Film

Finde dich selbst im Fremden: Das Achtung Berlin Festival

Achtung Berlin: Ab Mittwoch gibt es eine Woche lang 80 Filme aus und über Berlin. Diesmal mit brandaktuellen Beiträgen zur Flüchtlingskrise.

Einer der schrillsten Beiträge: In „Nachtmahr“ von Akiz tanzt ein junges Mädchen durch die Berliner Nächte, bis sie ein Monster im Keller findet. Oder hat sie nur zu viele Pillen genommen?

Einer der schrillsten Beiträge: In „Nachtmahr“ von Akiz tanzt ein junges Mädchen durch die Berliner Nächte, bis sie ein Monster im Keller findet. Oder hat sie nur zu viele Pillen genommen?

Foto: Achtung Berlin / BM

Einfach mal freischwingen! Füße an die Decke, hängen lassen und hin- und herpendeln. So macht sich Timo Jacobs in seinem neuen Film "Mann im Spagat" locker. Und mit dieser Lockerheit schwingt er sich gleich zum "Freischwinger für den Weltatem" auf.

Vor vier Jahren war der Berliner Schauspieler bereits mit seinem Regiedebüt "Klappe, Cowboy!" auf dem Achtung Berlin Festival. Jetzt hat er einen zweiten Film mit seinem Kunst-Alter-Ego Cowboy gedreht. Da ist alles noch ein wenig schräger und absurder. Und damit darf er das zwölfte Achtung Berlin Festival am Mittwoch sogar eröffnen.

Eine Fahrradrallye durch Berlin für eine bessere Welt

Dabei war die Ausgangsidee alles andere als komisch. Jacobs' Mutter musste in ein Pflegeheim, und es war gar nicht so leicht, ein gutes zu finden. "Ich dachte, das wär' doch ein Thema für eine Komödie", meint Jacobs lakonisch. Auch sein Cowboy sucht nach so einem Heim. Das aber ist teuer.

Deshalb will er selbst produziertes Wasser verkaufen. Und in Konkurrenz zu dem fiesen Tschick McQueen (Clemens Schick) und dessen Dreckschleudern-Autokurierdienst auch gleich noch einen garantiert umweltfreundlichen Fahrradkurierdienst aufbauen, für den er eine Rallye quer durch Berlin startet. Alles, um die Welt zu verbessern!

Wie schon bei seinem Erstling hat Timo Jacobs dabei fast alles selbst übernommen. Regie, Drehbuch, Produktion, Hauptrolle. Durch den großen Erfolg bei Achtung Berlin hat er aber auch Fördermittel vom Medienboard Berlin-Brandenburg erhalten – und einen Sponsor gewonnen. Deshalb kann Jacobs diesmal auch aufwendige Effekte auffahren.

Und er tritt auch auf die Promischiene. Er hat Kollegen wie Clemens Schick oder Meret Becker, immerhin amtierende Berliner "Tatort"-Kommissarin, einfach in seinem Kreuzberger Kiez angequatscht. Und sie haben alle zugesagt. Weil es, wie Clemens Schick betont, viel zu wenig Filme mit solch anarchischem Humor gebe.

Mutti winkt von oben zu

Der Mutter hat es leider nicht geholfen. Sie ist kurz nach den Dreharbeiten gestorben. Aber seinen Film versteht Jacobs nun als eine Art Monument für sie. Und: "Sie schaut jetzt bestimmt von oben herunter und zwinkert uns ein wenig zu."

Ob Timo Jacobs weiß, dasss es wirklich einen Freischwingerstuhl namens Timo gibt? Sein Freischwinger könnte jedenfalls zum griffigen Arbeitsmodell werden. Nicht nur für ihn, sondern auch für viele andere junge Filmschaffende aus Berlin und dem Umland, die ihre Werke oft meist jenseits der viel zu zähen Filmförderpolitik mittels Crowd­funding oder anderen innovativen Finanzierungswegen auf die Beine stellen.

Ein pralles Programm derartiger Filme aus und/oder über Berlin stellen die Festivalleiter Hajo Schäfer und Sebastian Brose nun ab Mittwoch acht Tage lang in sechs Berliner Kinos vor. Wobei Schäfer sich über das "Gejammer über den Zustand des Deutschen Films während der Berlinale" wundert. "Wir können das", sagt er nicht ohne Stolz, "mit Blick auf den aktuellen Produktionsjahrgang nicht nachvollziehen."

Mit "Wild" kann er sogar einen Film zeigen, den Regisseurin Nicolette Krebitz lieber in Sundance als auf der Berlinale zeigen wollte. Und vom soziokritischen Drama bis zum Horrorfilm "Der Nachtmahr" ist so ziemlich jedes Genre vertreten.

Dabei wird auch ein vibrierendes Berlin-Gefühl zelebriert: im Spielfilm "Desire Will Set You Free" etwa, in dem zwei Männer sich durch die Nächte treiben lassen und ihnen von Nina Hagen über Peaches bis Rosa von Praunheim alles begegnet. Und der Dokumentarfilm "Oh Yeah. Berlin", der 14 Künstler der Berliner Subkultur feiert, die ihre Stadt kreativ bereichern.

Gleich zwei Schwerpunkte gibt es in diesem Jahr auf dem Festival. Der eine lautet: Frauen. In gleich sieben von zwölf Wettbewerbsbeiträgen stehen Frauen im Mittelpunkt, in einigen wie "Lotte" oder "Luca tanzt leise" ist das schon im Titel abzulesen. Wo alle von Quote reden, hier wird sie erfüllt. Ein erfreuliches Signal gegen die allseits männerdominierte Branche.

Der andere Schwerpunkt sind Fluchtbewegungen. Wie schon im vergangenen Jahr zieht es viele Filmemacher aus der Stadt ins Umland – oder noch weiter weg. Was Produktionen wie "Ferien" oder "Fado" zeigen: Die Protagonisten müssen raus aus ihrem Alltag, um sich selbst in der Fremde zu entdecken. Fluchtbewegung, das funktioniert aber auch in die Gegenrichtung.

Live dabei bei einer Reha in der Charité

Die allgegenwärtige Flüchtlingskrise wird schon in den ersten und damit hochaktuellen Filmen gespiegelt. In einem Spielfilm wie "After Spring Comes Fall", wo eine Syrerin in Berlin ankommt und glaubt, in Sicherheit zu sein, bis sie der syrische Geheimdienst zwingt, Landsmänner auszuspionieren.

Oder in einer Dokumentation wie "Arlette. Mut ist ein Muskel" über ein Mädchen, das im Bürgerkrieg in der Zentralafrikanischen Republik angeschossen wurde und nun bei einer schmerzvollen Reha-Behandlung in der Berliner Charité von einer Kamera begleitet wird.

Einer der interessantesten Beiträge ist dabei das Projekt "Fluchtrecherchen". Regisseur Michael Klier hat Studenten der Konrad Wolf Filmhochschule Potsdam und der Bauhaus Universität Weimar zu Kurzfilmen zur Flüchtlingskrise aufgerufen. So sind in kürzester Zeit elf sehr unterschiedliche Beiträge entstanden.

Filme übers Weggehen, Ankommen und Warten, Filme, die direkt vor dem Berliner Lageso entstanden, aber auch an der österreichischen Grenze und auf griechischen Inseln. Einzelbeiträge, die zu einem großen Kaleidoskop werden. "Wir haben", sagt Laura Laabs, eine der Regisseurinnen, "als einzelne Filmemacher angefangen und sind dann zu einer Gruppe zusammengewachsen."

Neben den rund 80 Kurz- und Lang-, Spiel- und Dokumentarfilmen gibt es auf dem Festival wie immer auch zahlreiche Partys, Diskussionsforen, Branchentreffen und Workshops. Wer bei dem prall gefüllten Terminkalender zwischendurch mal den Kopf frei kriegen muss, der halte sich an den "Mann im Spagat": Einfach mal freischwingen.

Achtung Berlin Filmfestival 13.-20. April in den Kinos Babylon-Mitte, Bundesplatz, Filmtheater am Friedrichshain, Kino International, Tilsiter Lichtspiele und Neue Kammerspiele Kleinmachnow. Programm unter www.achtungberlin.de

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