Literatur

Christoph Heins neuer Roman: Ein deutsches Leben mit der Erblast

So war es: Das Buch des Berliner Autors ist in Inhalt und Sprache ganz in der vordigitalisierten Welt des vergangenen Jahrhunderts verhaftet.

Ein Dramatiker in Szene gesetzt: Christoph Hein in Chemnitz mit Kamin und Schweinen

Ein Dramatiker in Szene gesetzt: Christoph Hein in Chemnitz mit Kamin und Schweinen

Foto: Robert Schlesinger / picture alliance / Robert Schles

„Ein deutscher Schullehrer, was gibt es da groß zu erzählen“, fragt sich Konstantin Boggosch mit knapp 70 Jahren auf den letzten Seiten des Romans „Glückskind mit Vater“. Eine ganze Menge, wenn es nach seinem Autor, dem Berliner Schriftsteller Christoph Hein geht. Denn Konstantin Boggosch ist der Sohn eines Massenmörders, eines Kriegsverbrechers und raffgierigen Kriegsgewinnlers in der Nazizeit, den Konstantin nie kennengelernt hat, weil er 1945 in Polen sofort hingerichtet worden ist. Trotzdem wird der unbekannte Mann sein Leben bestimmen, eine Erblast bleiben, aus Boggosch eben jenes Glückskind mit/trotz Vater machen, so wie Deutschland ein ziemlich glückliches Land mit und trotz seiner Vergangenheit ist.

Glückskind mit Vater also, wo aber ist da das Glück?

Als großen Deutschland-Roman kündigt der Verlag Christoph Heins Buch an (Suhrkamp, 527 Seiten, 22,95 Euro), das am Montag erscheint, und tatsächlich mag es derzeit wohl kaum eine deutschere Geschichte geben. Deutsch im Sinne der Geschichtsverarbeitung, alt-deutsch sogar, ohne an die Negativ-Konnotation des „alten Europas“ durch Donald Rumsfeld anknüpfen zu wollen, weil der Roman in Inhalt und Sprache ganz in der vordigitalisierten Welt des vergangenen Jahrhunderts verhaftet ist.

Glückskind mit Vater also, wo aber ist da das Glück? Seine Mutter verdankt ihrem Konstantin die Freiheit, weil sie zu Kriegsende mit ihm hochschwanger ist und nur deshalb als Frau des Kriegsverbrechers nicht sofort verhaftet wurde. Obwohl sie selbst nichts von den Taten ihres Mannes wusste und obwohl sie den Familiennamen von Müller zu Boggosch ändert, wird den Söhnen Konstantin und Gunthard nicht die Gnade der späten Geburt zuteil. Alle in der Heimatstadt wissen, wer der Vater war, tuscheln, machen Andeutungen, die Konstantin zunächst nicht verstehen kann. Im Wald heißt ein Gelände immer noch KZ, weil dort ein Lager geplant war, mit einkalkulierter Lebenserwartung von höchstens drei Jahren, auch das ein Vater-Projekt.

Kinder haften für ihre Eltern, Sippenhaft als Makel

Der große Bruder Gunthard hält schon länger Kontakt zum wohlhabenden Onkel im Westen, der von Siegerjustiz und unrechtmäßiger Exekution seines Bruders fabuliert, sich der eigenen Verantwortung nicht stellen will und es dort offenbar auch nicht tun muss. In der DDR sieht das ganz anders aus, auch wenn das hier nur als systemimmanenter Prozess ohne jedwede moralische Ansprüche geschildert wird. Kinder haften für ihre Eltern, Sippenhaft als Makel ist das sinnentleerte Rezept im Umgang mit der Vergangenheit. Als Fabrikanten- und Kriegsverbrechersöhne dürfen beide quasi mit Doppelquote trotz aller Begabung natürlich nicht die höhere Schule besuchen.

Gunthard will in den Westen, will seine Herkunft durch Geschichtsklitterung aufpolieren. Konstantin dagegen, dem die Schuld des Vaters ganz bewusst wird, wählt die totale Flucht. Er träumt von der Fremdenlegion, schlägt sich tatsächlich über Westdeutschland bis nach Südfrankreich durch, wo die Soldaten dem Teenager eine demütigende Abfuhr erteilen. Er arbeitet daraufhin in einem Antiquariat, wird von ehemaligen Résistance-Kämpfern protegiert, bis sein toter Vater den Verbleib auch hier unmöglich werden lässt.

Ein Wendehals wird ihn beim zweiten Mal um seinen Posten bringen

Mit einem französischen Schulabschluss kehrt Konstantin kurz vor dem Mauerbau in die DDR zurück. Er bleibt auch dann nicht in seiner Heimatstadt, versucht abermals vor dem Erbmal zu fliehen, findet wieder Unterschlupf in einem Antiquariat, geht zur Abendschule. Sein großer Traum von der Filmhochschule lässt sich nicht realisieren, seine Sprachbegabung und private Beziehungen öffnen ihm jedoch die Tür zur Pädagogik. Er wird Lehrer, heiratet, wird Vater, erleidet einen schweren Schicksalsschlag. Sein nächster Anlauf, sein Leben endlich selbst zu beherrschen, lässt ihn bis zum Schuldirektor aufsteigen. Doch er bleibt bis zum Ende fremdbestimmt, mal abhängig von der Gnade derer, die die Geschichte seines Vaters kennen, mal ausgeliefert den Wechselbädern der Politik oder den statistischen Unwägbarkeiten, die das Leben für alle mit sich bringt. Die Angst des Systems vor Gorbatschow kostet ihn das erste Mal die Schuldirektorstelle, ein Wendehals wird ihn beim zweiten Mal um seinen Posten bringen. Trotzdem bleibt Konstantin ein Glückskind, relativ gesehen, weil er im Lehrerberuf seine wahre Berufung findet, weil er trotz oder gerade wegen dieser Familiengeschichte mit einer hohen Moralität durchs Leben geht, sich seinen Erfolg, sein kleines Glück selbst erzwingt, sich nicht korrumpieren lässt.

Der schwächste Teil in Christoph Heins Roman ist die dankenswerterweise kurz gehaltene Rahmenhandlung, in der die heutzutage obligatorisch mit der Presse verknüpfte Klischee-Super-Chauvi-Fantasie der völlig ahnungslosen, naiven „Redaktionsmaus“ auftaucht. Das „Mädchen“ bittet um ein Interview für die Regionalzeitung, was dann den Erinnerungsmotor zum Laufen bringt. Irritiert wird der Leser zudem durch den recht groben Taktwechsel der Geschichte von relativ gemächlich und manchmal allzu detailliert geschilderten Studienjahren bis zur Tour de force durch die Wendezeit. Zwischenzeitlich kommt das Gefühl auf, dass der Autor eine nicht vorhandene Chronistenpflicht erfüllen will, und dass Konstantin dabei als Figur verloren geht.

Der Geschichte liegen „authentische Vorkommnisse“ zugrunde, lässt uns Hein zu Beginn wissen, „die Personen der Handlung sind nicht frei erfunden“. Sein Ziel, möglichst mitleidlos aufzuschreiben, was er erfahren hat, wie er seine Arbeit selbst einmal beschrieben hat, „ohne Botschaft“, kann er natürlich nicht erfüllen. Denn der knurrige „Schweiger“ Konstantin Boggosch und der Emotionsminimalist Hein teilen einen festen moralischen Kompass, der auch in diesem Roman die stärkste Botschaft ist. Zum 70. Geburtstag hat Schriftsteller Jakob Hein beklagt, dass Christoph Hein immer noch als „Ostler“, als Ex-DDR-Schriftsteller gesehen wird. 2016 scheint selbst das historisiert. Bei all dem neuen Chaos in der Welt bringt der Blick zurück nun das lang erwartete Gefühl der Einheitlichkeit.