Film

Wo Wolf und Panther sich Gute Nacht sagen: „Jungle Book“

Disney hat seinen Trickfilmklassiker „Das Dschungelbuch“ real verfilmt. Das klappt erstaunlich gut. Die Tiere sind natürlich dennoch nicht real.

Tolle Dschungelpanoramen: Aber nichts davon, bis auf den Mogli-Darsteller Neel Sethi,  ist echt

Tolle Dschungelpanoramen: Aber nichts davon, bis auf den Mogli-Darsteller Neel Sethi, ist echt

Foto: ©2015 Disney Enterprises, Inc.

Den alten Film kannte ich, lange bevor ich ihn gesehen habe. Nicht immer waren Filme allüberall auf DVDs habbar. Aber es gab andere Wege. Ein Bilderbuch für Kinder, in dem Rudyard Kiplings „Dschungelbuch“ zwar auf ein Minimum geschrumpft, aber mit den ikonischen Bildern aus dem Disney-Trickfilm von 1967 illustriert war. Es gab auch eine alte Musikkassette mit den Originalliedern aus dem Film, zumindest den deutschen Versionen.

Gut möglich, dass „Das Dschungelbuch“ gar nicht mein allererster Film war. Aber er ist auf jeden Fall der erste, an dessen Kinogang ich mich erinnern kann. In irgendeinem kleinen Kino und in einer schon ein wenig abgespielten Kopie. Aber er erfüllte alle Kinderträume, die längst vertrauten Bilder endlich auch einmal in Bewegung zu sehen.

Disney macht ernst damit, alte Trickfilme neu zu verfilmen

Generationen sind inzwischen mit dem Trickfilmklassiker aufgewachsen. Jeder hat seine Lieblingsfigur, den gemütlichen Bären, den altklugen Panther oder auch den Junior-Elefanten. Aber alle können sich mit dem kleinen Mogli identifizieren, der im Dschungel des Lebens erst mal seine Rolle und seinen Weg finden muss.

Das Dickicht unser aller Kindheit. Einer dieser ganz wenigen Filme, die wirklich jeder schon gesehen hat. Und das wird jetzt noch mal verfilmt? Und diesmal nicht als Trick-, sondern als Realfilm? Ich gebe zu, ich hatte etwas Angst davor.

Es gibt schon andere Realverfilmungen vom „Dschungelbuch“, eine von 1942 und eine noch gar nicht so alte von 1994. Aber keine Version reicht an den Trickfilm heran. Und der neue Film fordert den Vergleich ja geradezu heraus, weil er wieder von Walt Disney produziert ist.

Das Micky-Maus-Imperium macht ganz offensichtlich ernst damit, seine alten Trickfilme jetzt alle noch mal mit echten Menschen neu zu verfilmen. „Cinderella“ machte im vergangenen Jahr den Anfang, „Das Dschungelbuch“ folgt jetzt nach. Und das klappt erstaunlich gut.

Wie im alten Film und doch ganz anders

The Jungle Book“ – zur besseren Unterscheidung zum alten Trickfilm kommt der neue Film auch bei uns unter dem Originaltitel ins Kino – beginnt nicht ganz am Anfang. Den setzt man wohl als bekannt voraus. Er wird später nur noch mal als Erzählung nachgereicht. Ganz am Anfang rennt Mogli (Neel Sethi) durch den Dschungel, als ob schon der fiese Tiger Shir Khan hinter ihm her wäre.

Eine action­reiche Verfolgungsjagd, bei der die Kamera in keiner Liane hängen bleibt und gegen keinen Baum läuft. Dann aber hetzt der schwarze Panther Baghira aus dem Dickicht. Alles nur eine Übung. Für den Shir-Khan-Notfall. Der natürlich so sicher kommt wie der Sternenstaub im Disney-Vorspann.

Real ist das alles natürlich überhaupt nicht. Bis auf den kleinen New Yorker Neel Sethi, der unter Tausenden von Kandidaten als Mogli besetzt wurde. Nicht mal der Urwald ist im Ansatz real. Und die Tiere, sie entstanden alle erst am Computer. Das kann man sich nur schwer vorstellen, wie ein Elfjähriger ganz allein mit fünf Puppenspielern vorgibt, durch einen riesigen Dschungel zu pirschen. Aber na ja, wir haben uns im Sandkasten auch unzählige fiktive Welten erspielt.

Der Clou sind natürlich all die Tiere, die sich dank modernster Motion-Capture- und fotorealer Animationstechniken so bewegen, als gebe es sie wirklich. Und die auch die Mäuler so bewegen, dass man meint, sie könnten wirklich sprechen.

Alle Stars wollten die Tiere sprechen

Bei Ang Lees „Life of Pi“ war es noch ein einziger Tiger im Boot, der täuschend echt agierte, bei der Neuversion von „Planet der Affen“ dann schon eine ganze Primatenhorde, die fast realer wirkte als die menschlichen Darsteller. Nun haben wir einen höchst irrealen Realfilm, bei dem ein ganzer Dschungel lebt und wir wirklich glauben, dass Wolf und Panther sich hier gute Nacht sagen.

Schon klar, warum sich in Hollywood die Größten der Großen darum rissen, die Tiere sprechen zu dürfen. Bill Murray etwa den Bär Balu, Ben Kingsley den Panther Baghira oder Scarlett Johansson die hypnotisierende Schlange Kaa. Schon klar, warum auch deutsche Stars unbedingt bei der Synchronisation mitmachen wollten (in diesem Fall Armin Rohde, Joachim Król und Jessica Schwarz. Auch sie sind alle mit dem „Dschungelbuch“ aufgewachsen, haben damit eine ihrer frühkindlichen Prägungen erlebt.

Und das ist wohl auch ein Grund, warum trotz aller Bedenken der Film gar nicht schlecht werden konnte: Alle Beteiligten, vom Regisseur Jon Favreau („Iron Man“) bis zum Spezial-Effektler Andy Jones („Avatar“) haben die gleiche Dschungel-Sozialisation erlebt. Hatten den gleichen Respekt vor und die gleiche Liebe für den alten Trickfilm. Und hätten sich nicht daran gewagt, wenn es nicht bestmöglich geworden wäre.

„The Junge Book“ spielt natürlich mit den alten Versatzstücken. Es wird nicht so viel gesungen wie damals, aber Bär Balu darf weiter sein Gemütlichkeitsmantra trällern, und bei Kaa wird die alte Melodie liebevoll im neuen Soundtrack variiert. Die Affenstadt wirkt nun gänzlich wie ein Angkor Wat im Wald.

Aber man geht auch über die Vorlage hinaus: Die Figuren noch etwas mehr Eigenleben, Balu etwa, der jetzt an Höhenangst leidet, es treten auch viel mehr Tiergattungen auf, als die alten Animatoren hätten zeichnen können. Und Mogli muss sich nicht nur gegen wilde Tiere, sondern auch gegen manche Naturgewalt behaupten.

Und dann kriegt der Film auch ein noch ganz anderes Ende. Weil hier die friedliche Koexistenz zwischen Mensch und Tier gewahrt bleibt. Disney rettet die alte Multikulti-Utopie! Und dieses „Jungle Book“ ist damit sowas wie das Prequel zum nächsten „Tarzan“-Film im Sommer. So wie der alte Kipling-Roman gerade in neuer Übersetzung erschien, so hat der alte Film jetzt auch eine Neuversion, die durchaus daneben bestehen kann.

Dieselbe Kindheitsprägung wird sie indes, das ist das einzige Manko, nicht erreichen. Für die ganz Kleinen ist der Film nämlich nichts. Dafür ist er doch in vielen Szenen zu beängstigend.