Film

Kindersoldaten als Minenräumer: das Filmdrama „Unter dem Sand“

Ein dänisch-deutscher Film beleuchtet ein düsteres Kapitel Nachkriegsgeschichte, das bis heute verdrängt wird. Ein aufrüttelnder Antikriegsfilm.

Tödliche Mission: Feldwebel Carl (M.) führt die deutschen Kriegsgefangenen an einen Strand, den sie von 45.000 Minen räumen sollen

Tödliche Mission: Feldwebel Carl (M.) führt die deutschen Kriegsgefangenen an einen Strand, den sie von 45.000 Minen räumen sollen

Foto: Camilla Hjelm © Koch Films GmbH / BM

Kein Wölkchen trübt den Himmel. Das Wasser glitzert strahlendblau, der Strand strahlt blütenweiß, die Sonne taucht alles in gleißend-flirrendes Licht. Ferienidylle wie aus der Werbebroschüre. Aber die Jungs, die an diesen Strand kommen, tollen nicht im Sand herum und werfen sich auch nicht in die Wogen. Sie müssen sich auf den Bauch ­legen, stochern mit Stöcken in den Sand und robben sich Zentimeter um Zentimeter nach vorn. Auf der Suche nach Minen.

Es ist eine wahre Geschichte, die Regisseur Martin Zandvliet in seinem Film „Unter dem Sand“ erzählt. Und eine düstere, die bis heute verdrängt wurde. Direkt nach dem Krieg mussten 2000 bis 2600 deutsche Kriegsgefangene die dänische Küste von Landminen räumen, die die deutsche Reichswehr während ihrer fünfjährigen Besatzung als sogenannten Atlantikwall gegen die Invasion der Alliierten errichtet hatte. Über 2,2 Millionen Minen hatten sie an der Westküste verstreut, mehr als im restlichen Europa zusammen.

Das Perfide dabei: Kriegsgefangene zu Zwangsarbeit zu verpflichten, verstößt gegen die Genfer Konvention. Die britischen Befreier rieten den Dänen daher, sie einfach als „freiwilliges Personal des Feindes“ zu deklarieren.

Und es waren überwiegend blutjunge, minderjährige Gefangene, Kinder fast, die noch in letzter Sekunde als Volkssturm in den längst verlorenen Krieg geschickt worden waren. Hitlers letztes Aufgebot, das nach der Kapitulation gleich noch einmal verheizt wurde, diesmal von den Siegern. Als Kanonenfutter.

Von April bis Oktober 1946 wurden auf diese Art über 1,4 Millionen Minen geräumt. Wie viele deutsche Gefangene dabei gestorben sind, darüber gibt es bis heute nur wenig verlässliche Zahlen, das ist noch immer nicht aufgearbeitet. Manche Schätzungen gehen von bis zu 50 Prozent aus. Um sie geht es nun, 70 Jahre danach, in diesem bewegenden, aufrüttelnden Antikriegsfilm.

Anfangs stolpert ein langer Zug deutscher Gefangener, von den Briten bewacht, übers Land. Ein Däne fährt triumphierend an ihnen vorbei, beschimpft und demütigt sie. Als er einen der Deutschen mit dänischer Flagge sieht, reißt er sie ihm aus der Hand und schlägt brutal auf ihn ein, ohne dass ihn die Briten daran hindern würden. „Haut ab“, schreit er, „das ist mein Land.“

Später wird genau diesem dänischen Feldwebel Carl (Roland Møller) ein versprengtes Häuflein von 14 Jungs, alle erst 16 bis 19 Jahre alt, zugeteilt. Sie sollen einen Strandabschnitt von 45.000 Tretminen entsorgen. Ohne jedes Hilfsmittel, ohne Metalldetektoren oder Schutzkleidung. Mit bloßen Händen müssen sie die Minen freischaufeln und die verrosteten Zünder herausschrauben.

Herrliche Panoramen, verzweifelte Gesichter

Dabei bekommen sie kaum etwas zu essen. Es ist ein schrecklicher, kaum zu ertragender Nervenkitzel, ihnen immer wieder bei dieser Arbeit zusehen zu müssen. Wobei die vorzügliche Kamerafrau Camilla Hjelm Knudsen krasse Kontraste setzt zwischen den herrlichen Landschaftspanoramen und den Großaufnahmen von den verzweifelten Jungs.

Die immer mehr heulen und schlottern, teils aus Angst, teils aus Entkräftung. „Es ist mir egal“, schreit der Feldwebel sie an, „ob ihr von einer Mine zerfetzt werdet oder verhungert.“

Utopie einer Freundschaft von ehemaligen Feinden

Aber so ganz egal ist es ihm eben doch nicht. Denn natürlich wird dieses Himmelfahrtskommando schon bald sein erstes Opfer fordern. Keiner hat ihm gesagt, dass er Kinder bewachen muss. Und so hart sich dieser Mann stellt, überkommt ihn doch bald Mitleid, geraten seine eigenen Überzeugungen und sein Patriotismus ins Wanken.

Bald sieht er keinen Feind mehr, sondern nur noch Individuen. Er beginnt, für die Jungs Brot zu klauen. Spielt eines Tages sogar am Strand Fußball mit ihnen. Eine kleine Hoffnung auf Veränderung. Die Utopie einer väterlichen Freundschaft. Bis das Idyll jäh wieder zerrissen wird.

Immer wenn man glaubt, über den Zweiten Weltkrieg sei nun wirklich alles auserzählt, kommt wieder ein neuer Film, der einen eines Besseren belehrt. Und noch mal neue Aspekte in den Fokus rückt. Man denke in den vergangenen Jahren an Filme wie „Lore“ über ein junges Mädchen, das von den Eltern im Stich gelassen wird und in den letzten Kriegstagen ganz allein mit ihren kleinen Geschwistern durch ganz Deutschland flieht.

Oder „Wolfskinder“ über aufgegebene Kinder, die sich im Osten in Wäldern verstecken und vertieren. Dabei gibt es in letzter Zeit eine deutliche Perspektivverschiebung: die Täter auch als Opfer zu zeigen. Verständlicherweise hat man das lange nicht getan, es ist aber eine Wahrheit, die es auch verdient, gezeigt zu werden.

Das historische Gewissen ist belastet

Gut möglich, dass „Unter dem Sand“ – der im Original doppeldeutig „Land of mine“ heißt, was sowohl „Mein Land“ als auch „Minengelände“ bedeuten kann – ganz anders aufgenommen worden wäre, wenn ihn ein deutscher Regisseur gedreht hätte. Martin Zandvliet aber ist Däne, und er hat diesen Film, der erst sein dritter und doch schon so stilsicher inszeniert ist, als dänisch-deutsche Koproduktion realisiert.

Die Erwachsenen werden durchweg von Dänen gespielt, allen voran Roland Møller, der seine Wandlung wunderbar in kleine Nuancen legt; die jungen Gefangenen aber von deutschen Nachwuchsschauspielern wie Joel Basman („Wir sind jung. Wir sind stark.“), Louis Hofmann („Freistatt“) oder Leon Seidel („Wintertochter“). Es bricht einem das Herz, in ihre verdreckten und zunehmend verzweifelten Gesichter zu schauen.

Der Film, sagt Regisseur Zandvliet, untersuche natürlich auch die dänische Schuld an jenem Kapitel Nachkriegsgeschichte. „Ein Kapitel, das bei uns in Dänemark noch nie wirklich an die Öffentlichkeit gekommen ist, dafür belastet es vermutlich viel zu sehr das historische Gewissen.“ Je länger sein Team in der Vorbereitung zu dem Film recherchierte, desto mehr Belege fanden sie, dass dieses Thema noch immer so etwas wie ein historisches Tabu darstellt.

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