wir müssen human sein, wir müssen uns umeinander kümmern, mehr, als wir es jetzt tun.“

Aktuelle Filmkritiken lesen Sie in unserer Beilage „Berlin live“