Literatur

Niemand will uns haben: Irmgard Keuns „Kind aller Länder“

Sie war ein Star, dann vergessen. Jetzt wird Irmgard Keuns Exil-Roman noch einmal neu aufgelegt – und ist beklemmend aktuell.

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Foto: Isolde Ohlbaum/laif

Schon der erste Satz geht ans Herz. „In den Hotels bin ich auch nicht gern gesehen.“ So geht das los, gleich mittendrin, als ob da die ersten zwei Seiten irgendwie verloren gegangen wären. Das „Auch“ impliziert, dass die Icherzählerin überall nicht wohl gelitten ist. Es ist die kleine Kully, die da spricht, ein gerade mal zehnjähriges Mädchen, das mit ihren Eltern auf der Flucht ist.

Sie ziehen von Stadt zu Stadt, von Hotel zu Hotel. Anfangs lieben die Portiers und Kellner das Kind, aber schon bald wird klar, die Eltern können nicht zahlen. Da ändert sich das Verhalten sofort.

Der Vater reist immer mal wieder ab, um anderswo Freunde und Unterstützer anzupumpen. Geld, das er dann gern anderweitig verschenkt an Leute, die noch ärmer dran sind. Die Mutter und die Tochter aber, sie bleiben quasi als Pfand zurück.

Aus den Augen eines Kindes

Eine Pension wäre für sie viel billiger, aber dann wüssten alle, wie schlecht es ihnen geht. Und es gilt ja auch, den Schein zu wahren. Denn der Vater ist ein berühmter Schriftsteller. Oder ist es doch gewesen, bevor er verboten wurde. So muss man Zuversicht und Optimismus verbreiten, wo doch überall nur Verzweiflung herrscht.

Das Beklemmende, aber auch Überraschende an dem Exilroman „Kind aller Länder“ ist die Perspektive, aus der er erzählt wird. Kein Erwachsener, den sein eigenes Los ins Exil gezwungen hat und der darüber räsonieren könnte, was ihm da widerfährt.

Sondern ein kleines, unschuldiges Mädchen, das noch gar nicht recht begreifen kann, was um es herum geschieht. Das das stetige Hin und Her manchmal als gegeben hinnimmt, manchmal auch als Abenteuerspiel begreift. Und sich das alles mit kindlichen, in ihrer Blauäugigkeit fast poetischen Sätzen zurechtlegt.

In die allgemeine Freiheit gewandert

„Wir sind“, heißt es da etwa, „aus Deutschland fortgefahren, weil mein Vater es nicht mehr ausgehalten hat. Wir sind in die allgemeine Freiheit gewandert. Nach Deutschland gehen wir nie wieder zurück.“ Wie aus Trotz fügt sie hinzu: „Das brauchen wir auch nicht, denn die Welt ist sehr groß.“

Kully beneidet die Mutter, weil die viel schöner ist, tröstet sich aber, dass sie dafür weniger weint. Sie liebt den Vater und sieht doch, wie er alles tut, alles raucht und trinkt, um sein Leben zu verkürzen. Die Gefahr ist omnipräsent.

Vom Radio sagt das Mädchen, „es kann schrecklich brüllen aus dem Apparat, ich höre es nicht gern.“ Und als jemand in Amsterdam das Horst-Wessel-Lied pfeift und die Mutter vor Angst zittert, steht so ein Satz, der einem das Herz brechen lässt: „Da habe ich meine Mutter in Gedanken in einen Baum verwandelt, denn ein Baum ist ruhig, er hat keine Angst. Ein Baum hat keinen Hunger, keine Tränen. “

Verboten, vergessen, wiederentdeckt

Es ist, natürlich, das eigene Schicksal, dass Irmgard Keun hier verarbeitet hat, ihr gehetztes Leben im Exil und ihre Liebesbeziehung mit Joseph Roth, dem Autor von „Radetzkymarsch“ und „Die Kapuzinergruft“, mit dem sie im Exil um die Wette schrieb – und trank. Nur hatte die Keun eben nie ein Kind. Sie flüchtete in eine andere, neutrale Rolle, wie um sich selbst von außen zu beobachten, zu erforschen.

Die Keun war gerade erst zum Star der Neuen Sachlichkeit geworden, als die Nazis an die Macht kamen. Mit „Gilgi, eine von uns“ wurde sie 1931 über Nacht zum Prototyp einer neuen Literatur. Eine Autorin, die schnell, atemlos und kinohaft schrieb und den Erfolg 1932 noch übertrumpfte mit „Das kunstseidene Mädchen“.

Während ihr erster Mann sich den Nazis andiente, wurde sie sofort als entartet verfemt. Und hat auf die Bücherverbrennung von allen betroffenen Autoren wohl am radikalsten und tollkühnsten reagiert, als sie dafür 1935 beim Landgericht Berlin Schadenersatzansprüche stellte. Stattdessen wurde sie verhaftet und wieder und wieder verhört, bis es ihrem Vater gelang, sie freizukaufen.

Kurzer später Ruhm

Sie konnte nach Ostende fliehen. Dort kam es zu der schicksalhaften Begegnung mit Roth, bei der sich zwei Seelenverwandte, zwei Verlorene, zwei Verzweifelnde fanden. Volker Weidermann hat darüber vor zwei Jahren das schöne Buch „Ostende: 1936, Sommer der Freundschaft“ geschrieben. Aber man kann das mit den leicht verfremdeten Elternfiguren auch ganz unmittelbar bei der Keun nachlesen.

Während Roth wirklich im Exil zugrunde ging und sich zu Tode soff, ist die Keun, noch so ein unglaubliches biografisches Detail, erst in die USA gezogen und dann heimlich ins Deutsche Reich zurückgekehrt. Sie ist aber gründlich vergessen worden, lang über die Nazizeit hinweg, bis man sie Ende der 70er-Jahre wiederentdeckte. Den späten Ruhm hat sie nur kurz genießen können, 1982 ist sie gestorben.

Beklemmend aktuelle Bezüge

Dass ihr „Kinder aller Länder“, das 1938 erstmals erschien, gerade just wieder neu aufgelegt wird, ist einer dieser Zufälle, die man eigentlich kaum glauben mag. Weil der Roman, der unter dem Eindruck der Nazibarbarei quasi im Affekt von der Seele geschrieben wurde, nun wieder so brandaktuell ist.

Fast hat man über den heutigen Flüchtlingsbildern aus Griechenland und der Türkei die alten Fotos vergessen, auf denen Tausende von Menschen sich in Frankreich an Schiffe klammerten. Juden und Intellektuelle, die aus eben jenem Europa fliehen wollten, in das nun die neuen Exilanten drängen.

Parallelen drängen sich geradezu auf

Ihr Vater, erzählt die kleine Kully, will „nicht mehr in Deutschland sein, weil eine Regierung Freunde von ihm eingesperrt hat, und weil er nicht mehr sprechen und schreiben durfte, was er wollte.“ Die Parallelen zu heute drängen sich geradezu auf; man muss nur den Ort gegen Syrien oder Somalia tauschen.

Und einmal fällt so ein Satz, der als Motto über dem ganzen Roman stehen könnte: „Aber wir sind Emigranten, und für Emigranten sind alle Länder gefährlich, viele Minister halten Reden gegen uns und niemand will uns haben, dabei tun wir gar nichts Böses und sind genau wie alle anderen Menschen.“ Eine solche Botschaft kann man sich in Tagen wie diesen gar nicht oft genug in Erinnerung rufen.

Irmgard Keun: Kind aller Länder. Kiepenheuer & Witsch, 222 Seiten, 17,99 Euro.