Kultur

Aus dem Leben einer Nervensäge

Maxim Biller schlüpft in die Romanfigur eines Schriftstellers und fällt über alles her, was ihn stört

Es sind die Flucht, das Weggehen, das Verstecken und als Steigerung das skrupellose Tricksen, die in diesem Roman eine gewisse Rolle spielen. Die Notwendigkeit, sich von der eigenen Herkunft zu emanzipieren und dies nie ganz zu können: Das ist wohl das Thema von Maxim Billers schönem, melancholischem und verblüffendem neuen Roman, das den vieldeutigen Titel „Biografie“ trägt.

Verblüffend nicht so sehr deswegen, weil es die erste größere Veröffentlichung Billers seit sieben Jahren ist – man hatte ihn, den Berliner Feuilletonisten, Kolumnisten und neuerdings im wiederbelebten „Literarischen Quartett“ als spitzeste Zunge Beschäftigten immer auf der Rechnung. Der Mann gehört zum Inventar des deutschen Kulturbetriebs. Nein, verblüffend ist „Biografie“ deswegen, weil es das Kunststück schafft, auf fast 900 Seiten glänzend zu unterhalten. Und das als wahrscheinlich komischster deutschsprachiger Roman der jüngeren Vergangenheit.

„Biografie“ ist das Opus magnum Billers, dessen im Entstehen begriffene Existenz gerüchteweise seit Jahren immer wieder denen zu Gehör kam, die auf dieses Buch gewartet haben: ein geradezu ausuferndes, wildes Prosawerk, bei dessen Lektüre man abwechselnd an Philip Roth und Comicstrips denkt. Bei dem einem nach langer Zeit mal wieder der Begriff „Burleske“ einfällt: grobe Komik, immer explizit.

Mutter und Schwester sindnach Miami durchgebrannt

Erzählt wird hier aus der Sicht des Solomon Karubiner, eines semi-erfolgreichen Schriftstellers, der die Deutschen recht penetrant nervt mit seiner kritischen Prüfung alles Deutschen und mit seinem grundsätzlichen Vorhaben, überhaupt alles erst einmal zu hassen. Mitte der Nullerjahre gerät der aus einer russisch-jüdischen Familie stammende Karubiner, angesichts dessen Namens man gerne an „Schlawiner“ denken darf, in eine Art biografischen Schleudergang. Der „Sohn eines Familienstalins und einer treulosen Mutter“, die mit einem anderen Mann und der Schwester nach Miami durchbrennt, verliert auch noch seinen besten Freund aus gemeinsamen Hamburger Tagen. Noah Forlani, Sohn eines hanseatisch-jüdischen Immobilien-Halbmafiosis, der erst die Welt retten will und dann das Filmgeschäft für sich entdeckt, wird bei Dreharbeiten im Sudan von Islamisten enthauptet.

Wird er natürlich nicht wirklich, denn in Billers Roman gibt es keine Toten. Außer die des Holocaust, deren anwesende Abwesenheit diesen breit fließenden Roman genauso unterspült wie das jüdisch-deutsche Verhältnis allgemein. Der Humor dieser zwischen dem Grindelviertel, Tel Aviv, Berlin, Amerika und Prag spielenden Geschichte, in der Solomon „Soli“ Karubiner und Noah „Noahle“ Forlani als hinreißend meschugges Katastrophenduo die Hauptrolle spielen: Was für eine immer noch und immer wieder im Hinblick auf die Täter-und-Opfer-Geschichte entlastende Technik, ihn gerade in den ständigen Nazi-Anspielungen zu entfalten. Da hat ein harmloser Knallcharge schon mal „Hermann-Göring-Augen“.

Die zweite Humorebene ist nichts anderes als der Sex, der das Leitmotiv quasi aller Protagonisten ist, und von ihnen gibt es nicht wenige. Die sexuellen Vorlieben gerade Noahs, der auf dicke Frauen steht, die ihn herumtragen, und Solomons sind in diesem einer kunstvoll aufgebrochenen Chronologie einverleibten Plot immer wiederkehrende Handlungsträger. Im Falle des zwanghaften Onanisten Solomon bringen sie die Action gar erst in Gang.

Während Noah, der ADS- und wohlstandsgeplagte Millionärssohn, sich in Kalifornien selbst sucht, vor allem seiner israelischen Frau entfliehen will, sucht Solomon, der Dichter, die Öffentlichkeit. Er legt in der Sauna Hand an sich und später im Freibad an, das muss den Damen nicht unbedingt gefallen. Ein Berliner Möchtegernschriftsteller mit krudem NS-Stammbaum kommt in den Besitz eines Videobands, das den Selbstbefriedigungsexzess zeigt – und erpresst Solomon. Woraufhin dieser ihn vermeintlich in einem Berliner Gewässer ersäuft.

In „Biografie“ ist alles sehr überdreht, menschlich und wahr, überdeutlich und subtil. Das fängt schon beim Titel an, denn „Biografie“ erinnert immer auch an „Autobiografie“, und was das angeht, ist Billers Karriere als Schriftsteller einmal an einen Wendepunkt geraten, der nicht nur ihn selbst, sondern die gesamte Literatur betraf: Von Billers 2003 erschienenem, autobiografisch motiviertem Roman „Esra“ fühlten sich zwei Klägerinnen in ihren Persönlichkeitsrechten beschnitten. Der Fall ging bis vor das Bundesverfassungsgericht, „Esra“ darf bis heute nicht verbreitet werden.

Der Roman erzählt auch vom Generationenkonflikt

In „Biografie“ finden sich viele Ähnlichkeiten zwischen dem echten Schriftsteller Maxim Biller und dem erfun­denen Schriftsteller Solomon Karubiner. Billers eigene Geschichte, zumal die in Hamburg, wo er seine Jugend verbrachte, wird von der sprudelnden Fantasie des Erzählers immer wieder überblendet, und doch entblößt sich in diesem Buch auch die Stadt; wie sie einmal war, und wie sie immer noch ist. Der Innocentiapark ist schließlich nicht verschwunden, ebenso wenig wie die Hartungstraße, in der die Karubiners leben, deren Oberhaupt, Solomons Vater Wladimir „Wowo“ Karubiner, ein ost-westlicher Doppelagent ist. Solomons Schwester Serafina dagegen ist eine zur Fettleibigkeit neigende Nervensäge, die ebenso überzeichnet wird wie alle anderen Figuren hier. Das galizische Buczacz ist der familiäre Bezugspunkt von Solomon und Noah, die die Söhne der „Buczacz-Boys“ sind: Ihre Väter stammen aus der heute ukra­inischen Stadt, deren jüdische Bevölkerung zum großen Teil von den Nazis ermordet wurde. Billers Roman erzählt vom Generationenkonflikt zwischen der ersten und der zweiten Generation, den Holocaust-Überlebenden und den Nachgeborenen.

Die Jugenderinnerungen des Erzählers Solomon an die goldenen Tage der Jugendfreundschaft mit Noah sind, neben dem alles durchdringenden Witz, auch von einer gewissen Trostlosigkeit gezeichnet: Es ist die „schwarze, stille Alster“, die sich im Zentrum der Stadt befindet. Und manchmal ist ein Tag hier auch einfach nur ein „Hamburger Selbstmordtag“. Teenage Angst nennt man das wohl. Billers Spiel mit dem eigenen Image mündet in Solomon Karubiners Romanbekenntnis, dass angeblich die Schilddrüse Ursache seiner Bösartigkeit sei. Aber kann ein (fiktiver) Schriftsteller, dessen Bücher „Ihr wollt nur unsere goldenen Eier“ und „Das jüdische Jüdeln“ heißen, wirklich böse sein?