Nora erläutert die Vorteile einer Viererbeziehung: „Wenn einer sauer ist, sind es immerhin zwei nicht, wenn einer schlafen will, möchten bestimmt zwei noch weiterziehen, und wenn man keine Lust zum Kochen hat, haben es die anderen drei ganz sicher auch nicht, dann bestellt man eben Pizza.“ So etwas geht auf Dauer nicht gut, das weiß auch Nora, die vieles ohnehin weiß und sich deshalb die Mühe spart, etwas zu tun.

Um die vier geht es: Karl ist neurotisch, Jonas hoffnungslos, Nora apathisch. Bei Leonie ist die Lage nicht eindeutig: „Ich wusste bei Leonie nie, ob sie darüber nachdachte, sich die Wimpern zu tuschen oder sich das Leben zu nehmen.“ Irgendwann werden die vier plus Leonies Tochter und einer Schildkröte ans Meer fahren, mehr ein Ausbruch aus der Stadt als ein Urlaub. „Selbst das Strandhaus versprach nichts, als wir ankamen, sondern stierte uns nur ratlos an. Ich lief an den Strand, das hilft, sagt man.“

Seit zehn Jahren die gleichen, matten Gespräche führen

Manche Bücher krakelt man voll, weil es so viel wunderbare Sätze gibt, manche sind wunderbar, weil die Erzählung mitreißt, zumeist ist weder ein Satz noch die Erzählung bemerkenswert, geschweige denn erinnerungswürdig. Ronja von Rönnes Romandebüt „Wir kommen“ (Aufbau, 208 Seiten, 18,95 Euro) ist ein Krakelbuch. Man unterstreicht und unterstreicht und fragt sich, warum man das macht, denn die spannungsfreie Handlung ohne Fragestellung interessiert nur milde: Sogenannte „Kreative“ in sogenannten „Kreativbranchen“ versuchen sich in einer originellen Lebenshaltung, sind früh vom Leben ermüdet und landen dann doch in hellen Altbauwohnungen. Auf Partys sind die Leute zwischen 30 und 50 Jahre alt: „Das heißt, dass viele von ihnen seit über zehn Jahren genau die gleichen, matten Gespräche führten.“

Ronja von Rönne hat in diesen Tagen mit ihrem Erstling eine beachtliche Aufmerksamkeit erzielt. Die hat sie erarbeitet. Sie war im vergangenen Jahr beim Bachmann-Preis eingeladen und hat eine Interviewerin mit wenigen Sätzen niedergemäht, weil sie das Wort „schmunzeln“ verwendete. In einem Beitrag für die „Welt am Sonntag“ schrieb sie, dass sie der Feminismus anekelte und bekam auf Facebook 23.000 Likes. Der „Spiegel“ veröffentlichte über sie einen als Artikel getarnten Liebesbrief eines Redakteurs: „Sie kann sehr unausgeschlafen aussehen und mit einem Klick ihre Augen auf Betörung umschalten, sie ist schnell und charmant und möglicherweise auch ein wenig manipulativ.“ Die „Zeit“ liebt sie auch, möchte oder kann es aber nicht so direkt sagen: „Rönnes Roman ist ein Kraftakt der Selbstreflexion und Sprachkritik, das Glanzstück eines sich selbst im Vollzug demontierenden Schreibens.“ Mit anderen Worten: Sie sieht gut aus, wirkt wohldosiert melancholisch und verrucht und ist damit eine ideale Projektionsfläche.

„Keiner erwartet von mir, dass ich mich selbst verwirkliche“

Zwei Handlungsstränge hat „Wir kommen“. Da ist Noras Jugendfreundin Maja. Die ist tot, erfährt der Leser, aber eindeutig ist die Lage nicht. Nora schreibt ihr immer wieder Mails, aber es kommt keine Antwort. Man erfährt von Streichen von früher, als sich die beiden Mädchen auf Autodächer auf dem Kaufland-Parkplatz setzten, wie Maja einen alten Mann scharfmachte und ausnutze und wie Maja Sätze sagte wie: „Ich will einen Schwimmpool, einen Gärtner und böse Menschen mit einem Ferrari plattfahren.“ Maja ist bevormundend und aggressiv, als Figur eindimensional und unglaubwürdig. Maja ist einem erst egal, dann nervt sie, am Ende nimmt man sie hin wie eine Halbzeitpause.

Die Nora der Gegenwart interessiert. Sie ist Schauspielerin für Werbesendungen, sie macht es gern: „Die Menschen am Set sind nett, und keiner erwartet von mir, dass ich mich selbst verwirkliche.“ Ihr Umfeld sieht das nicht so, Karl wäre es lieber, sie wäre Dokumentarfilmerin, was Kreatives und schlecht Bezahltes halt. Nora und Karl kommen aus dem gleichen Dorf. Sie waren mal zusammen, dann haben sich Karl und Leonie kennengelernt, und nun sitzt Nora in Karls Wohnung bei einem Abendessen zu dritt verloren in bekanntem Terrain. Kurz bevor Nora an ihrer eigenen Fassungslosigkeit verzweifelt, klingelt es: „Vor der Tür stand ein Mann. Der Mann hatte regennasses, braunes Haar, einen verhuschten Blick und war ein Stück größer als Karl. Ich rief in die Küche, dass ich mich verliebt hätte, sie bräuchten sich keine Sorgen mehr zu machen.“

Ein schöner Einstieg in die Liebe, und in der Folgezeit ist sie „eifrig wie ein Erstklässer“ und steckt ihre „ganze Energie ins Verzaubern und Phantastischsein“. Die Energie war zuerst da, aber gleich danach meldet sich auch sofort die Angst vor dem Ende, die aber gar nicht aufkommen darf, „denn sonst bleibt man nur stehen, schaut sich verwirrt um, wird müde, und irgendwann zuckt einer schneller als der andere mit den Schultern“.

Nora führt ein Leben quasi ohne Verpflichtungen, die Eltern stellen keine Erwartungen, sie hat keine Kinder, einen Chef hat sie nicht, nur eine fürsorglich-nervende Agentin. Trotzdem hat Ronja von Rönne kein Buch über junge Menschen mit leicht egomanischem Hang zur Dramatik verfasst. „Ich habe keine Lust am Leben und Angst vor dem Tod“, heißt es in Michel Houellebecqs Roman „Plattform“. Melancholie, Schwermut und Lebensüberdruss sind alterlos.