Literatur

Juli Zeh: Verloren in Brandenburg

Untergang in Unterleuten: Fast wäre Juli Zeh ein grandioser Gesellschaftsroman gelungen

Foto: Thomas Müller

Es ist Abneigung auf den ersten Blick, als Frederik Jule sieht. „Die Sorte Frau kannte Frederik und hatte sie schon zu Schulzeiten nicht gemocht. Sie färbten ihr Haar mit Henna und batikten ihre Kleider und glaubten deshalb, dass sie auf der guten Seite der Welt standen, und zwar immer.“ Kathrin wiederum belächelt Frederik: „Er sah nett aus und ein bisschen albern, typischer Wahl-Berliner, mit ausgelatschten Turnschuhen, künstlerischen Ambitionen und den festen Entschluss, lieber zu sterben als erwachsen zu werden.“ Frederik hat eine Freundin, die Linda, die mit ihm zusammen ist, weil „er zu den seltenen Menschen gehören, die ihr nicht auf die Nerven“ gehen. Und Linda verachtet Gerhard, Jules Mann, weil er – früher Soziologiedozent in Berlin, heute Vogelschützer – ein sogenannter Killjoy ist: „Ein Killjoy suchte die Gründe für eigenes Versagen grundsätzlich bei anderen, vornehmlich bei der Gesellschaft.“

Man kennt sich in Unterleuten, einem Kaff in Brandenburg. Zumindest hat jeder eine Meinung über den anderen. Wer seine Ruhe haben möchte, für den ist das Dorf der falsche Ort. Juli Zeh kennt das Landleben, seit knapp zehn Jahren lebt sie im Landkreis Havelland. Für ihren Roman hat sie ein beträchtliches Personenarsenal erschaffen: Da sind die Einheimischen, die sich seit Jahrzehnten kennen, ihre Feindschaften pflegen, Geheimnisse teilen, Verbündete sind. Und da sind die Zugezogenen, die in der brandenburgischen Steppe wahlweise Geschäftsmodell, spirituelle Erbauung oder Abwechselung von der Hektik in der Stadt suchen. Unübersichtlich, wie gelegentlich in Rezensionen zu lesen war, ist es nicht. Vielmehr wird durch das Beziehungsgeflecht mit seiner Vielzahl von personalen Erzählern, die jeweils über wenige Seiten ihre Sicht beschreiben, der Leser nach kurzer Zeit Teil der Dorfgemeinschaft.

Juli Zeh entwirft in ihrem fünften Roman ein Gesellschaftspanorama, wie man es von amerikanischen Erzählern kennt, die Sprache ist klar und schnörkelfrei. Sie schreibt, das lässt sich wohl für alle Romane behaupten, die sie nach ihrem Debüt „Adler und Engel“ vorlegte, handlungsorientiert. Da in deutschsprachigen Roman oft auf erstaunlich vielen Seiten erstaunlich wenig passiert, hat Juli Zeh insofern eine Marktlücke entdeckt. „Unterleuten“ ist auch sofort nach Erscheinen hoch in die Charts eingestiegen, und wenn man die Kritiken auf dem Leserportal „lovelybooks.de“ über die „challenge mit Niveau“ richtig deutet, wird das Buch noch eine Zeit lang dort verweilen.

Man könnte schwören, dass man schon einmal dort war

Der Roman umfasst zwei Sommermonate im Jahr 2010 in Brandenburg. Unterleuten gibt es nicht, den Landkreis Plausitz gibt es auch nicht, aber man könnte schwören, dass man schon einmal dort war. Die dünn besiedelte Landschaft, die spärlichen Hinweise auf Zivilisation, die eigenschaftslose Landschaft. „Berlin lag nur eine Stunde entfernt und war doch weiter als der Mond.“ Zudem diese Hitze im Sommer, die „rücksichtslos, schattenlos, unbeeindruckt vom Wind“ ist. „Eine Variation auf das Thema Wüste.“ Ein Paralleluniversum, das vor den Toren Berlins entstanden ist, „unfreiwillig subversiv, fernab vom Zugriff des Staates, vergessen, missachtet und deshalb auf seltsame Weise frei“, eine Ökonomie mit archaischen Regeln: „Geld spielte eine geringere Rolle als die Frage, wer wem einen Gefallen schuldete.“ Für den mit allen dekonstruktivistischen Moden und systemtheoretischen Zeichendeutungen vertrauten Städter ist der putzige Ossi dabei originelles Anschauungsobjekt. Die aus die Berlin geflüchteten Jule und Gerhard konnten sich „über das Phänomen der Tauschgesellschaft begeistern wie Naturforscher, die unverhofft einen neuen Käfer entdeckt hatten“.

„Was zur Hölle willst du mit der halben DDR?”

Das Paar muss schneller als gewollt vom Posten des schmunzelnden Beobachters absteigen in die Kampfarena des Dorfes, denn Veränderungen stehen an. Das Land Brandenburg plant eine Windkraftanlage bei Unterleuten. Eine Nachricht, die gemischte Reaktionen hervorruft. Für den Großgrundbesitzer aus Ingolstadt könnte es nichts besseres geben, hatte er nicht kurz zuvor mehr aus einer Laune heraus ein gewaltiges Areal von 250 Hektar ersteigert und seine Exfrau – „Was zur Hölle willst du mit der halben DDR?” – in Rage gebracht. Der Bürgermeister freut sich auf den Windpark, weil neue Subventionen versprochen werden und diese die Finanznot der Gemeinde lindern würden. Auch der Chef des Landwirtschaftsbetriebes kommt die Nachricht zupass, da er weiß, dass er nicht mehr lange die Pacht für die Felder zahlen kann. Dessen Erzfeind wiederum, verbunden durch 50-jährige Feindschaft, die auch keinen Mauerfall beenden kann, wittert eine großkapitalistische Verschwörung hinter dem Vorhaben. Und Vogelschützer Gerhard fürchtet, irgendwie nachvollziehbar, die Köpfung unschuldiger Kampfläufer durch die Rotorblätter. Für Jule ist die ablehnende Haltung ihres Mannes trotzdem verwirrend. „Was regst du dich auf – erneuerbare Energien findest du doch gut.“

Und so hat dieser Roman alles, was man sich so wünscht und man erfreut sich an Beobachtungsschärfe, Witz, Tempo und Erzähllust, doch dann gerät das Dorf ins Rutschen und mit ihm der gesamte Roman. Juli Zeh hat auf 500 Seiten mit viel Liebe für die einzelne Figur ein brandenburgisches Universum erschaffen und nimmt sich anschließend 150 Seiten Zeit, um es zu zerstören. Am Ende sind alle tot, verletzt, verschwunden oder allein.

Zufrieden mit diesem Massaker wird das Buch vermutlich der Leser zur Seite legen, der es als Krimi verstanden hatte. Wer ihn als Gesellschaftsroman gelesen hat, wird das Ende enttäuschen und zwar maßlos und über Wochen. Auf der letzten Etappe werden ihre Figuren, die eben noch vor den eigenen Augen lebten, zu grotesken, unglaubwürdigen Gestalten, das Ganze wird zur einer Farce. Juli Zeh hat sich gegenüber dem „Tip“ enttäuscht gezeigt, dass sie beim Leipziger Buchpreis nicht berücksichtigt wurde, sie könne es sich „nicht richtig erklären“. Dabei ist das nicht schwer: Saša Stanišićs Roman „Vor dem Fest“ gewann vor zwei Jahren in Leipzig, auch er spielt im Sommer in der ostdeutschen Provinz in einem fiktiven Ort. Saša Stanišić liebt seine Figuren, er lässt sie ein Eigenleben führen, er kann schonungslos sein, aber er kennt auch Erbarmen.

Juli Zeh hatte alle Zutaten für einen exzellenten Gesellschaftsroman gesammelt. Kontrollzwang und Herzlosigkeit verhinderten ihn.