Seit Oktober 1999 ist Maybrit Illner mit ihrem Talk auf Sendung. Die 51-Jährige ist damit die dienstälteste deutsche Polittalk-Moderatorin. Das Interesse ist über die Jahre gleich geblieben und liegt bei 2,5 Millionen Zuschauern. Kontrovers sind die Diskussionen mit der AfD, sowohl während der Sendung als auch anschließend auf Facebook. Maybrit Illner hatte mit Frauke Petry und Jörg Meuthen beide Vorsitzende der Partei in letzter Zeit in ihren Talkrunden.
Berliner Morgenpost: Frau Illner, wie sind Ihre Erfahrungen mit AfD-Politikern?
Maybrit Illner: Sie wollen möglichst viel Redezeit. Insofern verhalten sie sich genau wie andere Politiker auch. Aber die Partei ist ein Phänomen: Sie verändert sich nahezu wöchentlich – auch nach dem Abgang von Lucke und Henkel. Man merkt die große Nervosität in der Parteispitze, besonders jetzt vor den Landtagswahlen; und man sieht, dass das Spitzenpersonal alte und neue Probleme hat.
Welche Nervosität beobachten Sie?
Frauke Petry ist innerhalb der Partei nicht unumstritten, da gibt es noch immer Machtkämpfe und ihre Aussage, dass die Bundespolizei notfalls auf Flüchtlinge schießen solle, inklusive Dementi, hat ihr bestimmt nicht geholfen.
In einer Ihrer letzten Sendungen war Jörg Meuthen eingeladen, der Co-Vorsitzende der AfD. Es ging um Integration, doch bevor er etwas zum Thema sagen konnte, wurde er erst einmal minutenlang von den Teilnehmern in die Zange genommen, weil ein AfD-Mitglied geschrieben hatte, dass „Leute wie Claudia Roth“ in Köln zu Sylvester „mittelbar mitvergewaltigt“ haben.
Ein AfD-Politiker muss sich genau wie andere Politiker gefallen lassen, mit den Aussagen von Parteifreunden konfrontiert zu werden. Da darf man nicht zimperlich sein. Und nur mal so: in diesem Fall ging es ja um sehr wahrscheinlich justiziable Vorwürfe.
Jörg Meuthen konnte nicht drei Sätze am Stück sagen, ohne dass ihn irgendjemand unterbrochen hat. Da hatten es andere Politiker in Ihrer Sendung einfacher.
Ich möchte Ihnen Ihren Eindruck nicht nehmen, aber ich fand das nicht. Wichtiger ist doch vielleicht, dass wir uns mit der AfD auseinandersetzen! Wir reden nicht über sie, sondern mit ihr. Die AfD vertritt eine Minderheitenposition, da kann sie nicht mit vielen Unterstützern in den Talkshows rechnen. Aber Stigmatisieren und Ignorieren sind zunächst mal keine besonders klugen Formen der Auseinandersetzung. Also wird bei uns mit der Partei gestritten. Unsere Zuschauer finden das fair, immerhin sind vielen unsere Sendungen mal zu links und mal zu rechts.
In den Programmleitlinien bekennt sich die Partei zur sozialen Marktwirtschaft und zur Solidargemeinschaft, für viele ist sie aber nur eine Vereinigung von Ausländerfeinden. Ist die Partei doppelgesichtig?
Das ist sie wenigstens. Sie erklärt Dinge zu Tabus, die keine sind, und sie macht Flüchtlinge zu einer Bedrohung. Und natürlich liegt ihr Aufschwung in eben dieser Flüchtlingskrise begründet. Das Thema ist so überwölbend, dass es manchen überfordert. Eine verrückte Situation: Deutschland ist in der wohl reichsten und besten Phase seiner Geschichte, deshalb kann es gefühlt auch viel verlieren: Freiheit, Frieden und kulturelle Identität. Die Politik scheint ratlos: Wenn es um so große Dinge geht, warum bieten wir dann so kleine Lösungen an? Warum sagt Merkel „Wir schaffen das“, und nicht auch mal, was wir eigentlich schaffen wollen?
Merkels letzte, etwas überraschende Ansage war doch: Sobald in Syrien wieder alles okay ist, verlassen die Syrer Deutschland.
Dass wir eine Million Menschen durch ein Asylverfahren schicken, das immer noch Monate braucht, ist schwer zu verstehen. Kontingentflüchtlinge könnten sofort arbeiten und viel schneller ein integriertes Leben führen. Sie merken, die Debatte ist mühevoll. Ein langer Weg, Abkürzungen sind da immer verlockend. Wir machen uns auf den längeren Weg und unsere Zuschauer gucken das jede Woche.
In Rheinland-Pfalz haben sich SPD und Grüne geweigert, mit AfD-Politikern vor der Landtagswahl zu diskutieren.
Das Ganze war nicht sonderlich schlau. Man hat mit maximaler Aufmerksamkeit das denkbar schlechteste Ergebnis erzielt. Aber auch Journalisten sollten eine klare Formatidee haben und zu ihr stehen. So blieb der falsche Eindruck, dass Politiker sich Sendeformate irgendwie wünschen können. Es muss immer eine freie journalistische Entscheidung bleiben, wer wann in welche Sendung kommt.
Sie laden also alle ein?
Ja, und wir diskutieren das jede Woche in der Redaktion. Wenn die AfD irgendwann nur noch zu Hass und Gewalt aufruft, sind diese Politiker nicht mehr unsere Gäste. Das ist die Grenze. Aber bis dahin ist es wichtig, mit ihnen zu streiten – und nicht über sie. Haltungen sind nicht weg, in dem man sie verschweigt. Wir sollten die AfD nicht den Satirikern überlassen.
Für jede Haltung findet man immer ein paar Sympathisanten im Internet.
Die Debatte im Netz kommt mit einer Schnelligkeit und mit einer Brutalität daher, die wir bisher nicht kannten. So wie man früher von Inselbegabten sprach, scheint es heute eine Menge Inselinformierte zu geben. Manche halten nur noch Informationen für wahr, die ihrer Meinung entsprechen. Die Idee einer demokratischen Gesellschaft ist eine andere: Nämlich nicht im eigenen „Timeline“- Tunnel zu bleiben, sondern das ganze Bild zu sehen.
Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie die Facebook-Seite Ihrer Sendung lesen?
Mir geht da nichts Gutes durch den Kopf. Dass es knapp 20 Prozent im Land gibt, die meinen, dass die Demokratie ein Grauen ist, ist sicher nicht neu. Neu ist, wie enthemmt sie sich äußern. So auch auf unserer Seite. Aber vielleicht hat das doch etwas Gutes. Endlich kann man ihnen mal ins Hirn schauen.
Neun von zehn Kommentatoren finden alles, was Sie machen, schlecht: Moderation, Auswahl der Gäste, das ZDF sowieso. Und sie zeigen offen ihre Verachtung.
Das ist zum Teil unappetitlich. Es unterstellt ja nicht nur, dass wir bewusst Informationen zurückhalten, sondern auch, dass wir von Frau Merkel oder am besten gleich den Amerikanern gelenkt seien. Dagegen steht nur ein Satz: Das ist falsch. Ich habe in den 17 Jahre, in denen ich diese Sendung mache, noch nie eine Form von Zensur erlebt. Ja, ich bin entsetzt und wütend über das, was ich auf Facebook lese. Und nein, ich glaube nicht, dass man da bei jedem noch viel argumentieren kann. Wir brauchen eine souveräne Haltung. Journalisten sollten einfach sauber ihre Arbeit machen.
Es ist nur schwer mit Personen zu argumentieren, für die man per se Teil einer Lügen- und Systempresse ist.
Wenn jemand der Auffassung ist, dass wir lügen, nur weil andere Positionen zu Wort kommen oder dass Journalisten allgemein lügen, dann endet da jede Debatte. Das andere Argument ist doch keine Lüge, sondern das nennt man Pressefreiheit.





