Auszeichnung

Ein Abend, der ganz Frank Castorf gehört

In der Akademie der Künste erhält der Noch-Intendant der Volksbühne den Großen Kunstpreis. Er bringt seine Mutti mit. Aber danken tut er nicht.

Eine große Ehre – oder auch ein Preis, um den Abschied glimpflicher zu machen? Volksbühnen-Intendant Frank Castorf

Eine große Ehre – oder auch ein Preis, um den Abschied glimpflicher zu machen? Volksbühnen-Intendant Frank Castorf

Foto: Stefan Beetz

Er hat Mama mitgebracht. Frau Castorf thront mit lässiger Eleganz neben ihm im Plenarsaal der Akademie der Künste (AdK) am Pariser Platz. Dort bekommt ihr Sohn, Star-Regisseur und seit 24 Jahren Chef der Volksbühne, aus der Hand des Regierenden den Großen Kunstpreis Berlin (nebst 15.000 Euro). Delikate Sache.

Immerhin hat ihm Michael Müller per 2017, dann ist Castorf 66, als erste Handlung im Amt als Kultursenator den Job gekündigt. Dafür dezidiert er ihm jetzt „Spezialistentum“ in Sachen Revolution und Umbruch sowie genaues Wissen um die Wunden, die solcherart Zäsuren im Menschen schlagen.

Die Gedanken rattern wie im Flipperautomat

Für das Geld, das er dafür bekomme, kontert Castorf, müsse er nicht dankbar sein. Kunst habe nichts zu bestätigen. Sie imaginiere autonome, vieldeutige, irritierende, animierende Kunstwelten. Schauspieler Ulrich Matthes dazu in seiner Laudatio: Er fühle sich in Castorfs schier unendlichen Assoziationsräumen wie am Flipperautomat, so ratterten ihm die Gedanken und Impulse hochtourig durchs Hirn.

Die AdK-Jury, die Schauspieler Constanze Becker und Matthes sowie der Klassik-Sänger Christian Gerhaher, schreibt zu ihrer „aus vollem Herzen“ getroffenen Entscheidung, Castorf sei ein „Großkünstler vom Range eines Picasso für das Theater“, von dessen Werk eine „Energie und Strahlkraft“ ausgehe, mit der sich jeder auseinandersetzen müsse.

Ein Chaos, das vitalisiernd wirkt

Frankie, der alte Rocker in Jeans, Schlabberjackett, das schüttere Haar kurz (!) geschoren, bedankt sich für dieses späte Geschenk (zum Abschied?) seiner Heimatstadt mit einer weit wabernden Rederei. Kurz gesagt, geht es ihm um den Mut zur Freiheit im Denken und Spielen. Mit dieser Offenheit für viele Arten Denkspiele gelang anno 1992 die Rettung der vorm Aus stehenden Volksbühne und ihr Aufstieg in den Weltruhm.

In der dann anarchisch gekracht und artistisch geturnt, in der alles exzessiv zerlegt wird und in der ein Chaos tobt, das allerdings unglaublich vitalisierend wirke für Kopf und Gemüt – sagt Matthes in seiner Lobrede.

Und dann gibt es noch die kleinen Preise

Diese Nacht gehörte Castorf, aber es gab auch noch die „einfachen“ Kunstpreise der einzelnen Sparten: für den Fotokünstler Sven Johne, das Architektenbüro Kertsen Geers David von Severen, den Komponisten Stefan Prins, die Autorin Angelika Meier, die Sopranistin Anna Prohaska und den Tonmeister Peter Avar. Die mit je 5000 Euro Gesegneten werden im Gespräch vorgestellt – eine arg ins Längliche getriebene Zeremonie. Schade.

Bleibt anzumerken: Akademiepräsidentin Jeanine Meerapfel und Politchef Müller verweisen in ihren Grußadressen auf den 1948 in Bezug auf die 1848er-Revolution begründeten „Kunstpreis Berlin“. Er erinnere an die für Schwarz-Rot-Gold gefallenen Vorkämpfer der Demokratie. Was heute mit Blick auf AfD die Frage aufwerfe, in welchem Staat wir leben wollen. Eine Antwort darauf gab dieser Abend.

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