„Puck von Berlin“

Legendäre Berlinale-Fotografin Erika Rabau ist tot

Mit ihrer Sturmmähne und der Lederkluft gehörte Erika Rabau über Jahrzehnte quasi zum Inventar der Berlinale. Nun ist sie gestorben.

Erika Rabau mit Kamera am roten Teppich vor dem Berlinale-Palast

Erika Rabau mit Kamera am roten Teppich vor dem Berlinale-Palast

Foto: dpa/Picture-Alliance/Britta Pedersen

Im August vergangenen Jahres erst wurde ihr noch einmal ein großer Teppich ausgerollt. Lothar Lambert, König des Berliner Undergroundfilms, hat über Erika Rabau, die seit Ende der 70er-Jahre in vielen seiner Filme mitgespielt hat, einen Dokumentarfilm gedreht. Mit dem vollmundigen Titel „Erika mein Superstar“. Immerzu hat die Fotografin die Stars vor ihrer Kamera gehabt, während sie in den Trashfilmen immer nur kleine Gastauftritte hatte. Nun aber wurde ihr noch mal ein ganzer, eigener Film zuteil.

>>>Der Kobold vor und hinter der Kamera<<<

Er sollte auch so etwas wie ein Vermächtnis und Abgesang werden. Eigentlich auf Lothar Lambert, der sich als Regisseur zurückziehen will. Nun aber wurde er es auf Erika Rabau, die am Sonntag in ihrer Leib- und Magenstadt Berlin gestorben ist. Das letzte Geheimnis nimmt sie wohl mit ins Grab: das, wie alt sie eigentlich war. Das hat sie immerzu verschwiegen. Sie war wohl einfach immer schon da.

Mit der Rabau verliert Berlin eines seiner letzten Originale, Markenzeichen und Aushängeschilder. Ihren Namen („Rabau wie Radau2, wie sie gern sagte) kannten vielleicht nicht alle, aber das kleine hutzelige Wesen mit der fistelnden Stimme, das noch in hohem Alter auf jeder Berlinale mit knallblauer Lederkluft und klirrenden Ketten ihre Fototasche hinter sich herschleifte, die kannte jeder. Auch jeder Hollywoodstar, der je vor ihrer Kamera stand. Und sie hatte sie alle – denn seit 1972 war sie die offizielle Fotografin der Berlinale. Auch wenn sie den Titel am Ende nur noch ehrenhalber trug. Sie war der Kobold und vor allem der „Puck von Berlin“, ein Titel, den ihr schon Friedrich Hollaender verliehen haben soll und der ihr Etikett blieb. „Puck vom Sommernachtstraum, nicht vom Eishockey“, wie sie immer meinte, erläutern zu müssen.

So wild und unkonventionell, wie sie daherkam, verlief auch ihr Leben. Als Kind von Danzig nach Berlin geflohen, zog sie mit 17 der Liebe wegen nach Argentinien. Die Liebe hielt nur drei Monate, dann hat sie ihren Mann verlassen und musste wegen dessen Eifersucht untertauchen. Bei einem Fotografen, als Assistentin. So lernte sie das Metier, das ihr Beruf, ihre Berufung werden sollte. In den 60er-Jahren nach Berlin zurückgekehrt, machte sie sich als Fotografin selbständig. Damals noch keine Selbstverständlichkeit als Frau. Aber sie wusste sich gegen die männliche Dominanz, die immer mehrere Köpfe größer war als sie, durchzusetzen.

Bekannt wurde sie dann aber auch in ihrem Zweitjob als Kleinstdarstellerin. In Filmen von Wim Wenders, Rainer Simon und – noch in diesem Jahr – bei Detlev Buck. Vor allem aber und immer wieder in den schrillen Filmen von Lothar Lambert, die in den 80er-Jahren Undergroundhits waren, für die das alte West-Berlin blockweise Schlange stand. Immer spielte Erika, der Superstar da verruchte, verrufene und verwegene Figuren, weshalb ihr Bruder, ein Botschafter, lange nicht mehr mit ihr redete. Dafür wurde sie vom deutschen Film hofiert. Fassbinder fragte sie mal mitten in einer Pressekonferenz, ob sie nicht in seinem nächsten Film mitspielen wollte. Und Wenders ging buchstäblich vor ihr in die Knie.

Ihr Tod trifft auch die Berliner Morgenpost sehr. Denn viele Jahre lang hat Erika Rabau auch für diese Zeitung gearbeitet, meist im engen Zusammenspiel mit dem Redakteur Bernd Lubowski. Den Puck vom „Sommernachtstraum“ hat sie übrigens wirklich einmal gespielt, in einer Schüleraufführung. Der Puck von Berlin, das war aber ihre eigentliche, ihre Lebensrolle. Nun ist der Puck von der Bühne gegangen. Erika Rabau wird fehlen. Die Stadt wird ohne sie ein bisschen weniger schräg, weniger originell sein.