Binooki-Verlag

Mit türkischer Literatur gegen Klischees und Vorurteile

Seit fünf Jahren räumen drei Schwestern aus Berlin mithilfe von Übersetzungen türkischer Literatur mit Klischees und Vorurteilen auf.

Drei Schwestern: (vl.) Selma Wels, Çiğdem Yiğit und Inci Bürhaniye

Drei Schwestern: (vl.) Selma Wels, Çiğdem Yiğit und Inci Bürhaniye

Foto: Reto Klar

Aus den Lautsprechern klingt Jazzmusik, hinter der Vitrine türmen sich selbst gemachte Pasten, in der Luft liegt der Duft von frisch gemahlenem Kaffee. Die Altbauräume zieren freigelegte Backsteinwände und antike Tische, sie schaffen eine gemütliche Atmosphäre im mediterranen Feinkostlokal "Meyan".

Der Laden an der Schöneberger Goltzstraße ist weit entfernt vom schnellen Döner oder dem, was Berliner gemeinhin mit türkischer Küche assoziieren. So jung und modern, wie das Lokal des Ehepaars Çiğdem und Ali Yiğit daherkommt, könnte es auch im Istanbuler Szeneviertel Cihangir liegen. Dort wäre es für die Menschen im Kiez wohl ein ebenso netter Treffpunkt für ein ausgedehntes Frühstück, einen Kaffee mit Freunden oder ein Date – wie in Berlin eben.

Aber dieser Blick auf das ganz alltägliche Leben der Menschen in der Türkei, auf ihre Gedanken, Ängste und Träume – dieser Blick ist vielen Deutschen versperrt. Um ihn zu öffnen, haben die Restaurantinhaber eine Reihe türkischer Romane in deutscher Übersetzung ausgestellt. Darin können Gäste im "Meyan" schmökern und diskutieren, wie in einem Wiener Kaffeehaus. Hin und wieder organisieren die Yiğits dort auch Autorenlesungen mit dem Verlag Binooki, der die Literatur auf Deutsch verlegt.

Binooki macht inzwischen deutschlandweit von sich reden

Wann immer Çiğdem Yiğit merkt, dass sich jemand für die Bücher interessiert, spricht die 47-Jährige ihn an. Schließlich hat sie eine ganz persönliche Bindung zum Binooki-Verlag, der nur wenige Hundert Meter entfernt am Nollendorfplatz liegt: Ihre beiden Schwestern Selma Wels (37) und Inci Bürhaniye (49) haben ihn vor gut fünf Jahren gegründet, damals ein Novum auf dem Literaturmarkt. "Ich bin stolz auf das, was meine Schwestern da aufgebaut haben", sagt Çiğdem Yiğit. Und weil sich die drei in Pforzheim aufgewachsenen Töchter türkischer Gastarbeiter schon immer gegenseitig unterstützt haben, war es für sie klar, dass sie die Binooki-Bücher im Café ausstellt. Im Kiez kommt das gut an, der Verlag macht deutschlandweit von sich reden.

Seit Jahresanfang leitet Selma Wels den Verlag als alleinige Geschäftsführerin, Inci Bürhaniye will sich wieder auf ihren Anwaltsberuf konzentrieren, sie bleibt Gesellschafterin und berät Binooki. Meetings mit Übersetzern, Lesungen, Interviews, Podiumsdiskussionen, Buchmessen, Autorentreffen in der Türkei – Selma Wels' Terminplaner für 2016 ist dicht. Dabei wollte sie mindestens ein Buch pro Jahr selbst übersetzen, so wie sie es bei zwei der 27 bei Binooki erschienenen Bücher bereits getan hat. Dieses Jahr wird das wohl nichts mehr.

Selma Wels hatte nie geplant, einen Verlag zu gründen. Zwar war das Lesen schon immer ihre große Leidenschaft, nach dem Studium arbeitete die Betriebswirtin erst in der Versicherungs- und später in der Filmbranche. Der Job brachte sie im November 2010 nach Istanbul, ihre älteste Schwester Inci Bühaniye kam mit – beide wollten zusammen die Istanbuler Buchmesse besuchen. Sie tauschten sich schon immer viel über Literatur aus, ihre Mutter hat es ihnen mitgegeben.

Der türkische Buchmarkt ist in Deutschland kaum vertreten

Auf der Buchmesse wurde Inci Bürhaniye und Selma Wels klar: Der türkische Buchmarkt ist modern, aber in Deutschland kaum vertreten. Das wollten sie ändern. Noch in Istanbul beschlossen sie die Verlagsgründung, zurück in Berlin schrieben die Schwestern ihren Businessplan. Im April 2011 fuhren sie nach Istanbul und trafen sich mit Verlagen und Agenten, um die Übersetzungsrechte zu klären. Das war leichter als gedacht. "Die waren alle total offen", erzählt Selma Wels. "Sie hatten sich schon gewundert, warum Deutschland kein Interesse an türkischer Literatur hat."

Warum das so ist, kann Wels nur vermuten. "Vielleicht hat sich wegen des schlechten Images der Türkei noch niemand rangetraut." Vorurteile bekommt auch sie häufig zu spüren. Deshalb will sie dem deutschen Publikum zeigen, wie Menschen in der Türkei heute wirklich leben. Wenn Leser ihr nach der Lektüre erzählen, dass sie sich über die Wohngemeinschaft im Roman oder über kochende Männer wunderten, dann weiß Selma Wels: Literatur hat wieder jemandem den Blick auf die türkische Gesellschaft geöffnet. Passend dazu lautet der Verlagsslogan "Achtung! Klischeefreie Zone".

Auch wenn sich das Leben junger Türken gar nicht so sehr vom Leben in Berlin unterscheidet, würde die Politik von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan es für Selma Wels gerade unmöglich machen, tatsächlich in der Türkei zu leben. Sie blickt besorgt auf die Entwicklungen im Land. So hatte der Verlag nach den Gezi-Protesten 2014 eine literarische Anthologie verlegt, in der 19 Schriftsteller ihre Sicht auf die Proteste darstellen. Seit der Veröffentlichung der Gezi-Anthologie bekommt der Verlag vom türkischen Kulturministerium auch keine Förderungen mehr für Übersetzungen. Und auch der Fall Böhmermann beschäftigt Selma Wels. Sie habe aber Vertrauen ins deutsche Rechtssystem und denkt, dass die Gerichte Böhmermann freisprechen werden.

Bereits drei Auszeichnungen für den kleinen Verlag

Selma Wels ist glücklich über den Erfolg ihres kleinen Verlages, der bereits mit drei Preisen ausgezeichnet wurde: 2012 mit dem "Virenschleuderpreis" für das erfolgreichste Marketing im Social Web und 2013 mit dem BuchMarkt-Award in Bronze als "Newcomer des Jahres" sowie dem "Kurt-Wolff-Förderpreis". "Ich habe Arbeit für zehn Leute", sagt Selma Wels. Für sie ist es beruhigend zu wissen, dass sie im Notfall zudem immer auf die Unterstützung ihrer Schwestern zählen kann.

Das Band der drei Schwestern war ohnehin immer eng. Noch enger schweißte sie der frühe Tod ihrer Mutter im Jahr 1996 zusammen. Zu dem Zeitpunkt, der Vater lebte schon wieder in der Türkei, ging Selma Wels in die elfte Klasse. Sie hatte zwei Möglichkeiten: Entweder sie zieht zum Vater und schließt die Schule in der Türkei ab oder sie folgt ihren beiden älteren Schwestern nach Berlin. Die Entscheidung für Berlin fiel schnell. Ihre Schwestern hatten ihr damals beide angeboten, bei ihnen zu wohnen. Bis zu Selmas Abitur wollten sie eine Dreier-WG aufmachen. Sie suchten sich eine Wohnung in Charlottenburg, weil sich Selma Wels dort für das heutige Heinz-Berggruen-Gymnasium entschieden hatte.

Heute teilt sich Selma Wels nur noch die Büroräume mit ihrer ältesten Schwester. Der Binooki-Verlag sitzt in der Anwaltskanzlei von Inci Bürhaniye. Für die Zukunft hätte Wels gern ein kleines Ladengeschäft für ihren Verlag, einen Laden, in dem sie zu Kuchen und türkischer Feinkost Kunden empfangen und Meetings abhalten kann. Solange sie das noch nicht gefunden hat, macht sie das gern weiter bei ihrer Schwester Çiğdem Yiğit im Café "Meyan".

Veranstaltungstipp: 27. April 2016, 20 Uhr: Buchpremiere des Romans "Die Haltlosen" von Oğuz Atay im Literaturhaus Berlin. Adresse: Fasanenstraße 23, 10719 Berlin.

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